Kommentar

Eine Nation will sich erholen

Wer den zehnten Jahrestag von "9/11" in den USA verbrachte, erlebte echte Trauer, tiefe Emotionalität und eine sentimentale Verehrung der Anschlagsopfer als Amerikas erste Helden des 21. Jahrhunderts. Das war am Ground Zero in New York ebenso wie in Shanksville in Pennsylvania oder am Pentagon bei Washington. Was es nicht gab, waren waffenklirrende Kampfansagen in Richtung Terrorismus oder antiislamische Feindseligkeit.

Natürlich, längst nicht jeder US-Bürger und nicht jeder Politiker unterscheidet zwischen den skrupellosen Tätern des Anschlags vor zehn Jahren und der Religion, auf die sie sich beriefen. Aber die Nation insgesamt will sich erholen von der Wucht der Zeitgeschichte, die sie an diesem Wochenende einholte. Osama Bin Laden, der Drahtzieher des Angriffs auf Amerika, wurde von Navy Seals getötet. Die Kommandoebene seines Terrornetzwerks al-Qaida wird durch Drohnenattacken ständig dezimiert. Aus Afghanistan, dem Land, das Bin Laden als Führerhauptquartier diente, wollen sich die US-Truppen bis 2014 weitgehend zurückziehen. Und der Irak, dessen Diktator Saddam Hussein von der Bush-Administration in einer Tabula-rasa-Politik nach "9/11" gestürzt wurde, obwohl er keine direkte Verbindung mit al-Qaida hatte, gilt den Amerikanern längst als ein kostspieliges Abenteuer aus ferner Zeit.

"Wir vergessen euch nie" war das Versprechen dieses Jahrestages an die fast 3000 Opfer des Terrorschlags. Neben der Erinnerung, die in einer immer noch jungen Nation mit kurzer Geschichte innig zelebriert wird, hinterlässt "9/11" den Amerikanern zwei Aufgaben. Die eine besteht in der unbequemen Selbstvergewisserung, dass die Gefahr des Terrorismus trotz der Erfolge im Kampf gegen al-Qaida nicht gebannt ist. Mindestens 41 Anschlagsversuche mit islamistischem Hintergrund gegen Amerika und amerikanische Bürger gab es in der Dekade danach.

Die zweite Aufgabe besteht darin, einen noch mächtigeren Gegner als al-Qaida ins Visier zu nehmen. Das sind die bröckelnden Fundamente amerikanischer Macht in einer gigantischen Haushalts- und Wirtschaftskrise. Längst geht es nicht mehr nur um eingetrübte Konjunkturdaten oder bedrückende Arbeitslosenzahlen, sondern um die Gefahr des Verlustes des Weltmachtstatus. Ein Niedergang der USA aber würde nicht nur die nationale Sicherheit des Landes bedrohen, sondern die Zukunftsfähigkeit des Westens insgesamt.

Diese doppelte Herausforderung erfordert eine komplizierte Strategie. Die Verteidigungsfähigkeit muss aufrechterhalten bleiben, dennoch wird das Pentagon tiefe Etateinschnitte akzeptieren müssen (und, nebenbei, auf die Solidarität seiner Verbündeten vertrauen können müssen). Der Zusammenhalt der polarisierten Gesellschaft muss über den Gedenktag hinaus wieder wachsen, und das erfordert Feingefühl in Zeiten, in denen auch Sozialbudgets auf dem Prüfstand stehen.

Barack Obama und George W. Bush traten in New York gemeinsam auf. Dieser Hauch von Überparteilichkeit war zunächst nur eine Geste. Aber wenn die Nation das Gedenken ernst nimmt, werden Republikaner wie Demokraten wieder begreifen müssen, dass sie nicht in erster Linie ihrer Partei verpflichtet sind, sondern der Zukunft der Vereinigten Staaten von Amerika.