Libyen - der Tag danach

"Du Schwein, wir haben dir eine Lektion verpasst!"

"Als Erstes müssen die Leute ihre Waffen abgeben", sagt Lutfi Alamin, einer der Rebellen aus Misrata, der seit März an der Front kämpft. Er war dabei bei diesem letzten, erfolgreichen Schlag in Sirte, mit dem sie das alte Regime endgültig in die Knie gezwungen haben. Und der eine unerwartete Belohnung für die Kämpfer des libyschen Übergangsrats bereithielt - die Ergreifung und den Tod Muammar al-Gaddafis.

Mit Lichtgeschwindigkeit verbreitete sich das Bild einer Handykamera, das den blutenden, sterbenden Gaddafi zeigt. "Er ist tot, er ist tot!" brüllen die Kämpfer und fahren dabei mit ihrem Finger eine Linie den Hals entlang.

Darüber, wie genau Gaddafi nun gestorben ist, gibt es unterschiedliche Berichte. Die Vereinten Nationen fordern einen unabhängigen Untersuchungsbericht, weil die kursierenden Videos den Schilderungen des Nationalen Übergangsrats widersprechen. Dieser hatte behauptet, Gaddafi sei auf der Flucht vor den Kämpfern des Übergangsrats erschossen worden. Die Bilder seiner Festnahme zeigen Gaddafi blutend, aber lebendig; und auch das Einschussloch an seiner Schläfe deutet eher auf eine Hinrichtung aus nächster Nähe hin.

Unterdessen machen Gerüchte über eine heimliche Beerdigung Gaddafis in Misrata die Runde, Bestätigungen dafür gibt es jedoch nicht. Es wird gefeiert, Frauen und Mädchen sind in Gruppen unterwegs, sie formen Zeige- und Mittelfinger unablässig zum Siegeszeichen. Eine Gruppe von Jugendlichen brüllt von der Ladefläche eines Pickups herunter: "Gaddafi, du Schwein, wir haben dir eine Lektion verpasst!"

Im Einkaufszentrum ausgestellt

Es waren die Kämpfer aus Misrata, die Gaddafi in dessen Heimatstadt Sirte stellten - in einem ungenutzten Kanalrohr. Als eine Art blutige Trophäe brachten sie die Leiche zurück in ihre eigene Heimat. Schon immer haben sich die Männer aus Misrata für die besten Kämpfer des Landes gehalten. Nicht zuletzt die lange Schlacht um die Stadt Sirte gegen die regimetreuen Soldaten habe die Güte der Kämpfer belegt, so heißt es hier.

Gaddafis Leiche wird an mehreren Orten in Misrata ausgestellt, unter anderem in einem Einkaufszentrum etwa zehn Kilometer außerhalb der Stadt. "Er trug einen Verband um die Brust und sein Kopf war voller Blut. Außerdem hatte er kaum Haare - es war sehr seltsam, ihn so zu sehen", sagt der 21-jährige Hakim Moktar al-Fardschani. Kurze Zeit später sei die Leiche schon wieder aus dem Einkaufszentrum verschwunden - wohin genau, das können oder wollen die Männer am Checkpoint davor nicht sagen.

Sicher ist nur das: Um 23.30 Uhr Donnerstagnacht haben sich mehr als 50 Autos vor dem Haus des Militärchefs Hassan Dewa in Misrata versammelt. Sie alle sind dem Gerücht gefolgt, hier solle Gaddafis Leiche aufgebahrt sein. Eine bullige Wache verweigert den Zutritt zum Gelände, die Gerüchte seien falsch, erklärt er barsch. Aber ein paar Kämpfer, die das Anwesen gerade verlassen, flüstern beim Weggehen noch: "Chefchoufa ist da drinnen." Zumindest die Verwendung von Gaddafis Spitznamen "der Lockenkopf" deutet daraufhin, dass es sich um mehr als ein Gerücht handeln könnte.

