Berliner Spaziergang: Wladimir M. Grinin

Der Spaziergänger

Ihre Architektur drückt Macht aus. Zugleich signalisiert der hohe Zaun aus schwarzen Eisenstäben mit den vergoldeten Spitzen etwas Abweisendes. Die einst sowjetische und seit 2000 russische Botschaft Unter den Linden löst bei mir jedes Mal wieder ein leicht schauriges Gefühl aus - wenn sich die schwere Eingangspforte wie von Geisterhand öffnet und ein Sicherheitsbeamter mit der einst für die sowjetischen und jetzt russischen Uniformträger typischen Tellermütze nach dem Ausweis fragt.

Doch noch nie war dieses gruselige Kribbeln so aus der Zeit wie unter dem Hausherrn Wladimir M. Grinin. Selten hat mich ein Botschafter so freundlich und unkompliziert empfangen wie er, als ich ihn zum Spaziergang abhole.

Sein Vorgänger, der glamouröse Wladimir Kotenew, polierte Russlands Image durch rauschende Feste für die Berliner Gesellschaft auf. Den Karrierediplomaten Wladimir Grinin prägt ein anderer Stil. Bescheiden im Auftreten, klar und zugleich verständnisvoll in der Sache. Auch er pflegt ein offenes Haus - aber für ein breiteres Publikum - mit dem Ziel, möglichst vielen Deutschen die russische Kultur bekannter zu machen.

Als "Anwärmphase" sollte der Spaziergang auf Vorschlag von Moskaus Mann in Berlin eigentlich mit einem längeren Small Talk in der Botschaft beginnen. Auf meine Bitte, gleich loszumarschieren, weil Fotograf Massimo Rodari wegen der Parkplatznot rund um die Botschaft schon zum vereinbarten Ausgangspunkt unseres Spaziergangs vorausgefahren ist und auf uns wartet, nickt er kurz, lässt seine Staatskarosse, einen schwarzen Mercedes, vorfahren, öffnet mir die Tür zum Fond, und ab geht es zum Treffpunkt Holsteiner Ufer.

Eine überraschende Lieblingsecke. "Ich finde das hier besonders schön. Ich gehe oft von der Botschaft entlang der Spree bis zum Kurfürstendamm, manchmal sogar bis nach Grunewald." Dort steht seine Residenz. Er sagt, zu Fuß erreiche er sie in knapp drei Stunden. Respekt. Auch für die Wahl des Spazierwegs. Das Holsteiner Ufer ist eine schmale Straße, zu beiden Seiten gesäumt von Laubbäumen in den schönsten Herbstfarben. Der Blick nach links fällt auf großbürgerliche Mietshäuser aus der Gründerzeit, nach rechts auf die Spree und dahinter auf das neu bebaute Gelände der ehemaligen Bolle-Meierei samt dem u-förmigen Bundesinnenministerium.

"Es ist sehr hübsch hier. Auf der einen Seite das alte Berlin, gegenüber das neue. Und rundherum ist alles so grün." Als Moskowiter liebt Wladimir Grinin natürlich seine Heimatstadt. Doch gleich danach scheint Berlin zu folgen. "Ich habe die Stadt bei vielen Wanderungen etwas erkundet. Ich kenne sie ja auch noch, als sie geteilt war. Damals, als Leiter der außenpolitischen Abteilung der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin, war ich zuständig für die Beziehungen zu den drei westlichen Alliierten im Zusammenhang mit dem Viermächteabkommen. Deshalb war ich sehr oft in West-Berlin. Dort hatte ich immer das Gefühl, in einer Kurstadt mit wunderschönen Villen wie am Rhein oder im Schwarzwald gelandet zu sein. Und die herrliche Galapromenade Kurfürstendamm. Seit der Wiedervereinigung scheint mir die ganze Stadt wie durch einen Zauberstab verwandelt. Sie ist nicht nur zusammengewachsen, sie hat auch eine neue Note gefunden, ja, eine Verjüngungskur durchgemacht. Berlin wird immer schöner."

