Protest im Bundestag

80 Sitze bleiben leer

Zuerst hieß es, etliche der potenziellen Boykotteure hätten sich die Sache noch einmal überlegt und wollten sich die Rede doch anhören. Aber das war nur ein Gerücht. Als Papst Benedikt XVI. um 16.25 Uhr in den Parlamentssaal kam, war klar: Rund 80 Bundestagsabgeordnete verzichteten darauf, dem Auftritt des Papstes beizuwohnen.

Insbesondere die Linke stellte sich quer: Zwei Drittel ihrer Parlamentarier waren nicht gekommen, nur 28 der 76 Plätze besetzt. Die meisten anwesenden Linke-Abgeordneten trugen rote Aids-Schleifen. Zehn Linke fehlten im Bundestag offiziell wegen "Krankheit, Dienstreisen oder unverschiebbarer Termine". Etwa 15 Abgeordnete der Fraktion hatten angekündigt, an der Demonstration gegen den Papstbesuch am Brandenburger Tor teilnehmen zu wollen, darunter die stellvertretende Parteichefin Katja Kipping und die Bundesgeschäftsführerin Caren Lay. Bei SPD und Grünen waren die Reihen dagegen relativ dicht besetzt. Allerdings verließ der Berliner Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele bereits nach den ersten Sätzen von Papst Benedikt XVI. den Plenarsaal. Das hing aber offensichtlich gar nicht mit dem bis dahin Gesagten als vielmehr mit dem freundlichen Begrüßungsapplaus zusammen, mit dem Deutschlands Politik den Papst empfangen hatten. Der sei ihm "zu heftig" gewesen, monierte Ströbele. "Ich wollte den Papst hier so nicht würdigen." Der Grüne kritisierte, Benedikt XVI. verunglimpfe Schwule und Lesben und verhindere Familienplanung in Afrika. Jedenfalls blieb er seinem Stil treu: Ströbele hatte auch bei Redeauftritten von George W. Bush und Wladimir Putin den Saal verlassen.

Unklar war, wie viele Plätze bei SPD und Grünen mit Gästen und Bundestagsmitarbeitern aufgefüllt wurden. Bei der SPD hieß es vor der Rede, 25 Abgeordnete würden fehlen, weil sie entweder krank geworden oder auf Dienstreise seien. Allerdings waren alle Fraktionsvorsitzenden anwesend. Auch die beiden Parteichefs der Linken, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, ließen sich die Papstrede nicht entgehen. Bei den Regierungsfraktion CDU/CSU und FDP waren mit Ausnahme einzelner Mitglieder, die entschuldigt fehlten, alle Abgeordneten anwesend. "Das war ein ganz mieses Signal, dass da einige Kollegen heute ausgesandt haben", sagte Stefan Müller, Parlamentsgeschäftsführer der CSU-Landesgruppe, der Berliner Morgenpost. Es sei eine Schande, "dass gerade jene, welche die Debattenfreiheit sonst wie eine Monstranz vor sich hertragen, die Rede des Papstes boykottiert haben". Ströbeles Verhalten sei dabei "um keinen Deut besser als das der Linken, die gar nicht erst aufgetaucht sind".