Berliner Spaziergang mit Maria Schrader

Auf der Suche nach Heimat

Maria Schrader beugt sich nach vorn und sagt in einem Atemzug diesen langen Satz: "Früher hab ich mir vorgestellt, dass meine kindliche Liebe zu den Eltern nach vorne kippt, über mich drüberkippt, und ich kann sie dann austrinken, und ich kann dann jeden, der danach kommt, immer wieder den Becher Erdbeerjoghurt auslöffeln lassen, der mit dem Geschmack der Kindheit, als ich besonders Mama liebte, durchsetzt ist."

Dieser komplizierte Satz ist ein Zitat aus dem Stück "Winterreise" von Elfriede Jelinek, mit dem Maria Schrader an diesem Wochenende Premiere hat und damit die neue Spielzeit am Deutschen Theater eröffnet. Das Stück ist ein sehr persönlicher Text Jelineks, geschrieben entlang Schuberts Liederzyklus, der das Innenleben einer Frau, die Glückssuche, die Einsamkeit, die Verstrickung in der Familie thematisiert. "Alle sollen mich so lieben wie meine Mama und wenn möglich sogar noch mehr." Maria Schrader lacht. "Das ist leider nicht möglich." Und jetzt ist es nicht mehr ganz klar, ob das wieder ein Zitat war oder nicht. Wir sitzen im "Pasternak" an der Knaackstraße, und sie sieht sich um. Sie beschäftige sich die ganze Zeit mit einem Stück, in dem es um Heimatlosigkeit geht, um das Gefühl, fremd zu sein, nirgendwo recht hinzuzugehören, manchmal nicht mal in den eigenen Körper. "Und ausgerechnet jetzt soll ich einen Spaziergang durch meine Heimat machen?" Was das wohl sei, Heimat ...

Das ist seltsam, wie sie das schafft, so ein Thema anzuschneiden, nur drei Minuten nachdem sie sich mit "Ich bin Maria" vorgestellt hat. Für sie muss sich das Reden über solche Dinge ganz normal anfühlen. Dieser Spaziergang, das ist das stumme Versprechen dieser ersten drei Minuten, wird vielleicht wie ein guter Theater- oder Kinoabend werden: Man geht anders hinaus, als man hineingegangen ist.

Maria Schrader ist bald seit 30 Jahren Schauspielerin, sie stand zum ersten Mal mit 16 Jahren auf einer Theaterbühne, davor war es nur Schultheater. Sie hat die Lulu gespielt, die Kriemhild in den "Nibelungen", die Medea, seit mehr als zwei Jahren spielt sie die Uraufführung des letzten Elfriede-Jelinek-Stücks, "Die Kontrakte des Kaufmanns", in Hamburg.

In ihren Filmen spielte sie eine einsame Stadtneurotikerin ("Keiner liebt mich"), eine gefühlsverwirrte Ehebrecherin ("Stille Nacht") und eine jüdische Lesbe zur Hitlerzeit ("Aimée und Jaguar"). Sie war oft Co-Autorin der Filme von Dani Levy, und vor vier Jahren brachte sie ihren ersten eigenen Film als Regisseurin ins Kino: "Liebesleben".

Als wir den Hügel hinter dem Wasserturm hinauflaufen, reden wir zunächst weder über Theater noch über Filme. Maria Schrader schaut auf die schönen Fassaden, die von diesem Hügel in allen Richtungen zu sehen sind. "Schön, dass Sie mich mal an die Luft locken, freiwillig komm ich ja nicht auf so eine Idee ..."

Wohnen wie im Vogelnest

Sie atmet durch und sagt dann mit der gleichen Stimme, die aus Erdbeerjoghurt Mutterliebe macht: "Gibt es denn irgendeinen anderen Ort in Deutschland, der eine derartig abrupte Gesichtsveränderung erfahren hat wie diese Gegend?" Sie sagt das nicht enttäuscht, sie stellt es nur fest.

"Keine unrenovierte Fassade mehr, Parkplatznot wie überall sonst. Und nur noch Leute, die aussehen wie man selbst." Das Palais KolleBelle, eine luxuriöse Wohnanlage auf der anderen Seite des Wasserturms, mag sie weniger. Mit ihren Bewohnern seien auch die Geländewagen gekommen. Sie nennt sie "Löwenautos". Sie freut sich auf den Winter: "Wenn es sich hier ein bisschen beruhigt und dörflicher wird."

Nach zehn Jahren in einer WG in der Uhlandstraße ist sie 1995 an den Kollwitzplatz gezogen. Sie lebt nach wie vor zur Miete, aber diese Wohnung ist ihr Zuhause, weit oben, sie sei wie ein Vogelnest, wo sie den Trubel vergessen könne. Zwischendurch war sie nach Pankow umgezogen, hatte überlegt, Berlin zu verlassen. Vor zwei Jahren aber kam sie zurück. Schließlich sei ihre Tochter in der Gegend aufgewachsen. "Eine gewisse Konstanz tut meinem, unserem Leben gut."

