Frauen

Braucht Deutschland die Quote?

Wie lassen sich Unternehmen dazu bewegen, mehr Frauen in Führungspositionen einzustellen? Überhaupt mehr Frauen zu beschäftigen? In der Bundesregierung haben drei Ministerinnen drei unterschiedliche Positionen, von einer festen Frauenquote über ein flexibles Modell mit unternehmerischer Selbstverpflichtung und staatlichen Sanktionen bis zu reiner Selbstverpflichtung - eine klare Linie ist bisher nicht zu erkennen.

Die Morgenpost hat bei Berlinerinnen um ihre Meinung gebeten. Die meisten glauben, dass erst eine Quote die Unternehmen dazu bringen kann, mehr Frauen einzustellen und das Arbeitsumfeld auch auf deren Bedürfnisse anzupassen. Die größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands setzen jedenfalls erst einmal noch auf eigene Konzepte.

"Ich musste mehr tun als meine männlichen Kollegen"

Ulrike Gutheil, Kanzlerin der Technischen Universität: "Es gibt nicht so viele Frauen, die Kanzlerin einer technischen Universität sind. Ich musste mehr tun als meine männlichen Kollegen, um zunächst aufzusteigen. Aber auch, um in dieser Position bleiben zu können. Das gilt in fachlicher Hinsicht wie auch bei der Führungskultur. Ab einer bestimmten Position ist es jedoch für Frauen wie Männer gleichermaßen eine Herausforderung, sich auf dieser Ebene zu halten. Insgesamt haben es Frauen aber nach wie vor schwerer. Das merkt man besonders im Alltag: Es heißt dann oft "Guten Tag, Frau Dr. Gutheil, guten Tag, meine Herren". Außerdem trifft man auf Verhaltensweisen, die als typisch männlich gelten. Man muss sich als Frau doppelt anstrengen, man muss sich besonders beweisen und Gehör finden. Das fällt Frauen nicht so leicht: Ich habe das Gefühl, dass Frauen eher dazu neigen, zurückzustecken. Eine Quote ist eine Gradwanderung. Alle Appelle haben ja nichts genutzt. Wir haben viele hervorragend ausgebildete weibliche Führungskräfte. Sie könnten Führungspositionen wahrnehmen, machen es oft aber nicht. Da stoßen wir auf das Dilemma, dass sich manchmal Frauen selbst gegen Karriere entscheiden, etwa wegen der Kinderfrage. Für die, die das Zeug zum Aufstieg haben, ist es wichtig, dass sie diese Position erreichen können. Die Quote ist zwar kein Allheilmittel, sie könnte aber für eine Zeit lang ein Experimentierfeld sein, um mehr weibliche Vorbilder in diese Positionen zu bringen. Ich denke, dass dann auch wie von selbst mehr Frauen folgen würden, weil man sieht: Es geht. Deshalb ist es richtig, bei der Quote härtere Bandagen anzulegen. Ich sage jungen Studentinnen unserer Universität: Ihr habt die allerbesten Chancen, alles zu erreichen."

"Die allgemeine Debatte hängt zu sehr an der Quote"

Nora Emme (30), Rechtsanwältin bei Noerr: " Die Zahlen und Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Debatte über Frauen in Führungspositionen gerade erst am Anfang steht. Der Ansatz, dies über eine feste oder auch flexible Quote zu tun, erscheint mir jedoch kein Allheilmittel für mehr Frauen in Führungspositionen zu sein. Zunächst einmal muss jede Frau selbst schauen, ihren Weg zu machen. Ich habe nach dem Abitur in Gießen und an der University of Warwick Internationales Recht studiert, danach in Baden-Württemberg mein Referendariat gemacht und unter anderem bei den Vereinten Nationen in Genf gearbeitet. Seit drei Jahren bin ich Rechtsanwältin bei der großen Wirtschaftskanzlei Noerr am Gendarmenmarkt mit Schwerpunkt im Vergaberecht und öffentlichen Recht. Und ich hatte bisher weder an der Universität noch im Beruf den Eindruck, dass meine Karrierechancen geringer sind, weil ich eine Frau bin. Bei Noerr genieße ich unsere Kanzleikultur, in der über flexible Arbeitszeitmodelle wie Teilzeit nicht nur gesprochen wird, sondern neue Schritte zu einem familienfreundlichen Unternehmen auch gegangen werden. Ich bin verheiratet und habe noch keine Kinder. Ein Unternehmen, das eine Kultur schafft, die sowohl familienfreundlich als auch karrierefördernd ist, braucht keine Quote. Die Quote kann aber in großen Unternehmen dazu beitragen, eine solche Kultur zu schaffen. Themen wie Familienfreundlichkeit und ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit haben für Frauen besondere Bedeutung. Nur eine Frau, die sich in ihrem Unternehmen wohl- und unterstützt fühlt, wird dort Karriere machen (wollen). Die allgemeine Debatte hängt noch zu sehr an der Quote, über andere Maßnahmen wird zu wenig nachgedacht."

