Familienpolitik

Frau Schröder sucht das Familienglück

Dass Alma Glück und Sigrid Kocaman ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben, sieht ein Besucher auf den ersten Blick. An der Art, wie sie sich ansehen, sich berühren, sich zuhören. "Ich gebe ihr das Gefühl, dass sie wertvoll ist", sagt Sigrid Kocaman (53) über ihre Großmutter Alma Glück (97).

"Und genau das gibt sie mir auch." Fast zwei Jahre ist es her, dass Alma Glück einen Schlaganfall hatte. Von einem Tag auf den anderen brauchte die bis dahin rüstige alte Dame Hilfe. Die Ärzte empfahlen ein Heim, aber Sigrid Kocaman entschied sich dagegen. Ihre Großmutter, sagt sie, brauche ihr Umfeld. Und deshalb kümmert sie sich jetzt um die alte Dame zu Hause - wie viele andere Deutsche ihre Verwandten.

Dass diese Menschen mehr Hilfe bekommen, wünschen sich drei Viertel der Bundesbürger, wie die Allensbach-Studie "Monitor Familienleben 2011" für das Bundesfamilienministerium ergab. Ein klarer politischer Auftrag. Die zuständige Ministerin Kristina Schröder (CDU) hat sich mit dem Thema bereits beschäftigt, im Frühjahr schlug sie einen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit vor - wer zeitweise aus dem Beruf aussteigt und Angehörige pflegt, bekommt weiter einen Teil des Gehalts.

Aber in den vergangenen Wochen hat Schröder anderes zu tun gehabt - sie war in Mutterschutz. Und vor allem um den Blick auf den Nachwuchs geht es bei ihrem ersten Auftritt seit der Geburt ihrer Tochter Lotte Marie. Schröder rückt das schwarze Kostüm gerade und legt los. Betreuungsgeld, Frauenquote, Vereinbarkeit von Familie und Beruf - die CDU-Politikerin hat für die zweite Hälfte der Legislaturperiode noch einiges vor.

Schröder ist Deutschlands erste Bundesministerin, die während ihrer Amtszeit Nachwuchs bekommen hat. "Doch ich werde meine Familie nicht ins Schaufenster stellen", sagt die 34-Jährige. Ab wann sie ihre Tochter in die Krippe geben wird? Dazu nichts. Und keineswegs werde sie Kabinettsmitglieder fragen, wie sich der Beruf mit Familie vereinbaren lasse. Diese Äußerung spielt offenbar auf die Arbeitsministerin und siebenfache Mutter Ursula von der Leyen (CDU) an. "Da habe ich Gott sei Dank andere Möglichkeiten, mir Rat zu suchen", sagt Schröder.

Klare Kampfansagen

Und dann geht es um die Frauenquote. Von der Leyen hat während Schröders Babypause schon mal die 30-Prozent-Quote in allen Firmen gefordert - und so Schröder angegriffen. Die Familienministerin macht jetzt klar, wer hier das Sagen hat. Sie setzt auf eine flexible Quote, Unternehmen können dabei selbst festlegen, welchen Frauenanteil sie erreichen wollen. "Eine starre 30-Prozent-Quote wäre etwa in der Stahlindustrie, wo nur wenige Frauen arbeiten, unsinnig und zudem weder verfassungskonform noch ordnungspolitisch richtig."

Auch beim Betreuungsgeld will Schröder Akzente setzen. Während ihrer Abwesenheit haben FDP und einige Unionspolitiker die neue Familiengeldleistung als überflüssig bezeichnet. 150 Euro im Monat sollen von 2013 an Eltern gewährt werden, die ihre ein- und zweijährigen Kinder nicht in einer Krippe betreuen lassen. "Das Betreuungsgeld steht im Koalitionsvertrag", sagt Schröder jetzt. Und dass sie an einem Kompromiss arbeitet.

Kämpfen möchte Schröder auch dafür, dass beim Elterngeld nicht noch mehr gespart wird. Koalitionspolitiker wie Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) oder FDP-Generalsekretär Christian Lindner haben diese einkommensabhängige Leistung, die Eltern in den ersten 14 Monaten nach der Geburt erhalten, infragegestellt. "Am Elterngeld wird nicht gerüttelt - dafür kämpfe ich", versichert Schröder. Diese Leistung gebe Eltern einen Schonraum, damit sie sich im ersten Jahr voll um ihr Kind kümmern könnten.

Ob sie durch die Geburt ihres ersten Kindes nun manch familienpolitische Frage anders beurteile? Schröder lacht: "Mich haben früher immer diese Menschen mit Kindern genervt, die gesagt haben, ohne Kinder könne man dies und jenes gar nicht richtig beurteilen. Und eben weil die mich so genervt haben, will ich jetzt nicht zu dieser Gruppe gehören."

Und die Pflege? Kommt an diesem Tag nicht so recht vor. Ob sich Kristina Schröder des Themas überhaupt wieder mit Energie annimmt, ist unklar. Denn Kabinettskollege Daniel Bahr (FDP) doktert an einer Reform der Pflegeversicherung herum, auch sie ist in der Koalition umstritten. Große Bundespolitik erwartet Schröder nun also wieder im Alltag. Und bald werden die Fragen nach ihrem Baby wohl auch weniger werden.

"Ich möchte zurückgeben"

Alma Glück lebt seit fast 50 Jahren in ihrer Wohnung in Mariendorf. Katze Emilie leistet ihr Gesellschaft, denn ihr Mann ist bereits vor 28 Jahren gestorben. "Ich hatte schon als Kind eine Katze", sagt sie und schaut ihre Enkelin Sigrid Kocaman fragend an. "Ja, hattest du", bestätigt diese. Sigrid Kocaman ist das Gedächtnis ihrer Großmutter. Was gestern war, wann genau ihr geliebter Mann Abi starb und wie ihre Ururenkel heißen, weiß die Frau Glück auf dem Sofa nur manchmal.

Sigrid Kocaman betreut ihre Oma intensiv. "Ich war als Kind viel bei ihr", sagt sie. "Ich habe so viel von ihr bekommen und bin ihr so dankbar. Davon möchte ich ein Stück zurückgeben." In den Stunden, in denen sie bei Alma Glück auf dem Sofa sitzt, mit ihr spricht, Bilder anschaut, für sie kocht, ihr das Haar kämmt, sich um alles kümmert. Zudem kommt noch regelmäßig ein ambulanter Pflegedienst zu der 97-Jährigen nach Hause. Anders ließe sich die Pflege gar nicht mit Sigrid Kocamans Arbeit als Stadtteilmutter vereinbaren.

Aufpassen muss sie trotzdem immer. "Neulich ließ der Pflegedienst die Tabletten meiner Großmutter offen auf dem Küchentisch liegen. Das ist menschlich vom Pfleger, sie mal zu vergessen. Aber bei einem dementen Menschen kann das fatal enden", sagt Sigrid Kocaman. Natürlich hat sich der Dienst sofort für die Panne entschuldigt, doch Sigrid Kocaman ist dennoch der Ansicht, dass " bei den Diensten oft die Falschen pflegen. Das Personal ist nicht gut ausgebildet und wechselt oft. Alte Menschen haben dann große Mühe, sich ständig an neue Menschen in ihrer häuslichen Umgebung zu gewöhnen. Gefragt sind Fachleute, denen die Arbeit auch wirklich am Herzen liegt." Nur dann könnten sie die pflegenden Angehörigen auch wirklich entlasten.

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