Terrorgefahr

Kurz vor 9 Uhr greift die Sonderkommission "Regenschauer" zu

Donnerstagmorgen, Neukölln, Heinrich-Schlusnus-Straße: Schwer bewaffnete SEK-Männer erscheinen mit einem gefesselten Mann. Die meisten Nachbarn und Anwohner bekommen nichts mit von dem geheimen Einsatz, und wer etwas sieht, geht vermutlich von der Festnahme eines Angehörigen einer arabischen Großfamilie aus. Spektakuläre Polizeieinsätze gibt es hier regelmäßig. Ob gegen Drogendealer, Waffen- oder Menschenhändler oder Gewaltverbrecher.

Die wahren Hintergründe erfahren die Nachbarn später aus den Nachrichten: Berlins Polizei hat offenbar einen Terroranschlag in der Hauptstadt verhindert - kurz bevor sich die Anschläge in den USA am 11. September zum zehnten Mal jähren, zehn Tage vor den Abgeordnetenhauswahlen und rund zwei Wochen vor dem Papstbesuch.

Zwei Verdächtige nimmt die Polizei fest. Welchen Anlass die beiden für ihren Anschlag ausgewählt haben, wollten die Ermittler zunächst nicht sagen. Die Staatsanwaltschaft ermittele wegen des Verdachts der Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Den Rest würden die laufenden Ermittlungen ergeben.

In Nachrichtendienstkreisen allerdings werden der Deutsch-Libanese Hani N. (28) aus Neukölln und sein aus dem Gazastreifen stammende mutmaßlicher Komplize Samir M. (24) als gefährliche Islamisten eingestuft. Sie seien seit längerer Zeit im Visier und seien "gut vernetzt".

Aufmerksame Firmen

Auf die Spur der beiden ist die Polizei vor gut zwei Monaten gekommen. Bei Firmen in Berlin und in Baden-Württemberg waren große Mengen von Kühlelementen, die normalerweise Sportler benutzen, und eine in der Landwirtschaft verwendete Säure bestellt worden. In den Kühlelementen befindet sich Ammoniumnitrat, das in Verbindung mit der Säure zum Bau einer Bombe taugt. Beiden Unternehmen kamen die Bestellungen verdächtig vor, sie informierten die Polizei.

Der Staatsschutz am Tempelhofer Damm sowie die Staatsanwaltschaft gründeten die Sonderkommission "Regenschauer". Mobile Einsatzkommandos überwachten die beiden Verdächtigen dann rund um die Uhr, auch technische Überwachungsmöglichkeiten kamen zum Einsatz.

Dabei kam unter anderem heraus, dass sich die Männer mehrfach und auch über Nacht in den Räumen des Islamischen Kulturzentrums für religiöse Aufklärung IKRA an der Tromsöer Straße in Wedding aufgehalten hatten, wo mehrheitlich Arabisch und Deutsch gesprochen wird. Die Ermittler beantragen Durchsuchungsbefehle.

Am Donnerstagmorgen dann machen die Sicherheitsbehörden ernst: Als der 28-jährige Deutsch-Libanese Hani N. kurz vor 9 Uhr auf dem Weg zu einem Amt seine Wohnung verlässt, steht seine Festnahme durch das Sondereinsatzkommando (SEK) unmittelbar bevor. In seine Wohnung in der fünften Etage eines Hauses an der Heinrich-Schlusnus-Straße sollen die Elitepolizisten nicht eindringen, weil zu befürchten steht, dass der Mann in letzter Sekunde die Bombe zünden und die Elitepolizisten mit in den Tod reißen könnte. Deshalb wird er beschattet und in einem günstigen Moment auf offener Straße überwältigt.

Gemeinsam mit ihm kehren die SEK-Männer wenig später zurück und sichern die Räume. Mit dabei Sprengstoffexperten der Berliner Polizei. Zeitgleich wird das "Go" für die Festnahme des Komplizen in dessen Wohnung an der Urbanstraße in Kreuzberg und für die Erstürmung des Kulturzentrums an der Tromsöer Straße gegeben.

Wenig später starten Angehörige der 13. Einsatzhundertschaft, des Polizeilichen Staatsschutzes sowie der Staatsanwaltschaft vom Gelände der Polizeidirektion 1 an der Pankstraße, knapp zwei Minuten später erreichen die Einsatzfahrzeuge das Gebäude und dringen mit Rammen, schweren Vorschlaghämmern und Kuhfüßen ein. Mehrere dort anwesende Personen werden überprüft und währenddessen vorsorglich mit Handschellen gefesselt. Mit dem geplanten Anschlag haben sie allerdings nichts zu tun.

Wer sind diese Männer?

"Gegen den Verein selbst richten sich die Ermittlungen nicht, allerdings befinden sich in dem Kulturzentrum zahlreiche Räume, die möglicherweise auch ohne das Wissen der Betreiber als Versteck für die Utensilien dienen könnten", sagt ein Ermittler. Am Nachmittag dann die Meldung der Polizei: Zumindest die Säure zur Herstellung der Bombe hat sie in der Wohnung von Hani N. entdeckt und gesichert, ohne dass Menschen zu Schaden gekommen sind. Die Kühlelemente allerdings bleiben verschwunden.

