Berliner Spaziergang mit Fritzi Haberlandt

Die Mary Poppins von Tempelhof

Vielleicht sagt die Sache mit der Haarsträhne ja schon alles. Wir sind seit mehr als einer Stunde unterwegs, erst drinnen im Flughafen, mittlerweile draußen auf dem Tempelhofer Feld, und Fritzi Haberlandt hat eine Haarsträhne im Mund. Schon seit Minuten. Sie kaut nicht darauf herum, es ist eher so, dass einige wenige dunkel gefärbte Haare an ihrem Mund kleben.

Sie müssten sie eigentlich stören, aber das ist etwas, das man schnell über Fritzi Haberlandt lernt: Sie lässt sich nicht ablenken. Nicht vom Publikum, wenn sie auf der Bühne steht, nicht vom Wind, der ihr Tränen über die Wangen treibt, und schon gar nicht von ein paar Haaren.

Denn Fritzi Haberlandt ist immer ganz bei sich und dem, was sie gerade tut. Und wenn es nun mal wie in diesem Moment darum geht, zu erklären, warum sie gerne Mary Poppins spielen würde, dann ist das eben wichtiger als Haare am Mund. "Wie cool das ist", sagt sie, "die kommt einfach mit dem Regenschirm angeflogen und zeigt den Kindern, dass das Leben verrückt und bunt und laut und lustig und liebevoll ist. Die ist so unabhängig und frei, das finde ich toll." Eigentlich müsste man Fritzi Haberlandt in diesem Moment nur einen Regenschirm in die Hand drücken. Ganz bestimmt könnte sie damit einfach aufsteigen bis hoch in die Wolken und irgendwohin fliegen. Denn es ist ja so: Wenn Mary Poppins sich aussuchen könnte, von wem sie gern gespielt werden würde, dann fiele die Wahl wohl auf Fritzi Haberlandt. Die Besonderen haben sich ja schon immer für sie interessiert. Weil sie das Besondere in ihr gesehen haben.

Der Erste war Robert Wilson, einer der einflussreichsten Theaterregisseure weltweit, der sie schon im zweiten Studienjahr an der Schauspielschule Ernst Busch für gleich drei Stücke engagierte. Kurz nach dem Abschluss 1999 drehte sie dann mit Rainer Kaufmann die Roman-Adaption "Kalt ist der Abendhauch" von Ingrid Noll und wurde dafür 2000 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Im gleichen Jahr kürte sie das Fachmagazin "Theater heute" zur besten Nachwuchsschauspielerin des Landes. Den Titel erhielt sie im Jahr darauf gleich noch einmal. Da war sie gerade 26. Fritzi Haberlandt ist heute 36 und immer noch Kritikers Liebling. Es gibt eigentlich gar keine negativen. "Doch, doch", sagt sie, "die habe ich bloß alle aus dem Internet gelöscht." Sie lacht. Ihr ist das ein bisschen unangenehm, aber man kann das ruhig mal sagen: Sie ist eine Sensation. Darin waren sich immer alle einig. Sie war es als männermordendes Frauchen in Kniestrümpfen in Michael Thalheimers "Lulu" oder als niedlich-bockige Lotte in Jan Bosses "Die Leiden des jungen Werthers". Und sie ist es auch auf der Leinwand, als sanftmütige Blinde in "Erbsen auf halb 6" etwa, wo sie mit offenen Augen eine verschlossene Welt erkundet, als könnte sie wirklich nicht sehen. Oder gerade jetzt, in "Fenster zum Sommer", einem Zeitsprungfilm, der in dieser Woche in den Kinos angelaufen ist. Im Zentrum des Films steht die Frage: Was, wenn ich einen Teil meines Lebens noch einmal (er)leben müsste? Würde ich alles wieder genauso machen? Oder ganz anders?

Fritzi Haberlandt spielt Emily, die beste Freundin der Protagonistin (Nina Hoss). Emily ist spontan, gefühlvoll, naiv, unverblümt, trägt ihr Herz auf der Zunge und sucht einen Mann, der sie aufrichtig liebt und damit klarkommt, dass sie einen kleinen Sohn hat. Der Film ist ihr sehr wichtig, denn sie hat ihn von Anfang an begleitet. Fünf Jahre lang bis zur Premiere. Der Regisseur, Hendrik Handloegten, ist ihr Lebensgefährte. Das muss doch schwierig sein, morgens neben dem Regisseur aufzuwachen, tagsüber seine Anweisungen zu befolgen und sich abends wieder neben ihn ins Bett zu legen. Aber Fritzi Haberlandt sagt, das sei eigentlich eher leicht. "Es geht wirklich, dass wir uns als Regisseur und Schauspielerin am Set begegnen, wir haben uns ja so auch kennengelernt." Das war 2003, beim Dreh von "Liegen lernen". Zudem vertraue sie ihm ja, "und ich brauche ein gewisses Vertrauensverhältnis, um wirklich gut zu arbeiten". Und so sei dieser Film irgendwie auch ihr Film. Die Rolle der Emily wurde ja auch extra für sie geschrieben. Sie ist wahnsinnig gespannt, wie er laufen wird.

