Ostsee-Pipeline

1224 Kilometer für die Energiewende

Erdgas statt Atomkraft: Tempo und Dramatik der deutschen Energiewende sind in diesen Tagen nirgendwo deutlicher zu spüren als im kleinen Ostseebad Lubmin bei Greifswald. Einst Standort des größten Atomkraftwerks der DDR, wandelt sich die 2000-Seelen-Gemeinde ab Dienstag zu einem der Zentren der ökologischen Energiewende in Deutschland.

An diesem Tag weiht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gemeinsam mit Russlands Präsident Dmitri Medwedew und den Regierungschefs aus Frankreich und den Niederlanden die neue Ostsee-Pipeline "Nord Stream" ein. Sie verbindet Westeuropa erstmals direkt mit den gewaltigen Erdgas-Reserven Russlands. Gas, das für das Gelingen der Energiewende in Deutschland dringend benötigt wird. Zu dem Transit über Weißrussland, Ukraine und Polen, der sich in den vergangenen Jahren als störungsanfällig erwiesen hat, gibt es damit nun endlich eine Alternative. Für den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der als "Vorsitzender der Aktionärsausschusses" das Pipeline-Konsortium vertritt, stellt die Einweihung der Röhre einen "Meilenstein" in der Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen dar.

Schröder, der seine Arbeit für das internationale Pipeline-Konsortium auch nach der Inbetriebnahme fortsetzen will, übertreibt mit dieser Einschätzung keinesfalls: Denn die europäisch-russische "Energiepartnerschaft" hatte zuletzt stark gelitten. Erst vor zwei Jahren eskalierte der Streit zwischen Russland und der Ukraine um unbezahlte Gasrechnungen derart, dass Westeuropa mitten im Winter nahezu zwei Wochen lang vom Brennstoff-Nachschub fast völlig abgeschnitten wurde.

Wie angeschlagen das Vertrauensverhältnis immer noch ist, zeigte sich erneut Ende September diesen Jahres, als die EU-Kommission in ganz Europa die Büros all jener Gaskonzerne durchsuchen ließ, die Geschäftskontakte mit dem russischen Monopolisten Gazprom pflegten. Ob die Durchsuchungen den Verdacht auf "wettbewerbswidriges Verhalten" bestätigten, wurde bislang nicht bekannt: Das Ergebnis der Durchsuchungen wird von den Brüsseler Wettbewerbshütern immer noch ausgewertet.

Mit der Inbetriebnahme der Ostsee-Pipeline wird die viel beschworene "Energiepartnerschaft" zwischen der EU und Russland nun sehr viel unkomplizierter. Der jahrelange Transitstreit zwischen Moskau und Kiew stellt dann keine Gefahr mehr für die Gasversorgung Europas dar. Während für den ganzen Kontinent dank der alternativen Transportroute die Versorgungssicherheit steigt, ergibt sich für die Bundesrepublik zudem ein wichtiger Zusatznutzen: Die Leitung bringt auch mehr Brennstoff für die neuen Erdgas-Kraftwerke heran, mit denen die ökologische Energiewende in Deutschland flankiert werden soll.

Neue Brücke ins Ökostrom-Zeitalter

"Wenn wir nun schneller aus der Kernenergie aussteigen, dann wird sich zeigen, dass wir Ersatzkraftwerke brauchen, nach meiner Meinung vornehmlich Gaskraftwerke", hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem im Sommer beschlossenen Atomausstieg zu Protokoll gegeben. Weil offenbar nur Gaskraftwerke schnell genug steuerbar sind, um das ständig schwankende Aufkommen an Wind- und Solarstrom auszugleichen, glaubt auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), dass die wahre "Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien" eben nicht Atomkraft, sondern das relativ saubere Erdgas ist. Haben Erdgas-Kraftwerke heute einen Anteil von rund 14 Prozent an der deutschen Stromversorgung, könnte sich der schon in wenigen Jahren auf weit über 20 Prozent ausdehnen, glauben Energiemarkt-Beobachter.

Denn auch ein weiterer, durchaus entscheidender Teil des Energiekonzepts der Bundesregierung basiert auf diesem flüchtigen Brennstoff: Die kombinierte Erzeugung von Strom und Wärme in so genannten KWK-Anlagen. In Zukunft sollen nach den Vorstellungen der Bundesregierung Hunderttausende Haushalte diese Kraft-Wärme-Kopplung in kleinen, dezentralen Kellerkraftwerken betreiben und ihren Strom- und Wärmebedarf damit selbst decken. Betrieben werden die unerreicht effizienten "Zuhause-Kraftwerke" in der Regel mit Erdgas. Der Bedarf ist also da - und kann mit der Inbetriebnahme von immer mehr Erdgas-Autos sogar noch rasant steigen.

