Anti-Papst-Demo

Tausende demonstrieren friedlich in Mitte

Während Papst Benedikt XVI. auf dem Weg zum Olympiastadion ist, sammeln sich am Potsdamer Platz diejenigen, die ihn ablehnen. Die Sonne steht tief über dem Platz, mehr als 9000 Menschen kommen nach Polizeiangaben zu dem Protest zusammen.

Die Sonne schillert in den Fenstern der umstehenden Bürotürme, sie glitzert auch in dem perlmuttfarbenem Kondom-Kostüm, das Heike Müller angezogen hat. "Ich arbeite für das Gesundheitsamt in der HIV-Prävention", sagt sie. "Da kann ich keinen Papst gut finden, der Kondome verbietet." Sie steht mit zwei Kolleginnen, ebenfalls als Kondom verkleidet, vor dem S-Bahnhof und wartet darauf, dass die Kundgebung beginnt und der Demonstrationszug in Richtung Bebelplatz loszieht, wo später die Abschlusskundgebung vor der St. Hedwigskathedrale stattfindet. "Ich bin katholisch erzogen worden und gläubig", sagt Stefanie Klee. "Aber die Kondompolitik und die Homophobie der Kirche sind menschenverachtend."

Es sind Gläubige und Atheisten, die einem Aufruf des Bündnisses "Der Papst kommt" gefolgt sind, dem etwa 65 Vereinigungen, darunter Frauen- und Homosexuellen-Organisationen, die Deutsche Aids-Hilfe und der Humanistische Verband angehören. Sie sind am Potsdamer Platz zusammengekommen, um gegen die ihrer Meinung nach frauenfeindliche, gesundheitsschädliche und sexualfeindliche Politik des Vatikans zu protestieren. Sie kritisieren das Kondomverbot, die Rolle der Frau in der katholischen Kirche und auch die Rede im Bundestag.

"Keine Macht den Dogmen"

Auf einem Truck stehen die Redner, an dem Lastwagen prangt das Motto der Demonstration: "Keine Macht den Dogmen." Davor stehen, sitzen, tanzen die Demonstranten, viele sind verkleidet. Nonnen mit roten Lippen, einige tragen Papst-Kostüme. Eine Fremdgeh-Agentur verteilt Kondome und plädiert dafür, den Seitensprung zu enttabuisieren, eine junge Frau hält ein Schild mit der Aufschrift "Kondom statt Petersdom" hoch. "Wir finden es schlimm, dass bei dem Papstbesuch Staat und Religion verquickt werden", sagt sie. "Niemand hat etwas dagegen, dass er im Olympiastadion spricht", ergänzt ein anderer Demonstrant. Eine Studentengruppe ist aus Potsdam zur Demonstration gekommen. "Wenn das für jemanden ein besonderer Moment ist, den Papst zu sehen, dann bitte." Nur, dass er im Bundestag sprechen darf, das finden sie nicht richtig.

Einige Teilnehmer lehnen die Kirche als solche ab - wie zwei als Nonnen verkleidete Frauen auf einem "Mamamobil", die "Religion ganz allgemein schlecht finden". Andere Demonstranten finden Glauben und Spiritualität wichtig oder respektieren zumindest, wenn jemand gläubig ist. "Aber die dogmatischen Positionen dieser Kirche sind nicht friedensstiftend", sagt Demonstrantin Charlotte Wagner. "Dies ist keine Demonstration gegen gläubige Menschen", sagt auch die Frauenrechtlerin und Grünen-Politikerin Irmingard Schewe-Gerigk bei der Kundgebung. Sie fordert in ihrer Rede den Papst auf: "Machen Sie Schluss mit der Diskriminierung!"

Die Demonstrantin Steffanie Kühn klatscht. Sie ist aus einem persönlichen Grund hier: "Als lesbische Frau finde ich es furchtbar, dass der Papst sagt, mein Lebensstil sei unnatürlich." Jemand, der so viel Macht habe wie der Papst, solle sich gut überlegen, ob er nicht mit der Diskriminierung Schluss machen wolle, sagt die 43-Jährige. "Es ist extrem schwierig für Schwule und Lesben in einer Gesellschaft zu leben, deren große Religion ihre sexuellen Neigungen ablehnt. Für gläubige Homosexuelle erst recht."

Anschließend spricht Uta Ranke-Heinemann auf dem Podium. Die 83-Jährige hatte einst gemeinsam mit Joseph Ratzinger Theologie studiert, ist bundesweit bekannt für ihre kirchenkritischen Positionen. Die kleine Dame steht, eingerahmt von zwei Männern, die ihr Manuskript und Mikrofon halten, auf dem Truck, das Publikum bejubelt ihren Auftritt. "So. Ruhe jetzt", ermahnt sie ihr Auditorium. Dann erinnert sie an die lange Geschichte der Verfolgung von Homosexuellen durch die Kirche. Sie kritisiert, dass die katholische Kirche bis heute zu keiner anderen Einschätzung zur gleichgeschlechtlichen Liebe gekommen sei. So stehe in einer Schrift Ratzingers, "es sei besser, seine eigenen Töchter zur Vergewaltigung freizugeben, als homosexuelle Akte zuzulassen", sagt Uta Ranke-Heinemann. Im Zusammenhang mit den 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen spricht sie von "Verbrechen von zwangsentsexualisierten Priestern an Kindern". Und: "Papst Benedikt ist der größte Vertuscher dieser Verbrechen."

Die Demonstranten jubeln. Auf ihren Schildern steht "Homophobia kills", "Keine Kanzel im Parlament" oder "Wo Aufklärung ist, da ist Zukunft". Es bleibt aber friedlich am Potsdamer Platz, erst später, als der Demonstrationszug in Richtung Unter den Linden unterwegs ist, werden laut Augenzeugen Gegenstände und Äpfel auf Polizisten geworfen.

Rosafarbene Kostüme

Die nächsten Redner werfen der Kirche vor allem Homophobie vor. Die Demonstranten zeigen durch Regenbogenfarben, rosafarbene Kostüme oder Transparente, dass sie schwul, lesbisch oder transsexuell sind. Bodo Mende vom Lesben- und Schwulenverband ruft ihnen zu: "Dass der Potsdamer Platz voller Menschen ist, zeigt, dass wir uns diese menschenfeindliche Sexualpolitik nicht gefallen lassen." Der Papst mache auch Politik und sei mitverantwortlich für Feindlichkeit gegen Schwule in der Gesellschaft. "Wir wissen nicht, warum er uns unser Glück missgönnt", ruft Mende. "Die Kirche hat unsere Menschenrechte genauso zu respektieren wie alle anderen auch."