Macht die Liebe dong-dong?

Als sie Hannelore Valencaks "Das Fenster zum Sommer", das dem Film zugrunde liegt, las, war sie gerade mitten in den Proben zum "Werther" am Maxim Gorki Theater. Regisseur Jan Bosse sagte ihr: Mensch Fritzi, erzähl in der Anfangsszene doch mal von dem Buch, das du gerade liest. "Ich habe dann bei jeder der 100 Vorstellungen davon erzählt. Wenn mich jetzt jemand fragt, worum es in dem Film geht, dann fange ich jedes Mal an, ,Werther' zu zitieren." Sie schüttelt den Kopf, als könne sie selbst nicht fassen, dass die Schauspielerin Fritzi Haberlandt und der Privatmensch Fritzi Haberlandt manchmal dieselben Dinge sagen.

Man merkt, dass der Film viel mit ihr gemacht hat. Es gehe ja auch schließlich um die Frage, wie wir unser Leben wahrnehmen, sagt sie. Ob wir es bewusst genug tun. "So wie in der Liebe. Gibt es da einen Moment, in dem man sich entscheiden kann, oder ist es eine Himmelsmacht, die dong-dong macht und sagt: So, jetzt bist du verliebt?" Wenn sie die Chance hätte, etwas noch einmal zu erleben, sie würde wohl nichts anders machen, sagt sie. Es gibt da allerdings eine Erinnerung, bei der sie ihre Empfindungen gerne überprüfen würde. Anfang des vergangenen Jahrzehnts hatte sie eine sehr stressige Zeit am Thalia Theater in Hamburg, "was ich da alles gespielt habe, das war intensiv bis zur Selbstaufgabe. Und jetzt denk ich manchmal: Vielleicht war das ja die tollste Zeit in meinem Leben. Aber ich konnte es nicht richtig genießen, weil es körperlich und seelisch so anstrengend war. So eine Irrwitzwoche würde ich gern noch mal erleben."

Wir gehen an der Rückseite des Flughafens entlang, schauen noch einmal hinüber auf die Haupthalle, in die sie mit offenen Armen hineingelaufen war, als wollte sie jeden der 284 000 Quadratmeter einzeln umarmen. "Wie schön, wie schön", hatte sie gesagt, bestimmt fünf Mal, und hatte gelacht, fast pausenlos, weil sie mal wieder hier sein durfte, an dem Ort, den sie so mag, der so typisch Berlin sei, "ein Klassiker" eben. Typisch Berlin, das gilt ja irgendwie auch für Fritzi. Allein der Name ist ja schon Berlin. Und nein, er ist keine Abkürzung. Sie ist im Osten der Stadt aufgewachsen, ihre Eltern waren unangepasst und schickten ihre Tochter in politisch unabhängige Kinderferienlager. In der Vorwendezeit war Fritzi Haberlandt dann Gorbatschow-Fan, hatte sich aus Moskau ein T-Shirt mitbringen lassen, auf dem "Prawda" stand. Sie trug es in der Schule, genau wie die Jacke mit Gorbi-Sticker. Im Frühjahr 1989 ließen die Lehrer sie aufstehen und sich rechtfertigen. So wuchs mit 13, 14 ihr politisches Bewusstsein, "ich begann, mich zu wehren". Das sei das Positive am Negativen, sagt sie, dass man sich, wenn man in so einem Staat lebt, ständig damit auseinandersetzen muss. "Wenn du mit vielem nicht einverstanden bist, ist das natürlich auch eine Energie. Das kann ich nicht von meiner Biografie trennen, mich damit auseinandergesetzt zu haben. Und das ist gut." Der Weg auf die Straße sei heute viel weiter als damals. "Der Feind ist nicht mehr so leicht auszumachen."

1991 zog die Familie nach Hamburg, das absolute Kontrastprogramm. "So bin ich eine Mischung aus Ost und West geworden. Ich finde es super, den Osten bewusst mitbekommen zu haben, die späte Pubertät aber im Westen verlebt zu haben. Ich hab früher immer gedacht: ,Oh Gott, ich ziehe niemals in den Westen', und jetzt bin ich hier, fühle mich wohl und denke mich als Gesamtberliner." Sie wohnt in Kreuzberg, ganz hier in der Nähe. Wenn sie früher von Drehs zurückflog nach Berlin, dann sammelte sie ihre Koffer ein und lief einfach nach Hause. Sie denkt bis heute viel über das Verhältnis von Ost und West nach, sagt sie, in so einer Stadt wie Berlin müsse man darüber ja nachdenken. Es sei zwar auch schön, den Menschen ihre unterschiedliche Geschichte anzusehen. "Manchmal aber ist es auch einfach nur traurig, weil so wenig zusammenkommt. Die Vorurteile sind immer noch groß, von beiden Seiten."

