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Schweigeminute am Brandenburger Tor

Es sind etwa hundert Menschen, die um 14.46 Uhr gebannt zur kleinen Bühne der Berliner Stadtmission vor dem Brandenburger Tor blicken. Sie schweigen, manche haben die Hände gefaltet. Noch sind Stimmen zu hören, die meisten in anderen Sprachen, sie kommen von den zahlreichen Touristen.

Doch dann verstummen auch sie. Jeder weiß, warum die Menschen vor dem Brandenburger Tor so still sind. Wie könnte einer dieser Menschen, egal aus welchem Land, vergessen haben, was am 11. September vor zehn Jahren passiert ist? Der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York hat die Welt verändert, es gab Kriege, viele Menschen mussten leiden. Also verstummen auch die Touristen, gedenken der Opfer, die beim Anschlag und danach ums Leben kamen. Es ist ruhig auf dem Pariser Platz - ein seltener Moment, irgendwie spirituell.

Augenzeugin berichtet

Dann beendet ein Gongschlag die Zeremonie. Tamara Haskin betritt die Bühne. Sie ist Sopransängerin, wohnt im Berliner Stadtteil Tiergarten. Allerdings noch nicht lange. "Bis 2009 habe ich in New York gelebt", sagt sie. Ihre Erzählung vom 11. September 2001 ist mindestens so ergreifend wie die Schweigeminute. "Ganz New York stand an diesem Tag unter Schock, wir fühlten uns alle wie Zombies." Tamara Haskin berichtet von verletzten Menschen, die in die U-Bahn stiegen. Von weinenden Menschen, denn jeder habe beim Anschlag einen lieben Menschen verloren. Von ihrer Cousine Leslie Haskins, die sich vor zehn Jahren aus dem 36. Stockwerk des "Tower One" retten konnte und danach alles verlor, was sie hatte, ihre psychische Gesundheit, ihren Job und zuletzt ihr Zuhause. Auch wenn es Leslie Haskin heute, wie vielen anderen New Yorkern, wieder gut geht, der Terroranschlag hat die Stadt verändert. "Die Leute sind ernsthafter geworden, nicht mehr so oberflächlich", sagt Tamara Haskin. Viele hätten zum Glauben gefunden.

Wie Ron Weber. Vor mehr als vier Jahren ist der 37 Jahre alte Mann aus Tempelhof dem Islam beigetreten und engagiert sich nun in der Moschee am Columbiadamm. Sein Ziel ist es, den vielen Vorbehalten entgegenzutreten, denen Muslime seit zehn Jahren ausgesetzt sind. "Früher sind uns die Leute mit Neugier begegnet", sagt Ron Weber. Aber das Bewusstsein habe sich nach dem Terroranschlag geändert. Dabei heiße Islam wortwörtlich ins Deutsche übersetzt: "Frieden machen". Ron Weber ist heute mit anderen Mitgliedern seiner Gemeinde zum Gedenken gekommen. Er sagt: "Es ist schrecklich, was damals passiert ist, und wie viele Menschen in den darauffolgenden Kriegen sterben mussten." Immer noch sei es ein langer Weg zum Frieden. "Wir wollen nicht, dass es so bleibt", sagt Ron Weber. Er selbst fühle sich aufgefordert, für Frieden und Respekt zu kämpfen.

Für Frieden kämpfen

Mit dem religiösen Hintergrund der Attentäter von New York können er und seine Gemeinde sich nicht identifizieren. "Das Streben nach Frieden ist das gemeinsame Streben aller Glaubensrichtungen", bekräftigt Stadtmissions-Sprecherin Ortrud Wohlwend. Schuld, so sagt Wohlwend, dürfe nicht verallgemeinert werden. Auf der Bühne der Stadtmission treten deshalb den ganzen Tag über Glaubensvertreter auf, Gebete werden gesprochen, christliche, muslimische, buddhistische und viele mehr. Um ihren Wunsch nach einem gewaltlosen Zusammenleben weltweit deutlich zu machen, stellten sich die Menschen um 16 Uhr auf der anderen Seite des Brandenburger Tors in Form einer Friedenstaube auf.

Kein Gedenken im Sony-Center

Eigentlich sollen die Berliner der Katastrophe sogar stadtweit gedenken. Doch der Potsdamer Platz bietet das an einem Sonntagnachmittag gewohnte Bild: Wie immer ist der Ort, der wie kaum ein anderer für das Zusammenwachsen des einst geteilten Berlins steht, ein Magnet für Touristen. Viele von ihnen sind am Nachmittag vor der Sonne unter das Kuppeldach des Sony-Centers geflüchtet. Auf den langen Bänken am Rondell im Innenhof des Sony-Centers ist kaum noch ein Platz frei: Es wird geschwatzt, es wird gelacht oder einfach nur ein wenig vor sich hin gedöst. Kinder vergnügen sich in den Wasserspielen. Auch um 14.46 Uhr ebbt die Lautstärke unter der Glaskuppel nicht ab. Niemand ist zu sehen, der zum Gedenken an die Terroropfer schweigt. "Von einer Schweigeminute weiß ich gar nichts", sagt ein junger Mann überrascht und etwas entschuldigend.

Am Abend findet in der St. Hedwigs-Kathedrale ein ökumenischer Gottesdienst mit zu Ehren der Opfer der Anschläge statt. Neben dem katholischen Erzbischof Rainer Maria Woelki und dem Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Martin Dröge, drücken auch Vertreter der Serbisch-Orthodoxen Kirche, der Evangelisch-Methodistischen Kirche, der American Church und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin den Hinterbliebenen ihre Anteilnahme aus. Erzbischof Woelki spricht von einem "unfassbaren Ereignis" und Bildern, die sich tief in seine Seele eingebrannt hätten. Bischof Dröge erinnerte daran, dass sich unter den Opfern des Anschlags nicht nur Christen, sondern auch Muslime, Juden und Menschen anderer Glaubensrichtungen befanden. Dennoch seien die schrecklichen Ereignisse vom 11. September fast zu einem Symbol des Gegeneinanders der Religionen geworden. Dröge fordert das Ende einer Politik der Angst, denn in einer Atmosphäre der Angst könnten die Menschen auf Dauer nicht friedlich miteinander leben.