Von Rot zu Rot

SPD nimmt Linken in Lichtenberg die Wähler weg

Kerstin und Frank Becker aus Lichtenberg sprechen miteinander viel über Politik. Meist wählen beide dieselbe Partei - und das war jahrelang die Linke. Am Sonntag haben sie zum ersten Mal an einer anderen Stelle das Kreuz gesetzt: bei der SPD. Warum? "Um mal mehr Schwung hier reinzubringen", sagt Kerstin Becker.

Er würde auch irgendwann wieder die Linke wählen, sagt Frank Becker: "Bei Bezirkswahlen mache ich das sowieso, das regeln die hier schon ganz gut." Kerstin und Frank Becker stehen damit nicht alleine da, viele Lichtenberger haben sich diesmal so entschieden wie sie.

Es ist noch nicht lange her, da war Lichtenberg die Hochburg der Linkspartei, und deshalb verwundert es auch nicht, dass die Partei ihre Wahlplakate hier besonders großzügig verteilt hat. Bei den Wahlen vor fünf Jahren gewann die Linke mit 35,6 Prozent der Zweitstimmen vor der SPD mit 29,4 Prozent. Diese Zeiten sind vorbei, die SPD läuft der Linken in Lichtenberg langsam, aber sicher den Rang ab. Die Wahlergebnisse vom Sonntag belegen: Die SPD liegt mit 30,9 Prozent vor der Linken mit 29 Prozent, in vier von sechs Wahlkreisen wählten mehr Bürger SPD als Linke. Im Wahlkreis 03 in Lichtenberg, zwischen Weißenseer Weg und Rosenfelder Ring, fuhr die SPD mit 32,4 Prozent Zustimmung eines ihrer besten Ergebnisse der Wahl ein.

Bezirk verändert sich

Die SPD profitiert nicht nur von Wählern wie Kerstin und Frank Becker, die sich umentscheiden. Es sind auch Stammwähler wie Mario Höppner, auf die sie sich in Lichtenberg verlassen kann. "Ich hoffe, die reißen was mit den Grünen", sagt der 42 Jahre alte Busfahrer. Allerdings will er weg aus seinem Hochhaus in Lichtenberg, hat einen neuen Job im Ausland in Aussicht. Er hebt hervor, dass sich Lichtenberg verändert und andere Menschen herziehen - das sei gut, gerade im Bezug auf die Wahl: "Ist doch klar, dass hier viele Alteingesessene die Linken gewählt haben. Aber das wird immer weniger. Die, die zuziehen, wählen andere Parteien. Das finde ich besser für Lichtenberg."

Die Bevölkerungsstruktur verändert sich, Nutznießer ist die SPD. Denn die Menschen, die neu nach Lichtenberg kommen, haben keine DDR-Vergangenheit mehr und gehören deshalb auch nicht mehr zur typischen Wählerklientel der Linken. "Es ist wichtig, dass sich jemand um soziale Gerechtigkeit kümmert, deshalb habe ich die SPD gewählt", sagt Christian H. Und das, obwohl es die Linke war, die noch auf ihre Plakate geschrieben hatte, man solle sie wählen, weil sie für das Soziale stehe. Aber die Linke hält Christian H. nicht für regierungsfähig. H. ist 23 Jahre alt und beginnt in Kürze ein Politikstudium. Er ist dafür nach Berlin gezogen und wohnt erst seit ein paar Monaten hier. In Lichtenberg gab es günstige Wohnungen, er teilt sich eine mit zwei Kommilitonen.

Auch Maika Schlemo ist eine von denen, die noch nicht lange in Lichtenberg leben. Vor knapp drei Jahren ist sie nach Lichtenberg gezogen, um hier als Krankenschwester zu arbeiten. Sie wohnt in einem Plattenbau nahe der Frankfurter Allee, mit 25 Jahren gehört sie zu den Jüngsten in ihrem Wohnhaus. Ihr gefalle Berlin so, wie es ist. Deshalb hat sie SPD gewählt. "Das ist eine große Partei. Ich glaube, meine Freunde wählen sie auch. Ich bin einfach sehr sozial. Die Linke würde ich nicht wählen, die sind echt zu extrem."

Hannelore P. wählt die Linke immer. "Die sind die Einzigen, die sich für die Gleichberechtigung von Ost- und Westdeutschen einsetzen", sagt die 71-Jährige, die seit 38 Jahren in Lichtenberg wohnt.

Die SPD ist in Lichtenberg im Kommen. Neben Marzahn-Hellersdorf ist das allerdings der einzige Bezirk, in dem sie noch zulegen konnte. In einer ihrer angestammten Hochburgen, in Spandau, verlor sie an Zuspruch. 2006 hatte sie noch 33,4 Prozent der Wählerstimmen erhalten. 2011 waren es noch 31,7 Prozent. Das ist aber noch immer Wahlkreis-Spitzenwert für die SPD.