Sicherheit

Geheime Kommandosache für 70 Polizisten

Plötzlich fliegen Handgranaten. Aus den umliegenden Fenstern wird geschossen, der Krach ist ohrenbetäubend. Ein Schuss dringt durch die Deckung, ein Mitglied des SIK-Teams ist getroffen. Es herrscht Alarmzustand. Die anderen neun Teammitglieder müssen sich zurückziehen, jetzt geht es darum, den verletzten Kollegen hinter dem Lenkrad seines Jeeps zu bergen.

Das Team greift zu den Maschinengewehren, es gibt ein Sperrfeuer, dazu Nebelgranaten. Die Angreifer dürfen keine freie Sicht mehr bekommen. Ein Jeep dient als zusätzliche Deckung, mit einem anderen kann das Team flüchten. Rückzug geglückt. Langsam weicht das Adrenalin. Nur die Farbmarkierung, abgeschossen aus einer Gotcha-Waffe, erinnert daran, wie der Einsatz im Ernstfall ausgesehen hätte.

In einem geheimen Militärobjekt in Nordrhein-Westfalen üben die Spezialkräfte SIK, eine Einheit der Bundespolizei, diesen Ernstfall. SIK steht für Schutzaufgaben in Krisengebieten. Mehr als 70 Beamte, darunter zwei Frauen und zwölf ehemalige GSG9-Beamte, gehören zu der Einheit mit Sitz in St. Augustin bei Bonn. Ihr Auftrag: Botschafter in den Kriegsgebieten schützen. Ein heikler Job, über den bislang noch nie hautnah berichtet wurde. Die Berliner Morgenpost durfte die Arbeit der Polizisten jetzt zum ersten Mal begleiten.

Die wichtigste Lektion an diesem Tag, neben Deckung und gezielten Schüssen: Es geht um Informationen. Um sichere Informationen. Nicht um die Gerüchte einheimischer Wachleute oder Informanten. Denn mehr noch als die elitäre Ausbildung, ein selbst in absoluter Dunkelheit perfekter Umgang mit den schweren Waffen und die Fähigkeiten im Nahkampf sind sichere Informationen der Garant für das Überleben der deutschen Botschafter. Reinhard Pürkenauer predigt das seinen Leuten immer wieder. "Wir müssen jeden Tag aufs Neue die Lagen in den einzelnen Gebieten auswerten und diese Analysen in unsere Vorgehensweisen einarbeiten", erklärt der 42-jährige Polizeidirektor, heute Leiter der SIK. Momentan gibt er einen Lehrgang, der seine Leute für den nächsten Auslandseinsatz im November vorbereiten soll.

Die Szenarien sind realistisch. Die Polizisten bewegen sich in einem Areal, das einer Geisterstadt ähnelt. Mehrfamilienhäuser reihen sich aneinander, es gibt Straßen und Kreuzungen, Bäume und Parkplätze. Zu keinem Zeitpunkt wissen die Beamten, was auf sie zukommen wird. "Die Kollegen müssen ständig hundertprozentig wach sein und nicht nur hier auf Kleinigkeiten achten", sagt Pürkenauer.

Zum Beispiel auf einen Gemüsestand an der Strecke des Botschafters zu einem lokalen Politiker, einen Gemüsestand, der am Vortag noch nicht dagewesen ist und sich als Sprengfalle entpuppen könnte. Auf Einheimische, die plötzlich bei Erscheinen der weißen Jeeps der Botschafterkolonne ein Handy aus der Tasche ziehen, um möglicherweise eine Bombe per Fernbedienung zu zünden oder einen Scharfschützen mit einem Granatwerfer auf die deutsche Kolonne aufmerksam zu machen.

