Kriminalität

Wenn die Schule zum Tatort wird

Ben ist 15 Jahre alt, und er kann aus eigener Erfahrung schon einiges über Gewalt erzählen. "In der Grundschule wurde ich wegen meiner dunklen Hautfarbe beleidigt", sagt der Schüler eines Charlottenburger Gymnasiums. "Ich war klein und konnte mich nicht wehren. Heute sagt das keiner mehr, dafür bin ich inzwischen zu stark", sagt er.

Sein 14-jähriger Mitschüler Justus berichtet, er sei früher auf dem Schulhof von älteren Schülern öfter in eine Ecke gedrängt worden. Das habe ihm Angst gemacht. Die Mitschüler Cindy und Thorsten berichten von Mobbing unter den Mädchen.

Die Charlottenburger Schüler bestätigen das, was eine Studie mit dem Titel "Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalt in Berlin" zutage bringt, die gestern vorgestellt wurde. Demnach hatten 17,9 Prozent der befragten Neuntklässler in den zurückliegenden zwölf Monaten selbst Gewalt als Opfer erlebt.

Die anonyme und repräsentative Befragung von mehr als 3000 Schülern ist die erste ausführliche Studie über das Dunkelfeld der Jugendkriminalität. Die offizielle Kriminalitätsstatistik der Polizei bildet oft nur einen Teil der Wirklichkeit ab. "Wir als Kriminologen trauen diesen Statistiken nicht. Da taucht nur das auf, was angezeigt wird, etwa nur ein Viertel der Taten. Drei Viertel der Taten bleiben unentdeckt", sagte Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, das die Studie im Auftrag der Landeskommission für Gewalt durchgeführt hat. Die positive Nachricht ist, dass die Situation der Jugendgewalt, anders als oft behauptet, in Berlin nicht deutlich schlimmer ist als in anderen Bundesländern oder Großstädten.

Tatort der Körperverletzungen, Raubüberfälle und Erpressungen ist laut Studie in 20 Prozent der Fälle die Schule. Auch damit liegt Berlin im bundesweiten Durchschnitt. Gründe für Gewalt oder andere Strafdelikte sind vor allem "falsche Freunde", so Pfeiffer. An zweiter Stelle stehe Alkohol- oder Drogenkonsum. Weitere Risikofaktoren seien das Schulschwänzen, Gewalt in der Familie und Computersucht. Exzessives Spielen am PC führe zu schlechten Schulleistungen, was wiederum die Frustration erhöhe, sagt der Kriminologe Pfeiffer.

Präventionsprojekte sind sinnvoll

Als sinnvoll erweisen sich nach der Studie die zahlreichen Präventionsprojekte an Schulen, Das geben die Jugendlichen selbst an. Mehr als 200 Schulen haben bereits Kooperationsverträge mit der Polizei. Regelmäßig gehen dann Polizisten an die Schulen und klären die Schüler beispielsweise über richtiges Verhalten in Gefahrensituationen auf. Vor allem die Bereitschaft der Jugendlichen, Delikte bei der Polizei anzuzeigen, steige dadurch, betont Pfeiffer. Das Vertrauen der Berliner Schüler zur Polizei ist der Befragung zufolge stärker ausgeprägt als in den anderen Bundesländern.

Vorbildliche Gewaltprävention leistet seit Jahren die Herbert-Hoover-Realschule im Wedding. Sie hat einen Verhaltenskodex für ein gemeinschaftliches Miteinander ihrer Schüler aufgestellt, Schulsprache ist Deutsch. Alle Schüler der neunten Klassen nehmen seit 2005 an einer Projektwoche zur Gewaltprävention teil. Dort lernen sie in Rollenspielen, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen, sich in Opfer hineinzuversetzen und welche strafrechtlichen Folgen Mobbing und Gewalt haben können. Die Schüler stellen Situationen in U-Bahnen, auf dem Pausenhof oder vor Gericht nach und spielen mal Täter, mal Opfer, mal Zeuge. Das soll helfen, zu verstehen, wie sich Schüler wehren können, wenn sie angegriffen werden, aber auch, was auf sie zukommt, wenn sie selbst gewalttätig werden. Die Schule arbeitet zudem mit Konfliktlotsen, Sozialarbeitern und einem Gewaltpräventionsteam der Polizei zusammen.

Der 15 Jahre alte Ali hat selbst schon an der Projektwoche teilgenommen. Er findet das Projekt hilfreich. In seiner Klasse wurde er häufig Zeuge, wie einer seiner Mitschüler von anderen gemobbt wurde. "Wenn er vor der Klasse was sagen muss, ist er so aufgeregt, dass er stottert. Die anderen lachen ihn dann aus", sagt der Schüler. "Ich sage ihm dann immer, er soll nichts auf die anderen geben, die sind egal." Er versuche, ihm dabei als Freund beizustehen.

Auch auf Partys, in der U-Bahn oder auf der Straße sieht Ali immer wieder gewalttätige Übergriffe. Auf einer Party hat er einmal erlebt, wie drei Jungs einen vierten verprügelt haben, nur weil sie gehört hatten, dass dieser die Freundin eines der Schläger "angegrapscht" haben soll. "Oft sind es nur Gerüchte oder Missverständnisse, aber die führen oft ganz schnell zu einer Prügelei", sagt der Schüler.

Seine Klassenkameradin Zamoo hat Angst vor dem U-Bahn-Fahren, seitdem sie durch Zeitungen und Fernsehen regelmäßig von Übergriffen erfahren hat. Sie selbst habe auch schon mal eine Mitschülerin angeschrien, heute tue ihr das leid. "Im Unterricht habe ich sie beschimpft, ich dachte, das ist einfach nur Spaß." Die Lehrerin habe sie dann vor die Tür geschickt und ihr erklärt, dass ihr Verhalten wie ein Freifahrtschein für ihre Mitschüler sei, Ähnliches zu tun. "Das habe ich eingesehen und mich später entschuldigt, sagt Zamoo.

Auch Zeinab beobachtet in ihrer Klasse, wie ein Schüler von den anderen angegriffen wird. Klassenkameraden bewerfen ihn mit Kreide, Bleistiften oder klatschen ihn in den Nacken. "Er ist so schüchtern und kann sich nicht wehren", erzählt die 16-Jährige. Sie rede dann mit ihren Mitschülern und verteidige ihn.

Das hat Zeinab wie alle anderen Schüler an der Sekundarschule vor ihrer Aufnahme an der Weddinger Sekundarschule unterschrieben. Der Verhaltenskodex besagt: "Als Zeugen von Gewalt werden wir nicht gleichgültig bleiben, sondern nach Möglichkeiten suchen, den Streit gewaltlos zu schlichten."