Diplomatische Sternstunden

Dass der Botschafter so sehr für diese Stadt schwärmt, liegt vielleicht auch daran, dass er hier seine diplomatischen Sternstunden erlebt hat. "Ich war Zeuge der Zwei-plus-vier-Verhandlungen zur Wiedervereinigung Deutschlands. In unserer Botschaft sind entscheidende Gespräche zwischen unserem damaligen Außenminister Eduard Schewardnadse und seinem amerikanischen Kollegen James Baker geführt worden. Ich habe viele Berichte während der Verhandlungen geschrieben. Als ich 1992 Berlin verließ, war die schreckliche Mauer, die die Welt getrennt hat, weg. Das ist doch einmalig: Ich kam 1986 als sowjetischer Diplomat in die DDR und habe meine erste Mission in Berlin als russischer Diplomat in der Außenstelle der russischen Botschaft im vereinten Deutschland verlassen. Hauptsitz der Botschaft blieb ja bis 2000 Bonn."

Es ist noch früher Vormittag, als wir entlang der Spree gehen. Zwar scheint die Sonne. Im Schatten der Bäume allerdings ist es noch empfindlich kühl. Fotograf Massimo Rodari und ich haben Jacken an, der Botschafter nur seinen dunkelblauen Anzug. Ob ihm nicht kühl sei und ich ihm zumindest für einen Augenblick meine Jacke zum Aufwärmen leihen könne, sorge ich mich. "Oh nein. Vielen Dank. Ich komme doch aus Russland ..." Scherzen können Ihre Exzellenz also auch.

Dass das Eis zwischen uns, wenn es denn überhaupt da war, so schnell geschmolzen ist, liegt auch daran, dass Wladimir Grinin ein fast perfektes Deutsch spricht. Und wir beide in jüngeren Jahren Fußball gespielt haben. Möglicherweise, das ließ sich nicht mehr ganz eindeutig klären, Ende der 70er-Jahre sogar gegeneinander. Er damals in der Mannschaft der Bonner Botschaft der UdSSR, ich als Verteidiger im Team FC Bunte Tinte der Bundespressekonferenz. Diese Erinnerung (bis auf das Ergebnis) wird geweckt, als wir während der Rückfahrt in die Botschaft am Reichstag vorbeikommen. "Auf dem Rasen davor habe ich nach dem Fall der Mauer Fußball gespielt", erzählt der 64-Jährige, der erst das Fußball- und dann auch das Tennisspiel aufgegeben hat. Jetzt hält er sich mit Schwimmen und langen Spaziergängen fit. Ist es schade, dass das nun staatlich geschützte Grün vor dem Haus des Volkes nicht länger Spielweise für alle ist? Er schüttelt lächelnd den Kopf. "Berlin hat so viele wunderbare Sportplätze. Darum beneide ich als Moskowiter unsere Patenstadt."

Stichwort Patenstadt. In diesem Jahr währt die besondere Beziehung zwischen Berlin und Moskau 20 Jahre. Im Mai besuchte deshalb der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit Moskau, im November präsentiert sich Moskau in Berlin. Welche Verbesserungen wünscht sich der Botschafter? "Wir müssen den Dialog noch inhaltsreicher machen. Wir sollten aus den unterschiedlichen Erfahrungen lernen und gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen, die beide Millionenstädte haben." Dann fallen Stichworte wie Umweltschutz, öffentlicher Nahverkehr, Gesundheitswesen, Eingliederung von Migranten, Wohnungsbausanierung, Kampf den Fußball-Hooligans. Deshalb des Botschafters größter Wunsch: "Die guten Beziehungen noch effektiver machen."

Das gilt natürlich nicht minder für die staatliche Ebene. Darüber wie über den künftigen Präsidentschaftskandidaten Wladimir Putin sprechen wir nach der Rückkehr in die Botschaft. Die ist im Innern von der machtvollen Eingangshalle mit dem breiten Treppenaufgang geprägt. Drei riesige Säle von gewaltiger Höhe und mit viel Stuck prägen den repräsentativen Bereich. In den wird zu Konferenzen, Konzerten, Ausstellungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen eingeladen. Noch bis zum 15. Dezember ist die Präsentation "Macht, Pracht und Herrlichkeit - die Moskauer Zarenkrönung von 1856" zu besichtigen. (Anmeldung: www.russische-botschaft.de ).

Ich werde in ein daneben liegendes Besuchszimmer gebeten, das von schweren Sesseln aus dunklem Leder beherrscht wird. Die Wände sind mit Seidentapeten drapiert, kunstvolle Lüster hängen von der Decke, schwere Vorhänge lassen nur ein eher fahles Licht einfallen. Ein gepflegtes Ambiente wie aus einer anderen Zeit.