Wir setzen uns auf eine Bank, und sie zeigt ein Foto von der zwölfjährigen Tochter Felice, die den Namen ihrer Hauptfigur aus dem Film "Aimée und Jaguar" trägt. Sie hat die gleichen lockigen Haare wie Maria Schrader, allerdings blond. "Eine erstaunliche Person", sagt sie und schaut noch einmal breit lächelnd auf das Foto: "Ich bin sehr verliebt in sie." Sie sagt, Felice habe sich natürlich oft anpassen müssen, besonders schwer war die Trennung während der drei Monate, als Maria Schrader ihren Film "Liebesleben" gedreht hat, in Israel.

Felice blieb beim Vater, dem Regisseur Rainer Kaufmann. Am Ende des Films steht dann eine Widmung: "Für Felice".

Als wir uns Richtung Belforter Straße aufmachen, erzählt Maria Schrader, wie sie genau vor zehn Jahren den 11. September erlebt hat, das Attentat in New York. Er begann mit Dreharbeiten zu dem Spielfilm "Väter" von Dani Levy, sie sei morgens ans Set in Kreuzberg gekommen, das gesamte Team habe schon ungläubig vorm Fernseher gesessen. "Dani und ich hatten zwei Filme in New York gedreht, wir hatten Freunde dort, wir waren ganz außer uns ..." Irgendwann habe sie es nicht mehr ausgehalten und sich entschlossen, Felice ihre erste Puppe zu kaufen, die sie sich schon lange wünschte. "Ich bin ins KaDeWe gefahren, es war menschenleer, eine apokalyptische Stimmung." Sie habe das erste Mal körperliche Angst vor dem Krieg gespürt. Den Abend habe sie in einer Bar um die Ecke verbracht. Sie sagt: "Es gibt Tage, Erlebnisse, die sich so ins Leben meißeln, und die Orte, an denen man sich dann aufhält, werden dann ja auch eine Art Heimat, eine biografische Heimat. Ob man will oder nicht."

Wie instinktiv schlägt Maria Schrader ihren Arbeitsweg als Spaziergang vor, in Richtung Deutsches Theater. Sie sagt, dass sie diese Strecke schon lange nicht mehr gelaufen sei, normalerweise nehme sie immer das Rad. Auf der Belforter Straße zeigt sie auf die Haselnüsse am Boden. "Sieh mal, all diese Bäume sind Haselnussbäume, die gab es hier schon, als ich hergezogen bin." Dann bleibt sie stehen und sieht einer Gruppe eiliger Männer nach, in Schwarz gekleidet, mit traditioneller Kippa. "Ach ja, Freitag, es ist Sabbat." Sie zeigt in die Richtung der Synagoge.

Maria Schrader galt lange als "Jüdin vom Dienst", weil sie mit ihren dunklen lockigen Haaren nicht unbedingt typisch deutsch aussah. Israel bekam für sie schon früh eine Bedeutung: Sie war dort mit 14 Jahren in einem deutsch-israelischen Jugendcamp. Sechs Wochen ohne ihre Eltern in einem anderen Land, die erste Begegnung mit Theater, der erste Joint, das erste Mal richtig verliebt. "Dieser Sommer hat mich geprägt, nicht nur, weil ich danach Schauspielerin werden wollte." Wir biegen an der Kollwitzstraße links ab, und Maria Schrader sagt, dass sie manchmal Sehnsucht hat, nach Israel, nach dem Lebensgefühl, den Gerüchen, dem Licht, auch einzelnen Menschen. "Es gibt dort einen größeren Ernst und eine größere Lust, aber es sind keine glücklichen Umstände, die das bewirken." Dieser Lebenshunger werde auch geweckt, weil das Leben unsicherer sei. Fremd fühlt sie sich trotzdem dort, auch weil sie die Sprache nicht spricht. Als sie etwas auf Hebräisch sagen soll, muss sie lachen und ruft: "Sheket bewakasha!" Ruhe bitte! Musste sie denn oft laut werden beim "Liebesleben"-Dreh? Sie lächelt hintergründig, führt Zeigefinger und Daumen zum Mund und zieht einen Reißverschluss über ihre Lippen zu.

An der Schönhauser Allee schauen wir auf das Ärztehaus auf der anderen Straßenseite. "Schmerzzentrum" steht dort in großen weißen Buchstaben. Als ob es einen Ort hier in Mitte gebe, der für Schmerzen jeder Art zuständig ist. Ihr gefällt genau das am Theater, das unmittelbare, freie Assoziieren der Umgebung, dieses Reden über persönliche Dinge, mit Menschen, die streng genommen nur Arbeitskollegen sind. "Deswegen funktionieren wohl Beziehungen in diesem Beruf auch so schlecht, weil man sich sehr schnell sehr nackt gegenübersteht."

