50 Jahre Anwerbeabkommen

Ich bin Berlinerin und liebe die Türkei

Tanya Erartsin nimmt eine rote Rose, sticht sich mit einer der Dornen am Stengel in den linken Zeigefinger und gibt die Blume ihrer besten Freundin Esra. Die macht das Gleiche. Dann drücken die beiden Mädchen ihren Zeigefinger aufeinander, genau an der Stelle, an der sie bluten. Sie haben das einmal im Fernsehen gesehen und wollten das auch machen.

"Wir sind jetzt Blutsschwestern", sagen sie und glauben, dass dieser Bund fürs Leben hält. Wie das Sechsjährige eben so schwören, egal, ob sie Deutsche oder Türken sind.

Ziemlich genau 23 Jahre später sitzt Tanya Erartsin in einer Wohnzimmerkneipe in Neukölln, einem Bezirk, der lange als Einwanderer- und Problemkiez galt, sich inzwischen aber zum Szeneviertel entwickelt hat. Sie sagt: "Ich suche das Internet immer wieder nach Esra ab, aber ich finde sie einfach nicht mehr." Ihre Blutsschwester wurde mit 16 Jahren gegen ihren Willen an ihren Onkel verheiratet. Sie hat das damals kurz vorher in der Schule erzählt, auf dem Pausenhof, und eines Tages kam sie nicht mehr zum Unterricht.

Geschichten wie die ihrer Freundin gibt es viele aus den vergangenen 50 Jahren. Am 30. Oktober 1961 wurde das Abkommen über die "Anwerbung türkischer Arbeitskräfte zwischen der Türkei und Deutschland" besiegelt. Es waren zwei A4-Seiten, die zwischen Diplomaten ohne Festakt verschickt wurden. Zu diesem Zeitpunkt lebten knapp 7000 Türken in Deutschland. Zehn Jahre später sind es 100 Mal so viele, heute rund 2,5 Millionen. Berlin stellt mit 180 000 Türken die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei. Hinzu kommen die, die einen deutschen Pass haben wie Tanya, die im Jahr 1982 in Kreuzberg geboren wurde.

"Isch bin nisch wie du denkst"

Tanya Erartsin spielt die Hauptrolle in einem der bekanntesten Integrationstheaterstücke, "Arab Queen", das nach einem Buch der Berlinerin Güner Balci entstand. Jede Vorstellung im Heimathafen Neukölln ist seit einem Jahr ausverkauft. Tanya spricht auf der Bühne im Slang von Einwanderern in Berlin, sagt Sätze wie "Isch bin nisch wie du denkst" oder "Das vastehstu voll nisch". Aber trotz dieser Rolle will sie sich nicht in die Migrantenecke drängen lassen, nicht auf einem Podium Sätze sagen müssen wie "Wir müssen aufeinander zugehen". Sie will irgendwann auch andere Rollen spielen, eine Penthesilea oder eine Medea.

Wahrscheinlich ist es ihr auch gerade deshalb ein bisschen unangenehm, dass jemand ihre Geschichte aufschreibt und ausgerechnet mit dem Blutsschwestererlebnis aus dem Kindergarten beginnt, der einzigen Zwangshochzeit, die sie aus ihrem engeren Freundeskreis hier in Berlin kennt. Für sie ist ihre Biografie nichts Besonderes. "Ich bin nicht eher eine Deutsche oder eher eine Türkin", sagt sie und zieht die flache Hand an ihren Hals. "Bis hier steht mir diese Frage." Sie sagt, dass sie Berlinerin sei, Deutschland ihre Heimat, und dass sie die Türkei liebe.

Ihr Leben, die Geschichten von Freunden und Bekannten decken ein ganzes Kaleidoskop einer türkischen Einwanderergeschichte in drei Generationen auf. Die Vorteile der zwei Sprachen, der Ferien am Mittelmeer, der Hochzeit mit 500 Gästen und dem Hupkonzert auf der Friedrichstraße - aber eben auch die Probleme. Ja, Tanyas Ehemann hat einen Job nicht bekommen, weil er dunkle Haare hat und Murat heißt. Ja, ein türkischer Freund von ihr wurde für 24 Stunden verhaftet, weil er in der Nähe eines brennenden Autos in Kreuzberg herumlief. Und ja, sie war befreundet mit einer Frau, deren Name wie kein anderer die Integrationsdebatte in ganz Deutschland anheizte: Hatun Sürücü, die Türkin, die am 7. Februar 2005 von ihrem Bruder ermordet wurde, weil sie so leben wollte wie eine Deutsche. Oder besser: wie Tanya Erartsin.

