Kommentar

Stunde null in Tripolis

Wieder ist eine diktatorische Bastion gefallen: Gaddafi ist nicht mehr. Die Fotos beweisen den Tyrannentod. Die Rede von der "Stunde null" ist durchaus angebracht. Denn anders als im Falle Tunesiens und Ägyptens dankte der Despot nicht nach anhaltenden Protesten und Massendemonstrationen ab, es bedurfte der kriegerischen Auseinandersetzung. Und Krieg ist immer schrecklich. Mut mussten alle Menschen aufbringen, die in den vergangenen Monaten von Tunesien über Ägypten, Libyen bis nach Syrien für ihre Interessen auf die Straße gingen. Denn sie mussten um Leib und Leben fürchten. Demokratie ist ein nie endender Prozess. Demokratie muss gelebt und erfahren sein. Demokratischer Geist muss aber erst einmal geboren werden. Dass der Freiheitsimpuls nun auch die Menschen in bis dahin hermetisch erscheinenden muslimischen Gesellschaften erfasst, ist eine der schönsten Erfahrungen der jüngeren Zeit. Die Menschen sind nicht anders. Sie wollen vielleicht keine Kopie der Bundesrepublik errichten. Aber Freude über das Erreichte sollte heute nicht durch skeptisches Zukunftsgeraune getrübt werden. Libyen ist ein Novum in der modernen Geschichte der Selbstbefreiung eines Volkes, denn diesem stand die Nato zur Seite. Wie eine starke Hand, die über allem lag, half das Militärbündnis des Westens den Aufständischen Schritt für Schritt bei der Eroberung des Landes und der Rückgewinnung des eigenen Terrains. Die ungewöhnliche Kooperation zwischen innen und außen, zwischen oben und unten hat den libyschen Kämpfern ihre Autonomie gelassen. Vielleicht ist sogar die oft ins Feld geführte Künstlichkeit des Staatsgebildes durch diesen militärischen Kampf um Straßen und zentrale Städte verändert worden. Die Libyer haben ihr Land neu erfahren und kartografiert. Von der Küste bis in die Wüstenregionen ist es nun ein befreites Land, ein durch sie befreites Land, ihr Land geworden. Für die Nato ist dies auch eine Premiere, denn man flankierte die Libyer nur aus der Luft und marschierte nicht ein - Afghanistan und Irak als Lektion, manche sagen gar Trauma. Doch nun, nach langem Zögern, auch aus einer gewissen Mutlosigkeit geboren, dies: Die Nato kann endlich einmal von einer erfolgreichen Aktion sprechen, die sie zeitlich begrenzen konnte, die weniger riskant war als langjähriger Bodentruppeneinsatz und zudem moralisch legitim. Werden so die Kriege der Zukunft aussehen? Der Fall Libyen hatte eine weltpolitische Dimension: In einer beispiellosen Abstimmung gab die UN im Februar der Nato das Mandat zum Schutz der libyschen Bevölkerung vor Gaddafi, der gedroht hatte, bis zuletzt zu kämpfen, auch gegen das eigene Volk. Selbst die Arabische Liga stimmte dem Nato-Einsatz zu. Die Deutschen enthielten sich, gemeinsam mit China und Russland. Man sage, was man will: Dieses Fehlverhalten hallt nach. Berlin war auf der falschen Seite. Der Gewinner dieser Tage sind viele: das libysche Volk, die Nato, die UN und immer wieder die USA, ohne deren Druck und politisch-moralisches Gewicht all dies nicht gelungen wäre. Die Deutschen indes zählen nicht unbedingt dazu.