Autobahntrasse

"Ich will hier auf keinen Fall ausziehen"

Jenseits des Zauns herrscht Chaos. Die Überreste einer Laube sind die Böschung hinuntergerutscht, eine andere ist ausgebrannt, dazwischen liegen Schutt und Dreck. Wolfgang Petroll steht auf der anderen Seite des Zauns, in seinem akkurat gepflegten Garten, und blickt wehmütig auf die Brachfläche.

"Da unten war unsere Vereinshütte, dort unser Festplatz", sagt der 70-Jährige und zeigt auf eine der Ruinen. Auf seiner Nase ruht eine elegante, randlose Brille, über dem T-Shirt trägt er Blaumann. Früher war dort drüben ein großer Teil seiner Gartenkolonie, Freunde hatten dort ihre Parzellen. Dass das Areal jetzt an Fernsehbilder aus Katastrophengebieten erinnert, liegt an einer Autobahn, von der niemand mehr weiß, ob sie gebaut wird: dem Stück der A 100, das Neukölln und Treptow verbinden soll.

Petrolls Garten liegt in Neukölln, ganz nah an der Stelle, wo der Ausbau losgehen soll. "Jeder Garten, der noch näher dran war, sieht jetzt so aus", sagt er und nickt in Richtung Zaun. "Die anderen haben vor mehr als einem Jahr eine ganz offizielle Kündigung bekommen, dann wurde geschätzt, wie viel Abfindung ihnen zusteht, und dann wurde geräumt."

Jetzt verhandeln SPD und Grüne über einen Kompromiss, der Autobahnausbau scheint erst einmal verschoben. Petroll glaubt nicht, dass in den nächsten Jahren gebaut wird. "Umso trauriger, dass hier so überhastet gearbeitet wurde", sagt er. Die Gärtner hätten sehr an ihren Lauben gehangen. Einer, weit über 80 Jahre alt, habe sogar geweint. "Viele waren so alt, die hätten ihren Garten doch sowieso nur noch ein paar Jährchen behalten wollen." Jahre, die nun möglicherweise zur Verfügung stünden.

"Aber jetzt ist es zu spät", sagt er. Mittlerweile ist er nicht mehr gegen den A-100-Ausbau: "Jetzt sollen sie das Ding auch bauen, wenn sie hier schon so viel kaputt gemacht haben." Bau- und Autolärm fürchtet er nicht, die geplante Trasse liege tief genug unter seinem leicht erhöhten Garten.

Da geht es Evelin und Jürgen Lehmann anders. Die beiden 71-Jährigen sitzen nur ein paar Dutzend Schritte entfernt in ihrem Garten, zwischen roten, gelben und weißen Blüten, der Springbrunnen plätschert. "Die wollen ja sechs Jahre lang bauen", sagt Jürgen Lehmann. "Das wird nicht leise vonstattengehen." Er zeigt, wo die Strecke verlaufen soll - nah genug, um den Springbrunnen zu übertönen, wäre es allemal.

Als klar wurde, dass sie nicht weichen müssen, waren die beiden erleichtert. Seit 25 Jahren machen sie es sich in dem Gärtchen gemütlich, sie wollen hier nicht weg. Aber die Unsicherheit bleibt. "Wir werden ja sehen, wie laut es wird", sagt Lehmann. Der ehemalige Bauaufsichtsbeamte hat bei den Abgeordnetenhauswahlen zum ersten Mal in seinem Leben Grün gewählt, um den Ausbau abzuwenden. "Die sind eingeknickt, weil sie regieren wollen", schimpft er. Er hält das neue A-100-Stück auch unabhängig von seinem Garten für überflüssig. "Aber irgendwann werden sie es wohl bauen." Ob seine Frau und er dann noch die Gartenidylle genießen können? Sie bezweifeln es.

So pessimistisch will Erika Gutwirt die Sache nicht sehen. Die 70-jährige Rentnerin wohnt in der Beermannstraße, nicht weit von der Kleingartenkolonie entfernt. Wenn die Autobahn gebaut würde, müssten die Häuser dort abgerissen werden. "Aber dagegen kämpfe ich, ich will hier auf keinen Fall ausziehen müssen." Die Beermannstraße am Treptower Park ist ein gepflegtes Wohngebiet, die Altbauten glänzen geradezu von außen. Einige Häuser, auch ihres, seien 2002 erst saniert worden, erzählt Gutwirt. In ihrem Fenster hängt ein Anti-Autobahn-Schild, stolz zeigt sie es.

Die Beermannstraße ist schon seit 66 Jahren ihr Zuhause, sie kam nach dem Krieg als Kind mit ihrer Familie hierher. Wenn die Autobahn gebaut würde, müsste sie ihr lieb gewonnenes Heim verlassen. "Seit ich von dem Bauvorhaben erfahren habe, war ich bei jeder Demonstration dabei. Ich lasse mir den Mut nicht nehmen", sagt sie.

Neben den neuwertigen Altbauten erscheinen die beiden Häuser am Ende der Straße wie zwei Fremdkörper. Die Fassade ist heruntergekommen, auch hier hängen Protestschilder an den Balkonen. Nachdem der geplante Abschnitt der A 100 direkt durch die Beermannstraße verlaufen soll, habe der Vermieter geglaubt, es lohne sich nicht, die Häuser zu sanieren, sagt Gutwirt. "Aber jetzt wird ja vielleicht doch nicht gebaut."

Sie wirkt erleichtert. Sie hat bei der Landtagswahl ihre ganze Hoffnung in die Grünen gesetzt. Nach den Wahlen glaubt sie nun fest daran, hier nicht mehr ausziehen zu müssen. "Noch habe ich keine Kündigung", sagt sie. "Und solange keine kommt, glaube ich daran, dass ich hier bleiben darf."

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