Berliner Spaziergang

Gnadenlos realistisch

Wie er da schon sitzt! Den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, den Mund in einem Stück Kuchen vergraben, ein Schluffi, der auf Teufel komm raus die Haltung bewahren will. Die anderen drei am Tisch schauen verlegen zu Boden, Gabeln klirren auf Tellern, ansonsten: Stille. Uwes Frau hat ihn mit seinem besten Freund Chris betrogen, und nun sind sie zusammengekommen, um zu besprechen, wie man aus dieser Situation wieder herauskommt.

Uwe sieht aus, als wolle er am liebsten wegrennen, aber er wollte diese Aussprache ja, er muss da jetzt durch. "Is' allet 'n bisschen komisch, wa?" Er versucht, das so beiläufig wie möglich zu sagen. "Aber irgendwann müssen wir ja och mal drüber reden. Kann ja nich so bleiben. Ich finde, ihr solltet euch einfach nicht mehr sehen." Er schiebt ein Stück Kuchen nach. Keiner sagt etwas.

Diese triste Unbeholfenheit, die Axel Prahl dem Imbissbudenbetreiber Uwe in Andreas Dresens Meisterwerk "Halbe Treppe" verleiht, ist geradezu absurd komisch. Und zugleich tieftraurig. Da sitzt er, der Prototyp des kleinen Mannes, mit dieser Geprügelter-Hund-Miene, und versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Bei Axel Prahl wirkt das keine Sekunde lang wie aufgesetzt, sondern bloß gnadenlos realistisch. Mit ein paar lapidaren Sätzen und Gesten entlarvt er die ganze Hilflosigkeit, mit der sich vier Menschen begegnen, denen gerade etwas Alltägliches und doch Unvorstellbares passiert: das Ende eines Beziehungslebens. Wahrscheinlich ist das Axel Prahls größtes Talent: ein Schauspieler zu sein, der nie so spielt, als sei etwas gespielt.

Ich muss an diese Szene denken, an den Film, der Axel Prahl zum Star machte, als ich an seinem Küchentisch in Prenzlauer Berg sitze. Wir hatten uns zum Spaziergang vor der Haustür verabredet, zehn Minuten passierte nichts, dann plötzlich ein Rufen: "Herr Müller!?!" Ich schaue hoch, sehe ihn über die Brüstung seines Balkons gelehnt winken. "Ja?"

"Komm hoch, Kaffe!" Mit kurzem "e". Axel Prahl (51) hält sich nicht lange mit dem Siezen auf, aber das würde auch nicht zu ihm passen. Herr Prahl, nee nee, das geht gar nicht. Er ist der Axel.

Der Axel, frisch rasiert, die Haare nach hinten gegelt, ist braun gebrannt. Er kommt gerade aus Portugal zurück, wo er für das WDR-Reisemagazin "Wunderschön!" ein paar Tage gedreht hat. Er lacht kurz, als er das erzählt, zuckt mit den Schultern, "was man halt so macht für Geld." Dann macht er "Kaffe", wie angekündigt. Seit fast 20 Jahren hat er diese Wohnung nun schon, sie ist gemütlich auf eine Art, die über Jahre wachsen muss. Holzregale, großer Holztisch, blaue Wände, weiße Decke, Stuck, allerlei verschiedenes Geschirr, die Dielen hat er selbst abgeschliffen. Er zündet sich eine Zigarette an, natürlich macht er das. Wenn es ein Vorurteil über Axel Prahl gibt, dann jenes, dass er ständig und überall raucht. Es ist aber eigentlich gar kein Vorurteil, es stimmt einfach. Eine Rassekatze schleicht an uns vorbei, er nennt sie Pussy Deluxe.

",Halbe Treppe' war einmalig"

Am Tisch mit Axel Prahl, woran soll man sonst denken als an "Halbe Treppe", seinen wohl wichtigsten Film. "Er ist wie ein Kind, das man mitgeboren hat", sagt er. Drei Monate hatte Andreas Dresen inmitten öder Plattenbauten in Frankfurt (Oder) mit seinen vier Hauptdarstellern gedreht, Geld hatten sie dabei kaum verdient. Sie lebten zusammen in einem kleinen Hotel, das zu der Zeit saniert wurde. Prahl weiß noch heute, zehn Jahre später, den Namen der Betreiberfamilie. Krawinkel. Er ist kein Nostalgiker, er merkt sich bloß Dinge, die ihm wichtig sind. Kleine Dinge. Bei den Krawinkels entwickelten sie einen kleinen, leisen, fast vollständig improvisierten Film, der den Zuschauer so unmittelbar in das Leben zweier Paare zieht, dass es fast unheimlich ist. "Andreas hatte manches schon im Kopf, bevor wir hinfuhren, aber er hat uns viel finden lassen, die Rollen, die Personen. Die Texte sind dann einfach so entstanden. Das war einmalig." Man bildet sich ein, sein Herz schlagen zu hören, wenn er das sagt. Es ist ein bisschen so, als schaute man gerade eine Filmszene, die einen ganz besonders berührt, weil sie so authentisch ist.