Tanyas Großeltern waren Auswanderer der ersten Generation, sowohl die Eltern der Mutter als auch des Vaters kamen aus Oldu am Schwarzen Meer. Sie stiegen in den Zug von Istanbul, als ihre Kinder 14 Jahre alt waren. Für Tanyas Eltern war das sehr schwer: Väter und Mütter in einem fremden Land, sie schicken Geld, aber sind nicht da. Erst fünf Jahre später ziehen beide Kinder den Eltern hinterher.

In jenen Jahren gibt es noch keine Integrationsdebatte, es gibt keine türkischen Regisseure, die Filme über ihre Einwanderung drehen, keine Sarrazin-Bücher, keine Zeitung, die Geschichten über Einwanderer interessierte. Die Verfasser des Anwerbeabkommens gingen aber davon aus, dass die "Gastarbeiter" nach ein paar Jahren wieder zurückgehen. Aber sie blieben, arbeiteten in Fabriken, holten ihre Familien nach oder heirateten Deutsche, gründeten kleine Unternehmen und machten in den 70er-Jahren mit dem Döner ein Stück ihrer Lebensart zu einem festen Bestandteil der deutschen Fußgängerzonen. Keine andere Gegend in Deutschland ist davon in dem Maße geprägt worden wie Berlin.

Das gemeinsame Leben der Eltern von Tanya Erartsin beginnt 1979. Der Vater verliebt sich in die Mutter, besucht sie regelmäßig am Paul-Linke-Ufer, das damals noch nicht die begehrtesten Wohngegend Kreuzbergs war. Dreimal machte er ihr einen Heiratsantrag, doch sie sagt Nein. Immer wieder bringt er ihr Blumen, bis zu diesem einen Tag im Sommer 1980, als er wieder vor ihrer Tür steht und sie aus der Küche der Eltern kommt und lächelnd sagt: "Gut, ich heirate dich." Ein Jahr später ist die Mutter mit Tanya schwanger. Den Namen sucht der Vater aus nach einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet. Darin geht es um eine Türkin, die für ihr Land stirbt. Es ist ein ungewöhnlicher Name für eine Türkin, aber es ist der richtige Name für eine Zukunft in Deutschland.

Tanya Erartsin sagt, dass es vor allem ihre Eltern waren, die immer Wert darauf gelegt haben, dass sie hier Möglichkeiten hat, die sie selber nicht hatten. Der Vater arbeitete im Dreischichtdienst in einer Fabrik in Reinickendorf, damit er seiner Tochter die Gymnastik- und Leichtathletikvereine, den Klavier- und Gitarrenunterricht bezahlen konnte. "Es ging ihm darum, dass ich hier Fuß fasse", sagt sie. "Sogar meine Schauspielerei hat er unterstützt." Nur als sie sich an der Ernst-Busch-Schauspielschule bewerben wollte, war das ihren Eltern zu viel. Ein "ordentlicher Beruf" sollte es sein. So lernte sie Mediengestalterin in Kreuzberg, ein Beruf, den sie nie ausüben wollte. "Ich habe es für meine Eltern getan", sagt sie. Sie sagt, dass sie ihn kennt, den Druck der Familie, der nicht immer als negativ empfunden wird. Das Einmischen in ihr Leben nahm aber nie die Ausmaße an wie bei ihren Freundinnen Esra oder Hatun. Tanya Erartsin hatte Hatun in der Schule kennengelernt. Sie war auch bei den Sürücüs zu Gast, hatte sich in Alpaslan, einen der Brüder, verliebt, der nach Ansicht des Gerichts mit schuld am Tod der Schwester ist. Er lebt heute in der Türkei, ist untergetaucht. Schon damals irritierte Tanya, wie die Familie Druck auf Hatun ausübte. Hatun musste ein Kopftuch tragen, heiratete später einen Mann, den sie nicht liebte. Nach der Trennung von ihm wollte sie für sich und ihren Sohn ein eigenes Leben aufbauen, sagte sich von der Familie los, begann eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin.