Durch den Zaun bricht Sonnenlicht, das ein Gitter auf ihr Gesicht wirft. Für einen Moment steht ihre Nase im prallen Licht, und man sieht diese kleine Delle auf der Nasenspitze, die neben dem strengen, vorstehenden Kinn ihr Markenzeichen ist. Schönsein können andere besser, hat sie mal gesagt, und das ist weder kokett noch gelogen. Fritzi Haberlandt ist keine klassische Schönheit wie etwa ihre Schauspielschulkameradin Nina Hoss. Sie ist keine Dame. Dafür regt sie die Fantasie an, die der Regisseure ebenso wie die der Zuschauer. "Wenn ich etwas spiele, dann will ich es auch besonders machen, zu etwas, was es vorher so noch nicht gab. Ich will nicht einfach nur Funktion sein." Nur, weil der Kommissar einen bestimmten Satz hören muss, ein Kostüm anziehen und nett lächeln? Nichts für sie. Sie bekomme solche Angebote aber auch so gut wie nie. "Wenn ich in einem ,Tatort' auftauche, dann denken ja alle sofort: Die muss die Mörderin sein." Sie ist nicht die, die in der Ecke steht und nicht gesehen wird.

In den Haaren festgekrallt

Man kann in ihr eben viel entdecken. Die freche Göre, klar, die sehen alle. Und das beginnt sie zu nerven. "Bei mir wird immer erwartet, dass ich superlustig bin und frech, das wollen alle von mir. Isabelle Huppert sagt man bestimmt nicht immer: Ach komm, Isi, mach mal lustig, alte Suppe, kannst ja mal hüpfen!" Denn sie kann ja eben so viel mehr. Verführerisch sein zum Beispiel oder streng, schutzbedürftig und der Welt überlegen. Sie wird spröde genannt und schlaksig, merkwürdig, herb, knickbeinig, schief in die Welt gebaut. Das sind nicht unbedingt Attribute, bei denen man vor Freude in die Luft springen würde, wenn einen jemand so charakterisierte. Sie kann damit aber gut umgehen, weil sie davon profitiert. Sie weiß ja, dass all das positiv gemeint ist. "Das ist ein Riesenlob für meine Arbeit, weil es zeigt, dass ich den Rollen etwas gebe, was nicht so gängig ist." Fritzi Haberlandt ist eine der ganz wenigen, für die es keine Schublade gibt. Sie spielt in ihrer eigenen Kategorie.

Es gibt da eine Szene in Armin Petras' "Heaven (zu Tristan)", in der ihre Vielfältigkeit gut zu lesen ist. Sie spielt Simone, und die ist, ganz buchstäblich, am Boden. Sie kriecht, nur in Unterhose und einem dünnen weißen Oberteil, unter einem zwei Meter hohen Quader hervor. Wie zum Hohn schiebt sie einen Spielzeug-Rettungswagen vor sich her, als könne der sie vor dem Untergang bewahren. In Embryonalstellung legt sie sich auf den nackten Boden, ihre Beine zittern. In ihren Augen: Leere, in ihrem Gesichtsausdruck: Leere, ihre Körperspannung schreit: Leere, Leere, Leere! Simones Freund Anders geht weg aus Wolfen, dieser schrumpfenden Oststadt, deren überflüssige Menschen das Thema der Inszenierung am Maxim Gorki Theater sind. Sie muss bleiben, ihrem kleinen Bruder zuliebe. Wie Fritzi Haberlandt in diesem Moment alle Trauer der Welt in ihre Figur legt, das zerreißt einen fast. Anders gibt ihr noch einen Kuss, dann zieht er los, doch er kommt keinen Meter weit. Simone krallt sich wie von Sinnen in seinen Haaren fest und damit in seinem Kopf, in seinen Träumen, von denen sie so gern ein Teil wäre. Als Anders sich doch losreißen kann, dauert es keine fünf Sekunden, da fängt Simone an, um sich zu schlagen und zu kreischen, bis sie hustend in sich zusammensackt. Man will am liebsten auf die Bühne rennen und dieses geplagte Mädchen in den Arm nehmen, aber, nun ja, man fürchtet sich auch ein wenig vor ihr.

Sie zuppelt jetzt an ihrem Pullover herum, nestelt die Ärmel über ihre schmalen Finger, schließt den champagnerfarbenen Mantel bis zum Hals, der Wind wird allmählich richtig kalt. Sie müsste eigentlich los, sagt sie, als wir an ihrem Rad stehen, aber sie könne mich ja noch kurz zur U-Bahn bringen. Sie erzählt, dass sie so gut wie nie auf der Straße angesprochen wird. "Das hatte ich lange nicht mehr." Fünf Minuten später ist es so weit, ein hessisches Touristenpaar stoppt uns. Sie schauen etwas verlegen, dann fragt der Mann: "Wissen Sie, was dis is?" Er zeigt auf das alte Flughafengelände. Fritzi Haberlandt erklärt es ihm geduldig, der Mann nickt dankend. Als die beiden sich umdrehen, zieht sie eine Haarsträhne aus ihrem Mund. Sie hat sie wieder nicht bemerkt.