Beratung für deutsche Botschaften

Pürkenauer ist selbst vom Fach. Zuletzt war er Stellvertreter des GSG9-Kommandeurs. Als dieser Verband 2008 die zahlreichen Sicherungsaufgaben in den gefährdeten deutschen Vertretungen im Ausland - im Vergleich zu den "normalen" im Inland - nicht mehr gewährleisten konnte, wurde SIK gegründet. Pürkenauer bekam den Auftrag, die Einheit aufzubauen, mittlerweile ist sie nicht nur für die Sicherheit der Konsulatsbediensteten in gefährlichen Ländern wie Afghanistan und dem Irak zuständig, die Beamten beraten auch im Hinblick auf den Schutz der insgesamt 83 deutschen Botschaften und sechs Generalkonsulate weltweit. "Man kann Gefahr dezimieren, wenn man sich vernünftig vorbereitet, mit den Nachrichtendiensten zusammenarbeitet und seine eigene Leistung jeden Tag infrage stellt, um sie zu optimieren", sagt Pürkenauer.

Zeit zur Manöverkritik. Auch bei dem Probeeinsatz, bei dem eines der Teammitglieder angeschossen wurde, gibt es etwas zu verbessern. "Das ging mir zu schnell", sagt der Ausbilder. Er meint es ironisch. In der Einheit hat man durchaus Humor - alle sprechen sich nur mit ihren Spitznamen an. Der des Ausbilders lautet "Barbie", weil er aussieht wie Ken, der Freund der berühmten Puppe. So steht es auch auf seinem Namensschild. Er kann darüber lachen. Über anderes nicht. "Ihr hattet Glück, nur einer ist leicht getroffen worden, aber ihr habt zu viel Zeit gebraucht und euch beim Schießen nicht aufgeteilt", kritisiert "Barbie". "Auch wenn es in diesem Fall geklappt hat, im Ernstfall bepflastern die euch mit echter Munition."

Dann verteilt er Apfelschorle - und grinst wieder: "Noch mal." Diesmal klappt der Weg zu einem fiktiven Aufklärungsgespräch mit einheimischen Sicherheitsleuten besser. Die Truppe ist schneller, die Chefs sind zufrieden. Auch dann, als der vom Reporter gespielte Botschafter von Taliban-Kämpfern entführt werden soll und nach zehnminütigem Häuserkampf schließlich durch ein Hinterhoffenster evakuiert wird - unverletzt.

Drei Monate sind die Beamten in den Botschaften eingesetzt, dann haben sie sechs Monate Aufenthalt in Deutschland, in dieser Zeit stehen fortführende Lehrgänge, aber auch Freizeit an. Teammitglied Christian L., Spitzname "Kabel", stammt aus Berlin. Der 30-Jährige hat als Bundespolizist früher in der Wache am Bahnhof Zoo gearbeitet, bis er sich zu SIK meldete. Er wurde psychologisch getestet auf seine Teamfähigkeit und sein Verhalten im Stress. Es folgten zehn Wochen harter Ausbildung, 3600 Schuss Munition hat er in dieser Zeit abgefeuert. "Ich wollte immer eine Verwendung im Ausland haben", sagt er.

Ohne Waffe und Schutzweste, auf der sich auch ein Schild mit seiner Blutgruppe befindet, um ihn im Erstfall richtig versorgen zu können, könnte der junge Mann auch als Heizungsmonteur oder Fitnesstrainer durchgehen. "Drei Tage nach der Geburt meiner Tochter Clara bin ich zum ersten Mal in den Irak gegangen. Das war ein komisches Gefühl, aber man verlässt sich auf das, was wir gelernt haben." Seine Frau ist Flugbegleiterin. Wenn er im Einsatz ist, schaut sie sich keine Fernsehnachrichten an.

Einmal, erinnert sich Christian L., seien sie in Afghanistan von einem Auto verfolgt worden, als sie mit dem Botschafter unterwegs gewesen seien. "Es war ein weißer Toyota, wie fast alle Wagen in Kabul. Wir konnten den Fahrer nicht genau erkennen, aber er war zu lange hinter uns, als dass das Zufall hätte sein können." Die Anspannung sei groß gewesen, alle hätten mit einer Attacke gerechnet, viele Szenarien seien denkbar gewesen. "Irgendwann hat er abgedreht. Ob sein Plan nicht aufgegangen ist oder er doch zufällig hinter uns war, haben wir nie erfahren", sagt Christian L. Die Erinnerung an das klamme Gefühl ist geblieben.

