Autobrände

Immer nur Audi, BMW, Mercedes

Am Ende ist der Druck zu groß, sind die belastenden Indizien zu schwerwiegend - André H. legt beim Staatsschutz ein Geständnis ab. Zuerst hat er eine Tat zugegeben und die anderen von sich gewiesen.

Später, als ihm die Beamten die Fotos aus den Überwachungskameras der Busse und U-Bahnen zeigen, auf denen er zeitlich und örtlich nahe an in Flammen stehenden Autos zu sehen ist, gibt er auf und berichtet "detailreich" über die Serie von Brandstiftungen, mit denen er die ganze Stadt und deren Polizei über Wochen in Atem gehalten und einen Schaden in Millionenhöhe angerichtet hat.

Die Ermittler können mit der Unterschrift unter dem Geständnis einen enorm wichtigen Erfolg im Kampf gegen die anonymen Autobrandstifter für sich verbuchen. Später werden sie zu dem Ergebnis kommen, dass André H. unter "diffusem Sozialneid" leidet und psychisch auffällig ist, ohne deswegen aber jemals behandelt worden zu sein.

"Irgendwie", sagt ein Ermittler, "hat in diesem Fall die ganze Stadt zusammengearbeitet und somit auch dafür gesorgt, dass der 27-Jährige Haftbefehl bekommen hat." Gemeint sind die Landespolizei, die Bundespolizei und jeder Bürger, der sich mit Hinweisen an die Polizei wandte. "Irgendwie hat auch die Politik einen Anteil daran, denn als sie sich der Überlastung der Berliner Polizei bewusst geworden war und endlich Unterstützung angefordert hatte, wurde damit eine Tür geöffnet, weil der Überwachungsdruck immens wurde."

Auf einer Pressekonferenz sagte Christian Steiof, Leiter des Berliner Landeskriminalamts, dass es "ohne die Bundespolizisten" nicht geklappt hätte. Es war eine Puzzleaufgabe. Um der nicht abreißenden Serie entgegenzutreten, waren zeitweise zur Abend- und Nachtzeit bis zu 400 Beamte in Zivil in Bus, Bahn und Tram unterwegs, Ermittler werteten in langen Stunden zahllose Videoaufnahmen aus Überwachungskameras aus. Und sie erkannten ein Muster.

"Ein diffuser Sozialneid"

Ein bestimmter junger Mann, später wird er als André H. identifiziert, ist immer dann in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu sehen, wenn es unweit der von ihm genutzten Haltestellen und U-Bahnhöfen brannte. Manchmal, sagt Chefermittler James Braun, ist er beim Verlassen der Verkehrsmittel zu sehen, kehrt aber nur kurze Zeit später wieder zurück. "Das entspricht nicht dem normalem Verhalten eines Fahrgastes in der Nacht", sagt Staatsschutz-Chef Oliver Stepien.

Zudem wird kurz danach meistens eine Brandstiftung an einem Auto gemeldet. Grillanzünder brauchen etwa 15 Minuten, um den Radkasten und damit das ganze Vehikel in Flammen aufgehen zu lassen. Da ist H. bereits auf dem Weg nach Hause oder zu seinem nächsten Tatort. Manchmal hat er auch ein Fahrrad benutzt.

Nicht nur der 27-Jährige war im Visier der Mobilen Einsatzkommandos (MEK) des Landeskriminalamts, es gab mehrere Verdächtige, die rund um die Uhr "unter Wind" gehalten, observiert wurden. Und als diese Spezialisten den Verdächtigen André H. niemals bei einer Tat beobachten konnten, schlichen sich zunächst Zweifel ein. Das war Ende August. Keiner der Polizisten konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass der 27-Jährige, der wegen Schulden und finanziellen Schwierigkeiten bei seiner Mutter in Moabit wohnt, einen neuen Job in Aussicht gestellt bekommen hatte. "Sein Frust war offenbar wie weggeblasen", sagt ein Ermittler heute.

Die Auswertung von Handydaten, der Überwachungsbilder und der späteren Tatorte ließen letztlich aber nur den Schluss zu, dass der Gelegenheitsarbeiter als Täter infrage kam. Beamte des Staatsschutzes suchten André zuvor in seiner Wohnung auf und nahmen ihn mit auf die Dienststelle. Nach den Vernehmungen war die Angelegenheit klar: André H. wurde festgenommen.