"Männer wählen lieber Männer in die eigenen Führungsreihen"

Kristina Oelschläger (28), Recruiterin bei der KPMG: "Schon an den Universitäten in Trier, Münster und London, wo ich mein Diplom in Psychologie und den Master of Sciene gemacht habe, habe ich von den Begriffen "Gläsernes Dach" und "Anwesenheitsmythos" gehört. So denken die meisten: Wer länger arbeitet, leistet mehr. Das stimmt einerseits nicht und nimmt andererseits Frauen, die nebenbei eine Familie zu managen haben und den Arbeitsplatz dafür zwangsweise pünktlicher verlassen müssen, viele Chancen. Und das "gläserne Dach", das gibt es wirklich. Je höher auf der Karriereleiter es geht, desto schwieriger wird es für Frauen, dort mit den Männern mitzuhalten, weil mit ihrem Geschlecht noch immer eine geringere Produktivität verbunden wird. Zudem wählen Männer lieber Männer in die eigenen Führungsreihen, da diese die eigenen Verhaltenmuster nicht hinterfragen. Ich als Berufseinsteigerin - seit Februar arbeite ich als Experienced and Senior Higher Recruiterin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, habe das zwar noch nicht selbst erlebt, aber mit meinen Aufstiegsabsichten plus Familienwunsch weiß ich, dass es noch schwierig werden wird für mich. Flexible Arbeitszeitmodelle und ausreichend Unterstützung bei zum Beispiel Vaterschaftsurlauben kann die Firma bieten - für den gesetzlichen Rahmen muss der Staat sorgen. Bei selbst geregelten Quoten, wie es die Telekom gerade probiert, funktioniert das nur bis in die mittleren Führungspositionen hinein. Für die Unternehmensspitze kann keine verbindliche Aussage getroffen werden, denn die wählt der Vorstand, der wiederum vom Aufsichtsrat gewählt wird. Mit einer gesetzlichen Quote wäre gewährleistet, dass Chancengleichheit bis nach ganz oben gelangt."

"Es interessieren sich zu wenige Frauen für Ingenieurberufe"

Stefanie Kraschinski (32), Entwicklungsingenieurin IAV GmbH: "Natürlich wünschte ich mir, dass gerade in dieser Branche mehr Frauen tätig wären. In meiner Abteilung hier bei IAV - einem Entwicklungsunternehmen für die Automobilindustrie - sind wir rund 30 Leute. Neben der Projektassistentin bin ich momentan allerdings die einzige Frau.

Doch ich frage mich ganz ehrlich: Was sollte eine Quote denn bringen? Es interessieren sich schlichtweg zu wenige Frauen für Ingenieursberufe. Das sieht man in den Studienfächern und das setzt sich dann im Berufsleben fort. Daran würde eine Quote für weibliche Führungskräfte wahrscheinlich nichts ändern. Dabei sind weibliche Angestellte hier willkommen. Ich habe 2002 noch während meines Studiums als studentische Hilfskraft begonnen. Seit 2007 arbeite ich hier als Entwicklungsingenieurin, analysiere die Messwerte von Motoren. Ursprünglich habe ich Wirtschaftsmathematik studiert.

Ich musste weder um Akzeptanz in einer Männerdomäne ringen, noch werde ich benachteiligt. Da habe ich mit meiner Abteilung sicherlich auch Glück gehabt. Die Karrieremöglichkeiten sind in diesem Bereich dieselben wie für Männer. Wer will, kann Erfahrungen im Ausland sammeln. Das habe ich bei zwei Aufenthalten in Japan und den Vereinigten Staaten bereits getan. Es besteht hier die Möglichkeit, dass man mit der Zeit Projektleiterin wird. Mittelfristig ist es sicherlich für eine Frau interessant, mehr Verantwortung zu übernehmen. Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob ich persönlich das überhaupt anstreben werde. Irgendwann eine Familie zu haben, wäre auch sehr schön. Mit meinem derzeitigen Status als Entwicklungsingenieurin bin ich rundum sehr zufrieden."