Rund um die Kreutzigerstraße

In Friedrichshain leben die meisten Piraten

Bunte Graffiti-Smileys leuchten von den Hauswänden, an grün berankten Balkonen flattern Laken mit roten Lettern: "Atomkraft, nein danke!" und "Altbau sanieren statt Garten betonieren". Die Kreutzigerstraße in Friedrichshain sieht ziemlich genau so aus, wie sich der Zugereiste eine Nebenstraße in Friedrichshain eben vorstellt.

Ein Papierschild weist darauf hin, dass hier am Sonntag ein Wahllokal war. Jeder vierte dort registrierte Wähler hat sein Kreuz bei der Piraten-Partei gesetzt. 26,2 Prozent - Berlin-Rekord.

Das Wahllokal liegt im Wahlkreis fünf im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort ist die Piraten-Hochburg der Hauptstadt. Im Schnitt erbeuteten die Polit-Freibeuter hier 19,5 Prozent. Zwar haben auch die SPD, Grüne und Linke, die hier traditionell viel Zuspruch erfahren, noch gute Ergebnisse erzielt. Im Wahllokal in der Kreutzigerstraße sind die Grünen stärkste Kraft mit 32 Prozent. Aber in manchem Wahllokal haben die Piraten ihre Konkurrenz deutlich überholt.

"Das wundert mich gar nicht", sagt Jördis Güther. Die 25-Jährige sitzt mit einem Freund in einem Straßencafé, nicht weit entfernt vom Rekord-Wahllokal. "Gerade im Kreutziger Kiez wohnen viele junge Leute und Medienmenschen." Klassische Piraten-Klientel also. So wie Jördis Güther selbst: Sie arbeitet im Internetmarketing, hat "Media and Culture" studiert. Technik ist wichtig für sie: Als das Gespräch auf die Computer-Themen der Piraten kommt, entbrennt sofort eine kurze Diskussion mit ihrem Begleiter, ob das Apple-System nun besser ist als das von Microsoft oder nur eine Modeerscheinung.

Ehrlichkeit oder Wischiwaschi?

Dann aber doch wieder Politik: "Meine Zweitstimme ging an die Piraten." Aus Neugier, wie sie sagt. "Um mal zu sehen, ob die etwas bewegen können. Und ob sie es wirklich wollen." Manchmal habe sie nämlich noch Angst, dass von der erfrischend ehrlichen "Wir haben noch kein Vollprogramm"-Attitüde doch nur Wischiwaschi übrig bleiben könnte. "Bei der Wahlanalyse am Sonntag wurde einer interviewt, der hat schon eher nur Allgemeinplätze verkündet."

Sie zeigt auf ein Piraten-Plakat an einer Laterne. "Ich glaube sogar, es war der da." Auf dem Poster posiert Piraten-Politiker Pavel Mayer über dem Slogan "Religion privatisieren jetzt". Die Piraten hätten viele deutliche Forderungen aufgestellt, sagt Güther. "Jetzt müssen sie beweisen, dass sie was können." Transparenz im Netz ist für die 25 Jahre alte Frau ein wichtiges Thema, aber sie wollte auch ein Zeichen setzen, gegen die anderen etablierten Parteien.

Wer im Wahlbezirk fünf Friedrichshain am Montag nach der Wahl mit den Menschen spricht, merkt: Hier sind die Piraten bereits etabliert. Wer Piraten-Wähler sucht, findet in dem Stadtviertel natürlich auch viele Touristen, die in Berlin gar nicht wählen dürfen. Oder junge Berliner, die sich - manche im letzten Moment - doch noch gegen die Piraten entschieden haben. Aber sie alle finden es gut, dass die neue Partei so erfolgreich war. Jemanden, der etwas Ablehnendes gegen die Piraten sagt, ist kaum zu finden.

"Das ist doch spannend", sagt eine Mutter auf dem Spielplatz am Boxhagener Platz. "Ich habe zwar die SPD gewählt, aber viele Themen der Piraten sind wichtig und ihre Standpunkte gut", sagt sie. Viele Friedrichshainer haben sich informiert, im Internet oder mit den Wahlprogramm-Flyern der Partei - der Forderung "Vertrau keinem Plakat - informier dich" Folge leistend. "Der ganze Piraten-Wahlkampf war einfach super", sagt sie.

Auf dem Boxhagener Platz gab es Techno-Partys, eine Demonstration für Kiez-Kultur nach dem Motto: "Ruhe findet ihr in Spandau". Die witzigen Plakate trafen nicht nur den Humor der Wähler, sondern auch die richtigen Themen, bunte Fähnchen gab es für Kinder - die Internet-Partei konnte in Friedrichshain auch offline überzeugen. Noch immer hängen, stehen und liegen überall um den Park Piraten-Plakate. "Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht ja eh nicht wählen", steht darauf, oder "Dieser Geheimvertrag ist in deiner Stadt nicht verfügbar". Die Konkurrenz fällt da kaum noch auf. "Es ist gut, dass durch die neue Partei viele junge Leute und Medienthemen im Parlament vertreten sind", sagt eine andere Mutter.

Sogar wer den ganzen Tag mit Büchern, dem klassischen Medium, zu tun hat, wählt hier die New-Media-Partei. "Das bringt einfach frischen Wind in die Politik", sagt Buchhändlerin Ramona. Vorname genügt, man duzt sich. Auch das ist Friedrichshain. Die 33-Jährige hat mit allen Stimmen Piraten gewählt, sie findet sich in vielen Positionen der Orangefarbenen wieder. Datenschutz sei wichtig, die Themen zu behandeln, die sich durch all die neuen Medien ergeben. Außerdem seien auch die anderen Forderungen größtenteils auf ihrer Linie. Dass Mitbestimmung einfacher werden soll zum Beispiel.

Sie hat sich ausführlich informiert - natürlich im Netz. "Die extremen Standpunkte zum Urheberrecht haben bestimmt noch einige abgeschreckt", sagt sie. Schließlich fordern die Piraten immerhin, geistiges Eigentum deutlich leichter zugänglich zu machen - etwas, das gerade bei Schreibenden nicht nur auf Begeisterung stößt. "Aber gedruckte Bücher lassen sich ja nicht so leicht raubkopieren", sagt Ramona.

Jeder eine eigene Meinung

Ob sich mit den 15 Jungpolitikern im Abgeordnetenhaus jetzt auch etwas ändert? "Das wissen die ja selbst noch nicht", sagt ihre Kollegin Annika. Sie durfte zwar nicht wählen, weil sie noch nicht lange genug in Berlin lebt, aber der Erfolg der Piraten gefällt auch ihr. Obwohl sie als Buchhändlerinnen eine besondere Beziehung zum gedruckten Wort haben - der Klischee-Pirat hingegen liebt ja eher Bildschirme.

"Das muss sich ja erst einmal nicht widersprechen", sagt Annika. "Die Piraten beschäftigen sich ja nicht nur mit Digital-Themen, außerdem fordern sie ja nicht, Bücher abzuschaffen." Und schließlich sei es ja auch eine der Ideen der Piraten, dass sich jeder seine eigene Meinung bilden soll. "Ich finde zum Beispiel E-Books nicht so toll, die sind auch noch nicht wirklich erfolgreich", sagt Buchhändlerin Ramona. Aber natürlich ist auch sie beim sozialen Netzwerk Facebook, vieles läuft über den Computer. Da ist Datenschutz und Netzpolitik dann trotzdem wichtig. "Bei diesen Themen sind die Piraten einfach vorne dran."