Mit den Festnahmen und der Entdeckung der Säure ist die unmittelbare Gefahr zunächst gebannt. Doch wer sind diese Männer? Wie haben sie gelebt und warum wollten sie zum Täter werden?

Samir M. wohnt seit etwa drei Jahren in der sechsten Etage eines Mehrfamilienhauses an der Urbanstraße. 400 Euro für 40 Quadratmeter. Der Mann gilt im Gespräch mit männlichen Nachbarn als höflich und freundlich, bei Frauen ist er zurückhaltend, die Miete zahlt er stets pünktlich. Ein Nachbar berichtet, M. sei ein sympathischer junger Mann. Er habe sich mit ihm einige Male unterhalten und hätte nie gedacht, dass er ein Terrorverdächtiger sein könnte. Häufig seien einige Männer bei ihm zu Besuch gewesen.

Die Wohnung von Samir M. ist karg eingerichtet. Ein kleiner Beistelltisch steht neben einer Matratze auf dem Boden, davor ein Fernseher. Mehr nicht. Obwohl er im Alltag gegenüber seinen Nachbarn nicht als auffällig gilt, beschreiben ihn Anwohner als Fundamentalisten. Erst vor drei Wochen, so ein Bekannter, habe er Ärger mit der Polizei gehabt, weil er ein libanesisches Pärchen mit Reizgas angegriffen hatte. Es hatte ihn offenbar gestört, dass sich die beiden in der Öffentlichkeit geküsst haben. "Das spricht nicht für jemanden, der sich für eine freie westliche Welt einsetzt", sagt ein Ermittler. Bereits vor zwei Wochen soll die Polizei die Wohnung des jungen Mannes durchsucht haben, ebenso vor sechs Monaten. Die Gründe dafür sind noch unklar.

Auch sein im gleichen Haus lebender Bruder scheint dem radikalen Islamismus nahezustehen. An seine Wohnungstür im zweiten Obergeschoss ist eine Postkarte gepinnt, auf der sich eine Internetadresse zu einem muslimischen Videoportal befindet. Dieses wiederum verweist auf eine weitere Internetseite zum Thema Salafismus.

Der Bruder des Festgenommen ist sichtlich überrascht, als er die Zivilbeamten im Treppenhaus entdeckt. Anfragen von Reportern blockt er ab. Er greift sich seinen Motorrollerhelm und ruft noch, dass er nichts wisse und nicht über seinen Bruder spreche wolle. Dann rast er auf seinem Motorroller davon.

"Das macht mir wirklich Angst"

Die Nachbarn von Samir M. sind von der Nachricht, dass ein Terrorverdächtiger unter ihnen gelebt hat, geschockt und wollen es nicht so richtig glauben. Ein Nachbar wiegelt ab. Er kenne den Bruder von Samir M. Dass er ein Terrorist sein soll, will er nicht richtig wahrhaben. Eine andere Mieterin, die gerade vom Einkaufen gekommen ist und sich über die viele Polizeibeamten vor der Haustür wundert, sagt: "Das macht mir wirklich Angst."

Seit 15 Jahren wohne sie nun schon hier. "In dieser Zeit habe ich einiges erlebt", sagt sie. Vor einigen Jahren sei die Polizei fast jeden Tag zu dem achtstöckigen Wohnkomplex gerufen. Drogen, Alkohol, Prostitution, Vandalismus, Schlägereien - fast alles sei dort vertreten gewesen. Auch sie selbst habe viele Male die Polizei rufen müssen. Vor vier Jahren seien dann viele Mieter ausgezogen. Seitdem sei es etwas besser geworden.

Trotzdem lebt sie immer noch mit einem Gefühl der Angst. Erst vor Kurzem habe wieder einmal ein Unbekannter die Scheibe der Eingangstür eingeworfen. Immer wieder sei das Schloss aus der Tür herausgebrochen worden. "Das ist hier der normale Wahnsinn", sagt sie. Samir M. habe sie einige Male gesehen. Auch sie beschreibt ihn als unauffällig.

Umziehen will sie trotz der vielen schlechten Erfahrungen nicht. Die Miete sei günstig, die Lage zentral und die öffentlichen Verkehrsmittel in unmittelbarer Nähe. Bevor sie in ihre Wohnung geht, will sie noch einmal im sechsten Stock, dort wo Samir M. wohnt, nachsehen. "Es ist einfach unglaublich, dass dieser offenbar verblendete Mann ganz in meiner Nähe wohnt", sagt sie.

Auch Hani N. aus Neukölln scheint in seinem Glauben radikal zu sein. Eine junge Frau berichtet, dass er regelmäßig junge Muslime angesprochen und ermahnt habe, wenn diese beim Fußballspielen die Trikots von internationalen Mannschaften getragen haben. Dies würde sich nicht gehören. "Es ist mir unverständlich, wie dieser Mann unweit meiner Familie mit solch gefährlichen Substanzen hat hantieren können. Was ist das nur für ein Mensch?"

Eine junge Deutsche, die zum Islam konvertierte, ist sprachlos, als sie über die Ereignisse der vergangenen Stunden informiert wird. "Es ist mir absolut unverständlich, wie Menschen solch furchtbare Dinge planen können. In der Vergangenheit ist so viel Leid verbreitet worden. Das hat mit dem wirklichen Islam nichts zu tun."