Das Prozedere im Einsatz ist immer gleich: Die Schutzperson sitzt stets in einer gepanzerten Limousine, zusammen mit mehreren Angehörigen von SIK. In der Wagenkolonne befinden sich weitere gepanzerte Geländewagen der Polizisten. "Wir können den Ausfall von einem Fahrzeug und notfalls auch von zweien kompensieren", sagt SIK-Leiter Pürkenauer. "Die größte Gefahr liegt in den Sekunden des Umsteigens." Einer der Beamten gilt als sogenannter Bodyguard, der unmittelbar am Botschafter und speziell für seinen Schutz zuständig ist, während die anderen die Angreifer beschießen und die Fluchtwege freikämpfen. Über den sogenannten Panic-Button, der sich in jedem der Kolonnenfahrzeuge befindet, können die Polizisten Hilfe durch die Bundeswehr oder die Armeen befreundeter Länder anfordern.

Ähnlich geht es bei einem Angriff auf das Botschaftsgelände selbst zu. "Wenn wir angegriffen werden, gehen die lokalen Sicherheitsmannschaften auf die Angreifer los, während wir den Botschafter evakuieren", berichtet SIK-Mitglied Christian L. "Aus einem schuss- und sprengsichereren Raum fordern wir über sichere Leitungen Unterstützung an." Im Notfall können die Eingeschlossenen mehrere Tage in dem Raum überleben, es gibt Belüftungssysteme und ausreichend Nahrungsmittel.

Erinnerung an Bombenanschläge

Der Alltag in der Botschaft selbst ist dagegen eher unaufregend. Jeder hat ein eigenes Zimmer mit Telefon, so können die Polizisten zum Ortstarif mit ihren Familien sprechen. Internet und Krafträume bieten nur spärliche Abwechslung - da kommt es schon mal vor, dass die Polizisten auf dem Laufband abwechselnd eine Marathon-Strecke ablaufen. Das lenkt ab. Auch von Erinnerungen an folgenschwere Bombenanschläge auf deutsche Sicherheitsleute wie den im August 2007 in Afghanistan. Ein Leibwächter von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ein Bundespolizist und ein Beamter des Bundeskriminalamts wurden auf dem Weg zum Schießtraining getötet.

Auch eine der Frauen im Team ist Berlinerin: Dana T., 35 Jahre alt und mehrfache Bundespolizei-Triathlon-Siegerin. Drei Missionen in Afghanistan hat sie bereits hinter sich - und ist dabei mit "Barbie" in feindlichem Gebiet mit einem defekten Wagen stehen geblieben, bis amerikanische Einheiten sie in ein Lager schleppten. Trotzdem sagt sie: "Die Gedanken um die Gefahr für das eigene Leben macht man sich zu Hause." Wenn man das Testament tippt und die Patientenverfügung unterschreibt. Oder eine Liste der Leute zusammenstellt, die im Ernstfall benachrichtigt werden sollen. "Im Einsatz selbst habe zumindest ich dafür keine Zeit", sagt Dana T. "Es würde mich von der Arbeit abhalten, mich mental binden, und genau das darf nicht passieren. Dann wäre ich hier falsch."

Den Job aber auch psychisch durchzustehen ist nicht immer leicht. Zum Beispiel wenn Kinder im Spiel sind. "Gerade die kleinen Kinder wissen natürlich genau, dass es bei den Botschaften ihrem Verständnis nach reiche Menschen gibt. Deswegen werden sie zum Betteln geschickt, und es zerreißt einem schon das Herz, wenn man die armen Kleinen dort sieht", sagt Christian L. In solchen Momenten denkt er an seine eigene Tochter und seine Aufgabe. "Wenn wir die Menschen beschützen, die für eine Verbesserung der Lebensumstände auch dieser Kinder sorgen, tun wir hier etwas Gutes."

Ihr hattet Glück, nur einer ist leicht getroffen worden, aber ihr habt zu viel Zeit gebraucht

"Barbie", ein Ausbilder der Spezialeinheit