Kommentar

Eine Geißel für Libyen - und für die Welt

Am Ende eines langen und blutigen Diktatorenlebens hatte Muammar al-Gaddafi seinem ganzen Volk den Krieg erklärt. Und in diesem Krieg ist er nun selbst umgekommen. Fast instinktiv begreift man, dass diese Welt ohne die Saddam Husseins, die Osama Bin Ladens und die Muammar al-Gaddafis ein besserer Ort ist. Und doch hätte man sich gewünscht, dass Gaddafi sich wie Saddam für seine vielen Untaten vor Gericht hätte verantworten müssen.

Entweder in Libyen selbst oder vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit für Gaddafi ausgestellt hatte.

Gaddafi war eine seltene Spezies von Diktator. Er begann als typischer Revolutionär einer sich vom Kolonialismus befreienden Dritten Welt, der dann wie viele andere schnell zum Autokraten wurde. Aber Gaddafi reichte es nicht, die Macht und den Ressourcenreichtum seines Landes in Händen zu halten, er hatte auch eine Mission. Und er schuf einen theoretischen Überbau, um seine Macht zu rechtfertigen. Zentraler Bestandteil dieser Ideologie war der Kampf gegen den Westen und die westliche Führungsmacht USA. Das machte ihm zum Darling gewisser linker, antiimperialistischer Kreise im Westen, die zum Teil bis zum Schluss an Gaddafi festhielten. Der Libyer war aber in den 80er-Jahren nicht nur Ausbilder und Bezugspunkt für Terroristen und Diktatoren aus der ganzen Welt. Er war auch einer der eifrigsten Urheber von Terror gegen westliche Ziele. Das kulminierte im von ihm befohlenen Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über Lockerbie im Jahr 1988, bei dem 270 Menschen starben.

Erst nach diesem Anschlag ging der Westen gezielt und mit Macht gegen Gaddafi vor und isolierte ihn. Das endete erst im neuen Jahrtausend, als Gaddafi Verantwortung für Lockerbie übernahm und die Opfer entschädigte. Und weil er, wenige Tage nach der Gefangennahme von Saddam Hussein durch US-Soldaten, ein Abkommen mit Amerika und Großbritannien schloss, das seinen Programmen zur Entwicklung von chemischen und nuklearen Waffen ein Ende setzte.

Dieses Abkommen führte zur Normalisierung der libyschen Beziehungen mit der Welt. Und zu einem zuweilen degoutanten Wettlauf westlicher Staaten um die Ausbeutung der libyschen Bodenschätze. Wer in all diesen internationalen Gleichungen nie eine Rolle spielte, waren die Libyer selbst, die sich nach den Revolutionen in Tunesien und Ägypten ebenfalls erhoben. Dass es am Ende der Westen war, der half, Gaddafi zu stürzen, scheint irgendwie passend für ein Leben, das sich vor allem in Feindschaft zum Westen definiert hat. Die Geschichte Gaddafis wirft aber auch eine wichtige Frage auf: Ob den Libyern und der Welt nicht besser gedient gewesen wäre, wenn der Westen diesem Terror-Diktator früher und entschlossener entgegengetreten wäre.

Mit Gaddafis Tod und der Einnahme der letzten Widerstandsnester endet dieses dunkle Kapitel der libyschen Geschichte. Nun ist der Weg frei zum Aufbau eines besseren, freieren und demokratischeren Landes. Eine Chance, die sich die Libyer hart erkämpft haben. Die sie aber auch leicht wieder verspielen können.