Das Haus des Militärchefs ist von Palmen gesäumt, eine dicke Mauer schützt das Anwesen vor Eindringlingen. Ein kleines Tor aber ist offen, und der Weg führt zum Haus. Der Militärchef reagiert schließlich auf beharrliches Klopfen und lässt die Besucher ein. Im Wohnzimmer drängen sich ein paar wenige Menschen um eine blutgetränkte Matratze auf dem Boden. Darauf liegt ein toter Körper, der dem ehemaligen libyschen Machthaber gehören soll.

Schmutzige Locken

Von der Taille abwärts ist die Leiche mit einem blauen Operationstuch bedeckt. Ein kurzer Blick auf den nackten, blutverschmierten Oberkörper ist noch möglich, und schon zieht ein Mann im Schutzanzug das Tuch bis zum Hals der Leiche nach oben. Die schmutzigen Locken legen sich eng an die Stirnseiten. Der Kopf allerdings ist kahl und voller Blutergüsse. Und das fahle Gesicht ist zerfurcht von Schnittwunden, die die offenbar frisch rasierten Wangen zerteilen.

Später wird Dewa die Leiche fortschaffen, es sind einfach zu viele Menschen, die den toten Gaddafi sehen wollen. "Als zu viele Leute ins Krankenhaus stürmten, wo die Leiche als Erstes war, brachten wir sie in mein Haus. Als es auch dort zu voll wurde, mussten wir sie an einen geheimen Ort bringen", erklärt der Militärchef. Zuletzt lag die Leiche im Kühlraum einer ehemaligen Fleischfabrik in Misrata. Es wird über die Beerdigung und eine Autopsie gestritten. Nach islamischem Brauch müssen Tote eigentlich binnen 24 Stunden beerdigt werden.

Gaddafi hatte sich allen Spekulationen zum Trotz doch in Sirte versteckt gehalten - mit mehreren seiner Söhne. Jetzt wird auch klar, warum der Widerstand hier so stark war. Die Schlacht um die Stadt dauerte mehr als einen Monat, Hunderte Menschen starben nach Angaben des Übergangsrates, Tausende wurden verletzt.

"Dies ist eine erstaunliche Zeit für mich", sagt Osama Abu Fanass, ein 28-Jähriger aus Misrata, der vor zwei Wochen aus Großbritannien eintraf, wo er Informationstechnologie studiert. "Ich kann's einfach nicht glauben, selbst wenn ich ihn persönlich sehen würde, könnte ich es nicht glauben", sagt Rabieh, ein freiwilliger Sanitäter, der in den vergangenen vier Wochen in einem Feldlazarett außerhalb von Sirte gearbeitet hat.

Schon bevor die Nachricht von Gaddafis Festnahme am Donnerstag um 12.30 Uhr im Radio zu hören war, herrschte in Sirte ausgelassene Stimmung. Geländewagen mit aufgebauten Maschinengewehren fuhren gemächlich durch die mit Müll und Patronenhülsen übersäten Straßen. Alle Häuser wiesen Einschusslöcher auf, einige brannten lichterloh, während Kämpfer grüne Fahnen von den Dächern holten.

Die Macht des Geldes

Als die Suche nach Gaddafi noch andauerte, hatte der libysche Übergangsrat stets erklärt, die Libyer stünden mehrheitlich hinter ihm. Jetzt, da Gaddafi tot ist, wird sich zeigen, ob sich die ihm ergebenen Soldaten wirklich nur wegen des Geldes und ihrer privilegierten Stellung hinter den ehemaligen Machthaber geschart haben. Und auch diejenigen, die der Hass auf den Tyrannen geeint hatte, werden sich nun ein neues, gemeinsames Ziel suchen müssen. Die Tatsache, dass die Bürger dieses Landes bis an die Zähne bewaffnet sind, dürfte diesen Findungsprozess nicht gerade erleichtern.