Analyse

Kirchenmitglieder wählen CDU oder die Grünen

Eine "schonungslose Wahlanalyse" hat die Berliner FDP nach ihrem desaströsen Abschneiden angekündigt. Auch die SPD will klären, warum sie nicht genügend Wähler mobilisieren konnte. Den Grünen, die zwar zu den Siegern dieser Wahl gehören, aber dennoch weit hinter ihren Zielen zurückgeblieben sind, stellt sich die Frage, warum viele lieber die Piratenpartei wählten.

Die Linke muss sich sorgen, weil ihr die jüngeren Wähler im Ost-Teil der Stadt die kalte Schulter zeigten. Die CDU kann sich zwar über den regen Zulauf von ehemaligen FDP-Wählern freuen, muss aber dringend klären, wie sie im Ost-Teil mehr Wähler erreichen kann. Und die Piraten müssen Personalprobleme lösen. Bei allen diesen Fragen hilft vor allem eins: Der Blick in die Statistik, die Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach am Montag präsentierte. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

SPD

Die erste Analyse des Statistikamtes zur Abgeordnetenhauswahl 2011 zeige, dass die SPD "deutlich unterdurchschnittliche Werte" in den Wahlbezirken mit vielen Hartz-IV-Empfängern sowie hohem Ausländeranteil erhielt, so die Landeswahlleiterin. Das Amt hatte für die Analyse des sozialen Umfelds Merkmale wie Alter, Anteil der Bevölkerung, der auf Transferleistungen angewiesen ist, Migrationshintergrund, Wohnlage, Wohndauer und weitere Sozialstrukturdaten ausgewertet.

CDU

Aufgrund dieser Auswertung zeigt sich auch, dass die CDU "überdurchschnittliche Werte" in Stadtgebieten mit einem hohen Anteil alteingesessener Bevölkerung erzielt, sowie dort, wo - zumindest im West-Teil der Stadt - viele Menschen der evangelischen oder katholischen Kirche angehören und 60 Jahre oder älter sind. In Gebieten mit einem großen Anteil mittlerer Altersgruppen (30 bis 60 Jahre) erfuhren dagegen die Grünen den größten Zuspruch. So wie die CDU im Westteil der Stadt punkten kann, wo viele Kirchenmitglieder wohnen, ist dies auch bei den Grünen der Fall - aber im Ostteil.

Linke

Die Linke wurde in Ost-Berlin vor allem in Gebieten mit vielen Älteren (60 Jahre und älter) und Alteingesessenen gewählt. Im Westteil erreichte die Linke nur dort überdurchschnittliche Ergebnisse, wo viele junge Erwachsene, Nichtdeutsche und Hartz-IV-Empfänger wohnen.

Piraten

Die Piraten wurden überdurchschnittlich stark gewählt in Gegenden mit jungen Wählern (18 bis unter 30 Jahre) und Nichtdeutschen. Eine lange Wohndauer und ein Alter über 60 Jahren sind dagegen offenbar echte Wahlhemmnisse für die Piraten. Die Partei konnte auch dort stark an Zuspruch gewinnen, wo viele junge Frauen (18 bis unter 30 Jahre) leben. Erstaunlich, schließlich haben die Piraten unter ihren 15 Kandidaten auf der Wahl-Liste nur eine einzige Frau nominiert. Dass der Erfolg der Piraten diese selbst am meisten überrascht hat, zeigt sich auf der Bezirksebene. In allen Bezirken kann die Partei die Drei-Prozent-Hürde nehmen - und zwar so deutlich, dass sie in gleich drei Bezirken zu wenige Kandidaten aufgestellt hat und deshalb jeweils einen Sitz in der Bezirksverordneten-Versammlung (BVV) nicht besetzen kann: In Friedrichshain-Kreuzberg können sie nur acht statt der gewonnen neun Sitze besetzten, in Spandau 3 (4) und in Treptow-Köpenick 4 (5). "Die Piraten können in alle BVV einziehen und haben nach dem Wahlergebnis in Friedrichshain-Kreuzberg sogar Anspruch auf einen Stadtratposten", so die Landeswahlleiterin. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus gelang den Piraten die Punktlandung: Für jeden der 15 Kandidaten gibt es einen Sitz.