Die Beweggründe, aus denen er handelte, sind diffus und selbst für Ermittler nur schwer nachvollziehbar. Der gelernte Maler und Lackierer, der lange Zeit arbeitslos war, hatte Geldprobleme. Offenbar wollte er mit den Brandstiftungen zumindest seinen persönlichen Frust abbauen. Andere Motive schließen die Ermittler aus. André H. gehört weder der linken Szene an noch ist er polizeilich bislang aufgefallen.

Dieser Frust hätte allerdings Menschen töten können. Denn am 28. Juli soll der Beschuldigte ein Auto unter einem Carport an der Mellener Straße in Lichtenrade angezündet haben, wodurch das Carportdach Feuer fing und die Flammen in der Folge auf den Dachstuhl eines Wohnhauses übergriffen. Die schlafenden Anwohner kamen mit dem Schrecken davon.

Nur einen Tag später hat H. dem Vorwurf nach mehrere Wagen einer Autovermietung an der Kurfürstenstraße in Höhe der Ansbacher Straße in Schöneberg angezündet. Die Fahrzeuge parkten im Unterstand einer Seniorenresidenz. Weil dieser Mietwagenparkplatz über eine Tanksäule verfügte und Explosionsgefahr bestand, mussten die Bewohner evakuiert werden. Ob sich André H. über die Konsequenzen seines Tuns wirklich bewusst war, lässt sich nur vermuten.

Familienvater als Opfer

Für die Fahnder bestätigt sich mit der Festnahme die oft geäußerte Vermutung, dass der Großteil der Brandstiftungen nicht von extremistischen Tätern begangen wurde. "Es war klar, dass diese Taten nicht auf das Konto von Linksextremisten gehen, diese würden den Tod Unschuldiger nicht in Kauf nehmen", sagt ein Kriminalbeamter. "Der Startschuss für die zahlreichen Brandstiftungen geht sicher auf die linke Szene zurück und spielte sich in deren Bezirken wie Friedrichshain ab. Dann kamen die Nachahmer, die noch rücksichtsloser agierten." Ermittler James Braun zufolge war es der Modus Operandi von H., es ebenfalls auf kostspielige Fahrzeuge der Marken BMW, Audi und Mercedes abgesehen zu haben. Ob er damit eine Spur zur linken Szene legen wollte, ist noch unklar.

André H. traf aber nicht nur die Fahrer dieser Marken, sondern auch andere. Einer von ihnen ist Tomasz Nadziak, 39 Jahre alt, dreifacher Familienvater und selbstständiger Haushandwerker. Ihn traf es, weil er seinen Kombi zwischen zwei BMW geparkt hatte, die am 15. August an der Lindenallee in Westend angesteckt worden waren. Der Kombi war klar als Familienfahrzeug zu erkennen, darin befanden sich Kindersitze. "Das hat mich vier Wochen Sorgen und Nerven gekostet", berichtet der Mann. "Mein Auto war zerstört, ich war aber darauf angewiesen, um meiner Arbeit nachzugehen, Aufträge zu erfüllen, meine Familie zu ernähren."

Eine Morgenpost-Leserin, die tragischerweise zur Witwe geworden war, "verkaufte" der Familie ihren neuwertigen Peugeot für den symbolischen Preis von 50 Euro. Dafür half Nadziak der Frau beim Umzug. Sie ist noch immer empört über die Brandstiftung. "Sollte sich der Verdacht bestätigen, muss der Mann hart bestraft werden. Er sollte nicht nur eine Gefängnisstrafe bekommen, sondern zusätzlich bei alten Menschen die Wohnungen streichen oder Fenster reparieren."

Im Fall einer Verurteilung drohen H. wegen Brandstiftung und schwerer Brandstiftung mindestens zehn Jahre Haft. Mit dem rechtskräftigen Urteil des Gerichts kommt eine Flut von Privatklagen der Autoversicherungen auf ihn zu, die sich die an die Opfer geleisteten Zahlungen von ihm zurückholen werden.

Das Landeskriminalamt rechnet damit, dass Autobrände die Beamten weiter beschäftigen werden. Wie recht die Behörde hat, zeigte sich in der Nacht zu Sonntag. In Oberschöneweide und in Wedding brannten zwei Autos. Im ersten Fall wird ein technischer Defekt geprüft, im zweiten Fall steht fest: Es war Brandstiftung.