Im Januar 2005 trifft Tanya Erartsin auf Hatun in der U-Bahn-Linie 8 zwischen Kottbusser Tor und Schönleinstraße. "Sie hat ein blaues Kleid getragen, das weiß ich noch - und kein Kopftuch mehr." Sie habe gestrahlt und gesagt, dass es ihr gut gehe, dass der Beruf toll sei. "Keine Probleme", sagte sie noch. Ein paar Wochen später sieht Tanya im Fernsehen das Gesicht von Hatun Sürücü in den Nachrichten und weint. "Ich konnte mir damals keine Sendung zu dem Thema anschauen. Das ging alles an mir vorbei."

Inzwischen hat sich in Deutschland und Berlin viel verändert, die Diskussion über Parallelgesellschaften ist einer Diskussion über Integrationsprojekte gewichen. Neukölln ist inzwischen auch ein Szenebezirk geworden, es gibt Filme wie "Die Fremde" oder "Shahada", in denen das Leben türkischer Familien in Berlin so präsentiert werde, dass es glaubwürdig sei, sagt sie. Die deutsch-türkische Komödie "Almanya", die gerade den Gildepreis der Deutschen Kinobetreiber gewonnen hat, will sie noch sehen. Mit dem Theaterstück "Arab Queen" trägt sie dazu bei, dass solche Themen wie Ehrenmord weiter in der Öffentlichkeit thematisiert werden. Sie sagt, das sei wichtig, auch wenn es nicht allen Türken so ergeht. "Das ist eines der Dinge, die Deutsche nicht verstanden haben: wie wichtig Türken die Familie ist."

Dabei hat sie zu Hause eher Offenheit erfahren. Bei den Erartsins wurde nie Weihnachten gefeiert, aber Geschenke gab es trotzdem. Die Eltern sprachen Türkisch, aber nur, weil die Kindergärtnerin sie dazu ermutigt hat: "Ihr Kind lernt das schnell zu unterscheiden." Tanya musste nie ein Kopftuch tragen, musste nie den Ramadan einhalten, hat aber ihre türkischen Freundinnen manchmal darum beneidet. Tanya darf Schweinefleisch essen, weil der Vater meinte, dass man eine Currywurst essen muss, wenn man in Berlin wohnt, aber er selbst isst keins.

Deutsch und Türkisch in einem Satz

Diese Liste der Kompromisse ließe sich weiterführen. In den vergangenen 50 Jahren haben sich auch in Berlin Familien entwickelt, die "Gibst du mir tuz" sagen, wenn sie bei Tisch nach dem Salz fragen. In Wedding sagen Türken "krankyazili" wenn sie "krankgeschrieben" meinen. Außerdem gibt es seit Kurzem eine Telefongesellschaft, die so wirbt: "Wenn du das lesen kannst, demek ki cok fazla yaklasmissin", wobei der Teil hinter dem Komma bedeutet: "dann bist du schon sehr nah dran". Diese Werbung hängt in Kreuzberg, in Neukölln und in Wedding und richtet sich an Menschen, die für neun Cent pro Minute in die Türkei telefonieren wollen. Die Verbindung in die Türkei ist wichtig, die dort etwas abfällig "Almanci" genannt werden: die Deutschen.

Die Eltern von Tanyas Vater, die Einwanderer erster Generation, sind seit ein paar Jahren "Almanci" in Istanbul. "Aber 'zurückgehen' heißt für viele nicht wirklich 'zurückgehen'", sagt Tanya. Sie seien für drei Monate im Jahr sicher in Berlin, leben dann bei ihren Kindern und treffen ihre Freunde, trinken Tee in Kreuzberg.

Mit dem Stück "Arab Queen" tourt Tanya Erartsin gerade durch Deutschland, bringt die Stimmung aus Neukölln nach Stuttgart und Dresden. Am Ende des Stücks steht ein Dialog, der eine Schublade öffnet, die Tanya am liebsten für immer schließen würde. Es ist ein Dialog, der vom Konflikt türkischer Kinder mit ihren Eltern erzählt, etwas, das sie an Freundinnen wie Esra erinnert, nach der Tanya noch immer sucht, oder Hatun Sürücü. Es ist die Stelle, an der Lena, die Deutsche, zu Mariam, der "Arab Queen", sagt: "Ey, du übertreibst voll, wenn wir für eine Woche die Rollen tauschen, ich sag dir, da drehst du durch." Tanya als Mariam sagt dann: "Eine Woche bei uns und du bist tot!"