NPD

Die rechtsextreme NPD rangiert mit 2,1 Prozent sogar noch vor den Liberalen. In drei Bezirken zieht sie zudem mit je zwei Vertretern in die BVV ein: In Marzahn-Hellersdorf (4,1 Prozent), in Lichtenberg (3,7 Prozent) und in Treptow-Köpenick (4,5 Prozent). In Neukölln kam die NPD auf 3 Prozent der gültigen Stimmen. Für einen Platz in die BVV reichte das aber nicht. Die NPD bekam 3509 Stimmen, zum Einzug in die BVV wären aber 3553 Stimmen erforderlich gewesen.

FDP

Die FDP wird mit 1,8 Prozent nicht mehr im Abgeordnetenhaus vertreten sein. Die Liberalen schaffen auch in keinem der zwölf Bezirke den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde. Die starken Verluste der FDP von insgesamt 5,8 Prozentpunkten seien eine Reaktion auf bundesweite Trends, so die Landeswahlleiterin.

Wählerwanderung

Abgerundet wird die Analyse der Landeswahlleiterin durch das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap, das die Wählerwanderung untersuchte. Demnach konnten die Piraten allein 23 000 Berliner aus dem Lager der Nichtwähler für sich mobilisieren. Klar wird aber auch, dass die Grünen offenbar vielen zu bürgerlich geworden ist: 17 000 frühere Wähler der Grünen machten am Sonntag ihr Kreuz bei den Piraten. So wie die Piraten Zulauf von den Grünen bekamen, verlor die SPD allein 18 000 Stimmen an die Grünen. Weitere 14 000 SPD-Wähler waren so unzufrieden mit der Regierungsarbeit, dass sie zur Protestpartei, den Piraten, wechselten. Immerhin 12 000 SPD-Wähler und 30 000 FDP-Wähler wanderten zur CDU. Nennenswerte Zugewinne konnte die SPD dagegen lediglich im Lager der FDP-Wähler erzielen. 7000 Berliner, die vor fünf Jahren noch ihre Zweitstimme den Liberalen gegeben hatten, machten nun ihr Kreuz bei der SPD. Dagegen konnte die SPD aus der Schwäche der Linkspartei kaum Nutzen ziehen. Sie verlor 2000 Wähler an die Linke.

Wahlbeteiligung

Der Blick in die Statistik zeigt, dass die Nichtwähler immer noch mit Abstand die größte Gruppe stellen. Knapp eine Million (983 086) Berliner verzichtete auf ihr Wahlrecht. Immerhin: Von den rund 2,47 Millionen Wahlberechtigten in Berlin gaben 60,2 Prozent ihre Stimme bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus ab - das sind 2,2 Prozentpunkte über dem bisherigen Tiefstand von 2006. Allerdings ist dies immer noch die zweitniedrigste Wahlbeteiligung seit 1990.

Ost-West-Differenz

"Eigentlich hatten wir uns überlegt, ob es 22 Jahre nach dem Fall der Mauer noch Sinn macht, das Wählerverhalten im ehemaligen Ost- und West-Berlin auszuweisen", so die Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach. Jedoch sei dieses noch immer so unterschiedlich, dass sich die Auswertung lohne. Angefangen bei der Wahlbeteiligung, die im Osten Berlins mit 57,8 Prozent deutlich unter der im Westen lag (61,9 Prozent) lag. Noch deutlicher werden die Unterschiede beim Blick auf die Wählerschaft der einzelnen Parteien, allen voran der Linken. Auf die Partei entfallen im Osten 22,6 Prozent der Stimmen. Im Westteil erreicht sie nicht einmal die Hälfte des Landesdurchschnitts (11,7 Prozent), nur 4,3 Prozent. Die CDU dagegen erhielt im Westen mit 29,5 rund ein Viertel mehr Stimmen als im Durchschnitt (23,4 Prozent), im Osten rund 40 Prozent weniger (14,2 Prozent). Die Grünen haben ebenfalls noch eine westorientierte Verteilung (West: 20,4; Ost: 13,5). Die SPD ist weiterhin die einzige Partei, die in Ost- und West annähernd gleich viel Zustimmung findet (West: 28; Ost: 28,8 Prozent). Die Piraten konnten als Protestpartei sowohl im Osten wie im Westen punkten. Sie haben die Grenzen ihrer Hochburg Friedrichshain-Kreuzberg in alle Richtungen überschritten und kommen im West-Teil auf 8,1, im Ostteil auf 10,1 Prozent (Gesamt: 8,9 Prozent).