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Das Bild des toten Gaddafi - warum schauen wir hin?

Sie sind um die Welt gegangen, die Bilder des toten Muammar al-Gaddafi. Im Internet und auf den Titelseiten großer Tageszeitungen wie der britischen "Times", der spanischen "El País" und des belgischen "De Morgen". Die Bilder wirken abstoßend - und doch schaut man hin. Das mag mit Voyeurismus und Genugtuung zu tun haben. Aber wohl auch mit dem Bedürfnis, die Zeitgeschichte in einem einzigen Bild verdichtet zu sehen.

der tote Gaddafi, blutüberströmt im Straßendreck. Bilder gefallener Diktatoren üben eine unheimliche Faszination aus. Einige wurden zu Symbolen für das Ende einer Epoche - so in Italien 1945 das Bild des kopfüber von einer Tankstelle hängenden Faschistenführers Benito Mussolini.

Anfangs haben solche Bilder oft eine konkrete Beweisfunktion. Man will zeigen, dass der gestürzte Machthaber wirklich tot ist. Zwar weiß jeder, dass man das heute manipulieren kann, aber die Suggestivkraft eines Bildes ist nicht zu unterschätzen. So erwog die US-Regierung nach der Erschießung des Al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden zunächst, Fotos der Leiche zu veröffentlichen, sah dann aber davon ab, weil sie angeblich besonders abstoßend wirkten.

Dass der "Böse" seine "gerechte Strafe" erhält, erfüllt Menschen mit Genugtuung. Gleichzeitig empfinden es viele als voyeuristisch, ja beschämend, die Gaddafi-Fotos zu betrachten. Der Medienwissenschaftler Carsten Reinemann von der Universität München meint jedoch: "Man muss sich nicht schämen. Wenn solche Dinge passieren, können wir fast gar nicht anders, als hinzuschauen. Solche Fotos sind einfach Dinge, die an den Kern des Menschlichen gehen, die direkt an das emotionale Zentrum in unserem Hirn wandern; da können wir schwer raus."

Der Berliner Kunsthistoriker Peter Geimer, Mitglied einer Forschergruppe zu Bildgeschichte und Ästhetik, sieht ein besonderes Bedürfnis nach Bildern, "in denen sich Zeitgeschichte formelhaft verdichtet". Er glaubt: "Diese Bilder müssen eigentlich unscharf sein. Man muss den Eindruck haben, der Fotograf kam gerade noch dazu. Dieses unmittelbare Da-Sein wird am besten vermittelt, wenn das Bild nicht zu perfekt ist." Das Handyfoto eines Amateurs wirkt unter diesem Gesichtspunkt glaubwürdiger als die Arbeit eines Profi-Fotografen - oder das gestochen scharfe Bild von der Gaddafi-Leiche im Krankenhaus.

Für Geimers These scheint auch zu sprechen, dass offenbar etwas vermisst wird, wenn ein solches Bild fehlt. Ein Foto des toten Hitler gibt es nicht - er hatte befohlen, seinen Körper sofort zu verbrennen, wohl damit er nicht - wie die Leiche Mussolinis - fotografiert werden konnte. Heute fällt auf, dass gerade das Ende Hitlers einen nicht nachlassenden Strom von Büchern, Fernsehdokumentationen und Spielfilmen inspiriert, so, als müsse das fehlende authentische Bild durch gestellte Bilder ausgeglichen werden.

Ein Bild kann auch eine Verführung sein - es ist mehrdeutig. Das Foto des übel zugerichteten Gaddafi kann auch als Märtyrerbild verstanden werden. Für sich betrachtet, ist es das Bild eines Opfers - nicht das eines Täters. Geimer sieht noch eine andere Gefahr: Der komplexe Kontext der libyschen Revolution könnte durch das Bild überlagert werden. "Die ständige Visualisierung vereinfacht auch Geschichte. Man denkt, man ist live dabei und versteht alles. Das halte ich für trügerisch."

Gaddafi war am Donnerstag unter unklaren Umständen umgekommen. Die Milizen des Übergangsrates fanden ihn nach eigenen Angaben "bei guter Gesundheit". Beim Abtransport brach demnach eine Schießerei aus, bei der Gaddafi einen Kopfschuss erlitt.