Da die deutschen, niederländischen und britischen Erdgas-Quellen aber langsam zur Neige gehen, muss der Brennstoff künftig vor allem aus der norwegischen Nordsee - und eben aus Russland kommen. "Die Entscheidung unserer Partner, aus der Atomkraft auszusteigen, führt zu einer höheren Nachfrage nach Erdgas", fasst Russlands Botschafter in Berlin, Wladimir Grinin, die Lage zusammen: "Als größter Gasförderer der Welt steht Russland bereit, diese Nachfrage zu decken."

Wechselseitige Abhängigkeit

Der früher heftig ausgetragene Streit um die Frage, ob die direkte Pipeline-Anbindung an Russland den Westen in eine prekäre "Abhängigkeit" bringt, dürfte die Feierlichkeiten in Lubmin an diesem Dienstag wohl kaum noch stören. Inzwischen hat sich an beiden Enden der Ostsee die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Abhängigkeiten eher wechselseitig sind, und damit politisch nicht mehr ausgeschlachtet werden können: Russlands Abhängigkeit vom Geld seiner Kunden in der EU dürfte mindestens ebenso groß sein wie die Abhängigkeit der Europäer von russischem Erdgas.

Überdies haben sich die Handelsbeziehungen inzwischen so stark verflochten, dass zwischen Lieferanten auf der einen und Abnehmern auf der anderen Seite nicht mehr klar unterschieden werden kann. Längst sind westliche Konzerne, allen voran die BASF-Tochter Wintershall und die E.on Ruhrgas AG, an der Ausbeutung der großen Erdgasfelder in Sibirien direkt finanziell und technisch beteiligt.

Das trifft insbesondere auf die riesige Lagerstätte Juschno-Russkoje zu, aus der sich die neue Nord-Stream-Pipeline vor allem speisen wird. Andersherum ist der russische Erdgas-Gigant Gazprom bereits an Kraftwerken und Speichern in der Europäischen Union beteiligt, und er will auch stärker auf dem Endkundenmarkt aktiv werden. Das sorgt für gleichgerichtete Interessen beim Pipeline-Betrieb, die auch in der recht ausbalancierten Zusammensetzung des Nord-Stream-Konsortiums zum Ausdruck kommen: Neben dem Hauptaktionär Gazprom mit 51 Prozent sind die großen deutschen Importeure Wintershall und E.on mit jeweils 15,5 Prozent an der Pipeline beteiligt. Die niederländische Gasunie und die französische GDF Suez halten jeweils neun Prozent.

Ein Teil des Gases, das ab Dienstag durch die neue, 1124 Kilometer lange Unterwasserröhre fließt, entstammt den Liefermengen, die bislang durch die alten Pipelinesysteme Weißrusslands und der Ukraine in den Westen kamen. Diese Transitländer dürften damit in Zukunft weniger Gebühren für die Durchleitung des Brennstoffs kassieren. Ein schwerer Schlag für die ohnehin überstrapazierten Staatshaushalte dieser Länder.

Gaspreise sinken vorerst nicht

Allerdings transportiert die Nord Stream auch neue Gasmengen. Entsteht damit ein Überangebot, das die Gaspreise in Deutschland purzeln lässt? Immerhin soll ja in einigen Jahren auch noch eine weitere neue Pipeline namens "Nabucco" Erdgas vom Kaspischen Meer über Südost-Europa in die EU bringen - ein Projekt, für das Schröders früherer Außenminister Joschka Fischer die Werbetrommel rührt und an dem die RWE AG beteiligt ist.

Doch ob die neuen Gasleitungen den Brennstoff auch billiger machen, ist noch nicht abzusehen. Rainer Wiek vom Energie Informationsdienst (EID) in Hamburg ist da eher skeptisch. Er sehe "keine unmittelbare Wirkung auf die Preise", sagte der Energiemarkt-Experte. Denn die ersten Gasmengen, die durch die Röhre geschickt werden, dürften nur der Erfüllung langfristiger Lieferverträge dienen, deren Preise schon lange fixiert sind.

Mittelfristig könnte sich das Bild aber ändern: Wegen der größeren Leitungskapazität könnten nämlich in Zukunft immer öfter auch mal Gasmengen übrig bleiben, die an den sogenannten Spotmärkten kurzfristig gehandelt werden können. "Und das bedeutet dann Druck auf die Preise", sagt Marktbeobachter Wiek.

Die Gasimporteure im Westen wollten sich außerdem auch kaum noch mit den früher üblichen Langfrist-Verträgen über 40 Jahre an den russischen Produzenten Gazprom binden. "Die Käufer wollen moderne Preismechanismen, die sich stärker am Spotmarkt orientieren und damit mehr Flexibilität für Handelsgeschäfte erlauben", sagt Wiek. "Diesem Trend wird sich auch eine Gazprom langfristig nicht entziehen können."