Maria Schrader ist am Deutschen Theater nicht fest engagiert, sie ist ein Gast, und das ist sie auch an allen anderen Bühnen. Ihren Koffer packt sie manchmal selbst in der eigenen Wohnung gar nicht erst aus.

"Es ist ambivalent, meine Kollegen gehören ja meist zum Ensemble, und ich bin eher ein Wanderer." Sie lacht. "Da sind wir wieder bei Jelinek in der ,Winterreise'." Sie habe sich bis jetzt vor einem festen Engagement gescheut, vor einer "Theaterheimat". Das könne sich aber ändern. Wir laufen an der Christinenstraße vorbei, und Maria Schrader bleibt stehen: Hier habe sie mit Dani Levy vor fast 20 Jahren einen Kurzfilm gedreht. "Ohne mich" hieß der. Alle Häuser waren unrenoviert, und die Kirschbäume - es sind wirklich alles Kirschbäume - haben weiß geblüht. "Es war eine Traumsequenz, historisch, 40er-Jahre, wir mussten nichts ändern", sagt sie.

Atemnot in der Großstadt

Die Christinenstraße vom Jahr 2011 jedenfalls wirkt erschreckend real. Und doch bleibt sie noch einmal stehen, dreht sich im Kreis und sagt, als sehe sie das seit Monaten zum ersten Mal: "Das ist wirklich sehr schön hier."

Auf dem Weg zum Zionskirchplatz laufen wir an einer Kneipe vorbei, die ausgerechnet "Lass uns Freunde bleiben" heißt. Plötzlich spricht sie ein Mann von seinem Stuhl aus an: "Hallo, Frau Schrader!" Sie grüßt freundlich, ohne stehen zu bleiben, zurück: "Hallo!" Er ruft ihr hinterher: "Wir kennen uns, ich bin Agent einer ihrer Kolleginnen." Sie: "Ah." Er, jetzt doch zurückhaltender: "Ich hätte Sie sonst nicht gegrüßt ... ich wollte nur nicht unhöflich sein." Sie, strahlend: "Ja, danke, einen schönen Tag für Sie." Jetzt wirkt es so, als fühle sie sich doch recht wohl in den Straßen ihrer Nachbarschaft.

Wie schwierig Maria Schraders Verhältnis zu dieser Stadt aber ist, wird deutlich, als wir später in der "Weinerei" sitzen. "Berlin versetzt mich manchmal in Atemnot. Ich freue mich meist nicht darauf, zurückzukommen." Oft brauche sie Tage, um sich wieder zu akklimatisieren. Warum, weiß sie nicht genau. Sie hat einen Teller Erbsensuppe vor sich, und wir reden über den Mauerfall. "Ausgerechnet den habe ich nicht in Berlin erlebt!" Sie war in einem Bonner Hotel und hatte Generalprobe, Joshua Sobols "Adam".

Gerade als sie den Mantel angezogen hatte und aufbrechen wollte, klingelte das Telefon. Jemand sagte: "Mach den Fernseher an!" Der stand auf dem Fußboden, und sie musste sich bücken, und dann blieb sie eine ganze Weile in dieser Haltung stehen. Sie steht auf und macht das vor: gebückt, schauend, kopfschüttelnd.

Einen Tag später das nächste Ereignis, das ihre Biografie prägt. Am 10. November 1989, unmittelbar vor der Premiere von "Adam", stirbt ihr Vater vollkommen unerwartet nach einem Sturz. Er wurde nur 57 Jahre alt. Die Premiere hat sie noch gespielt, den kommenden Winter allerdings mit ihrer Familie verbracht. Die großen Wende-Erlebnisse, die für die kommenden Jahre in Berlin so prägend waren, habe sie alle verpasst. "Ich kam wie ein Tourist zurück, obwohl ich doch längst hier lebte."

Inzwischen ist es dunkel geworden, wir brechen auf, laufen fast die gleiche Strecke zurück. Als wir in die Knaackstraße einbiegen, ist das nicht die Straße, die wir zurückgelassen haben. Tatsächlich hat sich alles verändert. Überall stehen Absperrungen, Technikwagen, Menschen mit Walkie-Talkies, große Lampen. Hier wird ein Film gedreht, auf der anderen Straßenseite wird gerade eine Szene vorbereitet. Jemand ruft: "Ruhe bitte!", und ein Kameramann läuft schnell rückwärts.

Die junge Schauspielerin läuft vor der Linse entlang und schreit in die Straße hinaus, dass es hallt: "So ein Arsch!" Einige Schaulustige kichern: Super Satz. Eine Frau, offenbar die Regisseurin, unterbricht die Szene, geht zu der Schauspielerin, spricht mit ihr. Alles auf Anfang. Maria Schrader kneift die Augen zusammen, und man weiß nicht genau, wen sie mehr im Blick hat, die Regisseurin oder die Schauspielerin.