Als der Film im Februar 2002 Premiere hatte, war Prahl schon 17 Jahre im Geschäft, er war mehrfach fest engagiert gewesen, unter anderem am Renaissance Theater in Berlin. Er hatte ein paar Filme gemacht, schon zweimal mit Dresen gearbeitet, sogar schon einen Grimme-Preis gewonnen. Und doch hielt ihn die halbe Fachwelt für einen Currywürstchenbrater aus Frankfurt (Oder), der dem Wirklichkeitsabbilder Dresen zufällig vor die Kamera gelaufen war. Dass Prahl weder Ossi (er stammt aus Schleswig-Holstein) noch Laie (Schauspielstudium in Kiel) ist, aber viele damals von beidem ausgingen, war wohl das größte Kompliment, das sie ihm machen konnten. Das sei in der Tat eine schöne Bestätigung für die Arbeit gewesen, sagt er. Außerdem: "Wenn man den Klischee-Wessi neben den Klischee-Ossi stellt, bin ich immer lieber der Ossi." Wer wolle schon als herzloser, geldgieriger Besserwisser gelten? Aber diese Klischees seien ja eh Unsinn, "Arschlöcher gibt es im Westen und im Osten. Und tolle Menschen auch."

Axel Prahl ist ein unprätentiöser Mensch. Und er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das ist nicht selbstverständlich für einen, der so viel Erfolg hat. Als - eher maulfauler - Kommissar Thiel fährt er an der Seite von Jan Josef Liefers für die ARD mit dem Münster-"Tatort" regelmäßig Topquoten ein. Er hat Publikumspreise genauso gewonnen wie Kritikerpreise, rund 90 Filme hat er in den vergangenen zwölf Jahren gedreht. Stolz macht ihn das schon, aber man glaubt ihm, dass er nicht versinken würde, wenn der Ruhm plötzlich versiegte. Er würde halt was anderes machen.

Jetzt macht er erst mal noch eine Tasse "Kaffe", wieder zündet er sich eine Zigarette an, es ist die dritte in 20 Minuten. Er ist einer dieser Raucher, die es in Kauf nehmen würden, zehn Jahre früher zu sterben, wenn sie nur bis zum Ende genüsslich rauchen könnten. Wir sprechen jetzt über Musik, in etwas mehr als zwei Wochen kommt sein erstes Album heraus, "Blick aufs Mehr" wird es heißen. Das ist nicht nur ein schnödes Wortspiel, es ist auch Ausdruck seiner Lebenseinstellung. Nur Schauspieler sein, nicht auch Vater, Freund, Saufkumpan und Musiker, das wäre Prahl zu wenig. Er singt enthemmt und säuselt auf diesem Album, er seufzt, verführt zum Tanzen, schmachtet, klagt, randaliert. Prahl hat Chansons geschrieben und klassische Rocknummern mit deutschen Texten, hat das alles mit einem Neun-Mann-Orchester aufgenommen. Er versteht den Impuls, wenn Leute jetzt denken: Nicht noch einer von diesen singenden Schauspielern. Das müsse ja so wirken. "Aber wahrscheinlich wollten fast alle Schauspieler eigentlich Rockstars werden." Und er eben auch.

Mit acht Jahren hat er angefangen, Gitarre zu spielen, mit 14 die ersten eigenen Songs geschrieben. In Neustadt in Holstein, diesem "kulturellen Nirwana", in dem er aufwuchs, blieb ja nichts anderes übrig, sagt er. Musik sei für ihn immer eine Oase gewesen, sein Rückzugsraum. Er fummelt an seinem iPhone herum, sucht den passenden Song heraus. "Will's ma hören?" Dann spielt er "Cosmopolitano", eine temporeiche Polonaise, die ein wenig nach Zirkus und ein bisschen nach Freibeutertum klingt. Er findet das schon super, aber so richtig wohl ist ihm nicht dabei, sich selbst zu hören. "Das ist beim Film genauso, immer entdeckt man etwas an sich, das man als Unzulänglichkeit empfindet." Aber eigentlich ist er ja aus diesem Antrieb heraus überhaupt erst Künstler geworden. "Mich hat es auch auf die Bühne gezogen, um zu kompensieren." Seine Größe vor allem. 165 Zentimeter, für einen Mann ist das ziemlich wenig.

