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"Religion ist keine Lizenz zum Töten"

Es war schon vor der weltweiten Schweigeminute um 14.46 Uhr still im Festsaal des Roten Rathauses. Als zum todtraurigen "Adagio für Streicher" von Samuel Barber Fotos der Tragödie auf eine Leinwand projiziert wurden, ergriff die Stimmung den Raum. Die brennenden Türme, Bilder von Menschen, die in Panik aus den Fenstern des World Trade Center springen, das klaffende Loch im Pentagon.

"Die Bilder haben uns eben noch einmal erfasst und erschüttert", sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zu Beginn seiner Ansprache bei der offiziellen Gedenkstunde Berlins, zu der zahlreiche Politiker des Landes sowie Gäste aus Kultur und den Religionsgemeinschaften der Stadt geladen waren.

Vor zehn Jahren habe Berlin den Atem angehalten, sagte Wowereit. "Wir alle waren angegriffen worden." Gerade bei den Berlinern seien Werte wie Freiheit und Solidarität besonders ausgeprägt, die Amerikaner hätten sie der geteilten Stadt vorgelebt. "Nirgendwo sonst ist die deutsch-amerikanische Freundschaft so tief verwurzelt", sagte Wowereit.

Auch US-Botschafter Philip D. Murphy betonte in seiner Rede die Verbundenheit der Vereinigten Staaten mit Berlin. Die Amerikaner hätten in der Geschichte oft mit Berlin getrauert oder sich gefreut, "vor zehn Jahren trauerte Berlin mit uns um den Tod von fast 3000 Menschen aus aller Welt". Trümmerteile des World Trade Center würden nun auch in der Gedenkstätte im Garten des Innenhofs der amerikanischen Botschaft in Berlin aufgestellt, so der Diplomat. Murphy beschwor in seiner Rede die Kraft der Menschen zum Neuanfang. Vorher hatte er bereits mit Bundespräsident Christian Wulff, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) an einem Gottesdienst in der American Church teilgenommen. Wulff reiste danach weiter nach München zum internationalen Friedenstreffen. Im Zentrum seiner Rede dort stand die Verständigung der Kulturen und Religionen. Gerade weil die Anschläge vom 11. September eine religiöse Rechtfertigung für sich beanspruchten, sei es notwendig, auf die heilbringende Botschaft der Religion zu verweisen, sagte Wulff. "Religion ist keine Lizenz zum Töten, Religion ist ein Weg, das Leben dankbar anzunehmen."