Interview

Otto Schily: "Sprengsätze lassen sich leider einfach herstellen"

Otto Schily (SPD) war von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Über die Festnahmen von zwei Terrorverdächtigen in Berlin sprach er mit Martin Lutz und Claus Christian Malzahn.

Berliner Morgenpost: Herr Schily, in Berlin wurden jetzt kurz vor dem Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 zwei Verdächtige genommen. Ist die Anschlagsgefahr noch immer nicht gebannt?

Otto Schily: Nach Erkenntnissen des Bundesministeriums des Innern gibt es in Deutschland fast 1000 Personen, die man als mögliche islamistische Terroristen bezeichnen könnte. Davon wiederum werden 128 Personen als Gefährder eingestuft, also Personen, bei denen Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie erhebliche Straftaten begehen könnten. Es gibt also auch in Deutschland ein durchaus ernst zu nehmendes Gefährdungspotential.

Berliner Morgenpost: Die beiden Verdächtigen sollen einen Anschlag geplant und dafür Chemikalien gekauft haben. Sind die Regeln für den Erwerb solcher Substanzen streng genug?

Otto Schily: Sprengsätze lassen sich leider mit relativ einfachen Mitteln herstellen, und Anleitungen dazu werden sogar im Internet verbreitet. Ich bin skeptisch, ob strengere Regeln für den Erwerb bestimmter Substanzen Erfolg versprechend sind.

Berliner Morgenpost: Spielen manche islamische Einrichtungen bei der Radikalisierung von Terroristen eine unrühmliche Rolle?

Otto Schily: Sollte sich erweisen, dass Jugendliche in bestimmten Moscheegemeinden im Sinne einer terroristischen Motivation indoktriniert werden, kann der Staat nicht tatenlos zusehen. Wir sind aber dabei besonders auf die Mithilfe unserer in der überwiegenden Mehrzahl redlichen muslimischen Mitbürger angewiesen, um solchen Tendenzen entgegenzuwirken.

Berliner Morgenpost: Welche Rechte haben Terroristen?

Otto Schily: Alle, die der Rechtsstaat bereithält. Außerdem sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass Menschen sich ändern. In Libyen sind an der neuen Regierung ja dem Vernehmen nach auch ehemalige islamistische Kämpfer beteiligt.

Berliner Morgenpost: Der Terroranschlag, der uns in diesem Jahr in Europa wohl am meisten beschäftigt hat, war das Massaker in Norwegen. War das letztlich auch eine Folge von "9/11"?

Otto Schily: Das sehe ich nicht so. Anders Breivik ist ein Einzeltäter, der in einer seltsamen Wahnwelt lebt. Sein schreckliches Attentat lässt sich eher mit den Amokläufen in Erfurt und Winnenden oder dem Oklahoma-Bomber vergleichen. Es hat mich beeindruckt, wie gelassen Norwegen auf diese schreckliche Tat reagiert hat. Allerdings verstehe ich nicht, warum die Polizei dort so lange gebraucht hat, um auf die von Breivik angegriffene Ferieninsel zu gelangen. Es ist unbegreiflich, dass dafür keine Schnellboote und Hubschrauber bereitstanden.

Berliner Morgenpost: Wünschen Sie sich die Gelassenheit der Norweger auch in Deutschland?

Otto Schily: Ja, wir Deutschen neigen manchmal zur Hysterie. Gelassenheit kann man auch den Briten und Spaniern attestieren, nach den Terroranschlägen von London und Madrid. Ich möchte nicht wissen, was in Deutschland passieren würde, wenn wir ein solches Ereignis zu verkraften hätten. Die aufgeregte Sicherheitsdebatte nach dem norwegischen Attentat, die in Deutschland geführt wurde, war kein Ruhmesblatt.