Prahl streift sich einen blauen Parka über sein Ringelshirt, die goldenen Knöpfe zieren Anker. Er kommt von der Küste, das soll man ruhig sehen. Er nennt sich selbst einen Meermenschen. Dann gehen wir raus, er wollte sich in seinem Kiez treffen, aber er habe lange überlegt, wo man hier eigentlich noch groß spazieren gehen soll. "Diese Ecke ist ja so was von tot, hier hängen ja nur noch so abgefuckte Medienjunkies rum wie ich oder ihr. Alles, was früher den Kiez ausgemacht hat, ist verschwunden. Es gab zum Beispiel 'ne supergeile Metal-Kneipe, das ,Exzess', da ist heute ein Bücherladen! Das muss man sich mal reinziehen." Wir sind keine zwei Minuten auf der Straße, da wird er schon angesprochen, ach, Herr Prahl, wie geht's, was machen die Dreharbeiten? Der alte Mann mit Gehhilfe ist Jazzmusiker und bittet ihn, Jan Josef Liefers auszurichten, dass er mit dessen Großvater auf der Bühne gejammt habe. "Nicht vergessen!" Prahl erkundigt sich nach dem Namen. "Schmidtke", sagt der Mann. Prahl gibt ihm die Hand, verbeugt sich kurz. Er wird das weitergeben. Ganz bestimmt. "Ein paar Originale gibt es doch noch, die sich hier gehalten haben", sagt er. Man merkt, dass er sich darüber freut. Prahl will uns jetzt einen alten Innenhof zeigen, in dem ein Freund von ihm mal gewohnt hat, aber vorher geht er noch schnell in einen Kiosk, Zigaretten kaufen. Ein Big Pack, "die XXXXXL-Version", wie er dem Verkäufer sagt.

Und plötzlich stehen wir in Südtirol. An den Wänden wuchert wilder Wein, rote dicke Blätter liegen auf dem Kopfsteinpflaster, die Pflanzen schlucken das Straßengeheul. Wenn man hochschaut, sieht man eine Kirchturmspitze, ein Baum legt sich fast waagerecht von links nach rechts. Fehlen eigentlich nur die Berge am Horizont. Das soll Prenzlauer Berg sein? Der Fotograf macht die Bilder, Prahl raucht und raucht. Teile des Innenhofs werden gerade umgebaut, Ferienwohnungen sollen entstehen, auch an der Stelle, an der Prahls Kumpel einst lebte. Er läuft in die alte Wohnung, tippt mit zwei Fingern auf den Wänden herum, vielleicht kann er die Abende von früher so kurz zurückholen. Er schaut hoch, auf die restaurierten Backsteindecken, sein Mund steht offen vor Staunen. "Toll hier, oder?"

Das alte Prenzlauer Berg

Wir verlassen Südtirol und biegen ab in die Hufelandstraße, schnell einen Cappuccino im Stammcafé, dann weiter in die Esmarchstraße. Plötzlich ruft Axel Prahl laut "Neeiiiiiiiiiiiin!", duckt sich, die Arme in den Schritt gelegt, und dreht sich weg. Es wirkt, als habe er gerade einen Fußball in die Weichteile bekommen. "Verdammt! Jetzt sanieren die auch noch die letzte Bude. Dieses wunderschöne alte Haus, ich fasse es nicht." Er geht jetzt schneller, er will mir etwas zeigen. Es ist ein Uhrenladen, die "Zeitgalerie". "Das ist ein wunderbarer Mensch, der kauft alte Uhren, restauriert sie und verkauft sie für einen sehr anständigen Preis." Er hat hier für seine Freundin mal eine Uhr aus den 70er-Jahren gekauft, eine der ersten Digitaluhren. Das hier ist noch das Prenzlauer Berg, in das er einst gezogen ist. Allein vor dem Schaufenster zu stehen macht ihn glücklich.

Wir gehen noch fast eine Stunde durch die Straßen, immer wieder drehen sich die Menschen vor den Cafés nach ihm um, lächeln und freuen sich, ihn zu sehen. Seine Popularität ist atemberaubend. Wird er angequatscht, grüßt er freundlich zurück. Eigentlich liegt ihm dieser Hype um seine Person nicht, aber er ist auch einfach nicht der Typ, der muffelig an einem vorbeigeht. Wir sprechen über den "Tatort", 20 Folgen hat er mit Jan Josef Liefers jetzt schon gemacht, fast zehn Jahre sind sie ein Team. Gerade drehen sie in Münster Nummer 21. "Laune macht das nach wie vor, sonst würde ich das nicht mehr machen. Wenn einem etwas keinen Spaß macht, kann man es auch nicht mit Freude erfüllen. Und Schauspielen geht nur mit Freude." Das bedeute nicht Frohsinn und Heiterkeit, sei aber etwas sehr Emotionales, wo man Höhen und Tiefen auslotet. "Wenn das nicht mehr gegeben wäre, würde ich die Arbeit einstellen." Aber trotzdem: Boerne und Thiel seien nun mal so eine spezielle Konstellation, dass man darüber nachdenken müsse, das mal einzustellen. "Man zitiert sich irgendwann selbst, dann wird es fad."

Wir sind jetzt vor der "Kleinen Deponie", ein nettes Restaurant, sagt Prahl, da könne man Königsberger Klopse essen wie bei Muttern. Apropos Essen, er fasst sich kurz an den Bauch, schaut auf die Uhr: "Es ist ja schon gleich eins, ach du liebe Scheiße!" In einer Stunde hat er das nächste Interview, vorher will er noch was essen, er müsse jetzt also leider los. Er schaut dann einen Moment so wunderbar unbeholfen wie Uwe, der Imbissbudenbetreiber, als müsse er sich dafür entschuldigen. Dann geht er. Ich bin nicht der Einzige, der ihm hinterherschaut.

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