Wir setzen bei Kaffee, Keksen und Pralinen unser Gespräch fort. Wie steht es um die deutsch-russischen Beziehungen? "Ihr Zustand ist gut, Tendenz steigend. Das Klima der Beziehungen ist wärmer geworden. Anders als in der Natur eine positive Entwicklung. Die Einstellung der Deutschen zu Russland und den Russen hat sich gewandelt. Dieser Wandel vollzog sich vor meinen Augen, denn ich habe ja eine ziemlich lange Erfahrung als Diplomat in Deutschland." Was hat sich denn besonders gravierend verändert? "Missgunst, Distanzierung oder Zurückhaltung gegenüber meinem Land spürt man in der politischen Schicht Deutschlands kaum noch; von Feindschaft ganz zu schweigen. Der Wille zur Partnerschaft in praktisch allen Bereichen der internationalen Politik und des internationalen Lebens prägt heute die Politik Deutschlands gegenüber Russland. Das ist sehr nützlich auch für die Wirtschaftskooperation, die eigentlich tragende Säule unserer Beziehungen. Deutschland ist einer der größten Handels- und Investitionspartner Russlands."

Es gibt Sorgen in unserem Land, dass die Abhängigkeit von Rohöl- und Gasimporten aus Russland zu groß werden könne. Darauf hat der Botschafter eine durchaus schlüssige Antwort: "Man muss bedenken, dass Russland zumindest in gleichem Maße abhängig ist von den Einnahmen aus den Ausfuhren. Wir brauchen sie, um unser Land zu modernisieren. Auch mit deutscher Hilfe."

Demokratie? "Geben Sie uns Zeit"

Hat er Verständnis für eine andere Sorge, dass nämlich die Demokratie in seinem Heimatland nicht die erwarteten Fortschritte macht? "Auch wir bedauern das. Aber die Demokratie erweist sich als ein recht schwieriges Unternehmen. Wir haben uns erst vor 20 Jahren auf diesen Weg gemacht. Von ,zero point' aus, auch in den Köpfen, was die Demokratie angeht. Geben Sie uns Zeit." Er erinnert daran, dass sich in den 90er-Jahren ein ziemliches Chaos im Lande breitgemacht habe, weil viele Menschen meinten, Demokratie bedeute grenzenlose Freiheit. Erst später sei die Erkenntnis gereift, dass auch Demokratie ohne Ordnung und Recht nicht möglich sei. Jetzt gehe es darum, die Lage im Lande stabil zu halten und die demokratischen Institutionen Schritt für Schritt zu stärken. "Die weitere Entwicklung der Zivilgesellschaft und der demokratischen Verhältnisse insgesamt ist Bestandteil des Modernisierungsprogramms, an dem mein Land arbeitet und für das wir mit Deutschland bei den Regierungskonsultationen im Juli in Hannover eine Partnerschaft vereinbart haben."

Die Frage nach dem "lupenreinen Demokraten" (Gerhard Schröder über Wladimir Putin) und die möglichen Konsequenzen aus dessen erneuter Wahl zum Präsidenten darf in einem vertrauensbildenden Gespräch nicht fehlen. Wladimir Grinin hat sie erwartet. Wieder ein Bedauern, "dass wir noch keine Demokratie haben, wie man sie sich in Deutschland vorstellt. Aber Medwedjew und Putin sind sich in den Grundzügen der Politik einig. Die politische Grundstimmung in meinem Land hat sich verändert. Ich kann mir keine politische Kraft vorstellen, die Russland in alte Zeiten zurückführen könnte." Und die Verärgerung über die Absage des Quadriga-Preises an Putin - ist die verraucht? "Ich will nicht, dass das wieder aufgeweckt wird."

Gibt es nichts, was die Beziehungen zwischen unseren Ländern belastet? Auch auf diese Frage folgt eine prompte ehrliche Antwort: "Die Visa-Schranken sind ein Relikt aus alten Zeiten. Die müssen weg. Sie behindern den menschlichen Austausch, insbesondere den zwischen Jugendlichen. Und sie sind schlecht für die Wirtschaftsbeziehungen. Wir hoffen weiter auf eine Lösung."

Als ich mich verabschiede, gibt er mir ein Zitat des Schriftstellers Iwan Turgenew (1819-1883) mit auf den Weg:

"Einander fremd, obwohl sie sich gleichen,

Sie wandern getrennt - so, wie jeder es muss.

Doch werden recht bald sie ein Ziel erreichen,

Wo der Deutsche als Bruder umarmet den Russ."

Auch wenn diese Verbrüderung noch auf sich harrt - darauf einen doppelten Wodka!