Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern

"Das habt ihr wunderbar gemacht"

Gerade einmal acht Minuten sind vergangen seit der 18-Uhr-Prognose. Erwin Sellering betritt ein kleines Podest vor einer ebenso bescheidenen Leinwand. Mit Beifall und rhythmischem Klatschen begrüßen die Anhänger der SPD ihren Ministerpräsidenten.

Selten war die Stimmung bei einer Wahlparty der Sozialdemokraten so gut wie an diesem Sonntagabend in einem Schweriner Restaurant. "Okay, okay", ruft Sellering vom Ein-Quadratmeter-Podest den Seinen zu. Mit beiden Händen bremst er den Jubel, ganz so, als sei ihm ein solch euphorischer Empfang nicht genehm.

Ein sehr gutes Ergebnis hat die SPD an diesem Sonntag erzielt, doch ihr Spitzenkandidat gibt sich demonstrativ bescheiden. Der größere rote Balken auf den Bildschirmen lässt Sellering alles andere als übermütig werden. "Das habt Ihr toll gemacht! Das habt Ihr wunderbar gemacht!" ruft er zu Beginn seines kurzen Auftritts in den Saal. "Das verspricht ein schöner Abend zu werden", sagt der Mann. "Wir sind stärkste Partei."

Fraglos konnten Sellering und seine Sozialdemokraten in diesem Sommer-Wahlkampf vom miserablen Management der schwarz-gelben Koalition und einem praktisch nicht existierenden FDP-Außenminister profitieren. Doch es griffe zu kurz, die Entscheidung der Menschen zwischen Lübecker Bucht und Oderhaff nur durch diese Berliner Brille zu sehen. Offenkundig ist es dem Westfalen Sellering gelungen ein Gefühl für das Land zu entwickeln. Die ein wenig trockene Mentalität, die Menschen zueigen ist, die in Sprockhövel und Hamm groß werden, ist ihren Seelenverwandten in Greifswald und Barth, gewiss nicht fremd. Westfalen wie Mecklenburger und Pommern ruhen in sich. Sie umgibt oft eine gewisse Langeweile. Sie müssen weder ständig auftrumpfen, noch fortwährend reden.

So hält es Sellering auch an diesem Wahlabend. Seine Position ist machtpolitisch natürlich ausgesprochen komfortabel. Er kann das von ihm angeführte Regierungsbündnis mit dem pflegeleichten Koalitionspartner CDU fortzusetzen oder aber die Neuauflage einer rot-roten Regierung wagen. Eine eindeutige Koalitionsaussage trifft Sellering am Wahlabend jedenfalls nicht.

Merkel-Malus für die CDU

Angela Merkel hatte sich wirklich bemüht. Neun Termine, neun Reden auf Marktplätzen Mecklenburg-Vorpommerns hatte sich die viel beschäftigte Kanzlerin in den Terminkalender schreiben lassen. Das war Ehrensache. Das Bundesland ist ihre politische Heimat, in Stralsund hat sie ihren Wahlkreis. Dass sie am Ende nur acht Mal zu erleben war, hatte familiäre Gründe. Wegen des Todes ihres Vaters hatte sie die letzte Kundgebung in Waren an der Müritz abgesagt.

Was aber hat der Einsatz gebracht? Das Resultat der CDU ist das schlechteste, das die Partei jemals in dem Bundesland errang. Keine Umfrage hat Verluste von fünf Prozent vorhergesagt. Die Partei kann offensichtlich nicht mehr gewinnen; nicht einmal dort, wo sich die Menschen Angela Merkel besonders verbunden fühlen müssten. Sie kommen zwar zu Tausenden, um die Kanzlerin live zu sehen. Bei der Wahl gibt es dann keinen Merkel-Bonus für die CDU. Im Gegenteil dürfte ein Merkel-Malus gewirkt haben. Wieder ist eine Landtagswahl verloren gegangen.

Wie viel jetzt auf Merkel zurückfällt, hängt davon ab, ob die CDU weiter mitregiert. Nur dann würde Spitzenkandidat Lorenz Caffier Recht behalten: "Das ist kein Abend, den Kopf in den Sand zu stecken." Am Wahlabend betont er jedenfalls immer wieder, wie gut doch die Zusammenarbeit mit der SPD gelaufen sei.

Vom Traum, Ministerpräsident zu werden, muss sich Caffier früh verabschiedet haben. Schon Anfang des Jahres war die SPD in den Umfragen der CDU enteilt. Überzeugen fällt Caffier schwer. Er ist ein lausiger Redner, das Bad in der Menge ist seines nicht. Beim Wahlkampf steuerte er oft als erstes den CDU-Wahlkampfbus an, nicht die Einheimischen. Und viele Bürger nahmen ihm übel, was er als eine seiner größten Leistungen als Innenminister verkündete: die Kreisgebietsreform, die gewachsene Strukturen zerstörte.

Freude bei den Grünen

Die Grünen sind drin, zum ersten Mal haben sie es in den Schweriner Landtag geschafft. Damit sind sie jetzt in allen 16 deutschen Landesparlamenten vertreten, wie sonst nur CDU und SPD. "Eine echte Sensation", sagt Grünen-Chef Cem Özdemir. Spitzenkandidatin Silke Gajek und Spitzenkandidat Jürgen Suhr setzen auf Wind und Sonne für Strom aus erneuerbaren Energiequellen, Raum für Öko-Landwirtschaft und intakte Natur, die Touristen ins Land lockt und besseren Schutz verdient. Die Grünen wollen allein bei erneuerbaren Energien bis 2020 rund 16 000 neue Jobs schaffen. Auch machen sie gegen das atomare Zwischenlager bei Lubmin mobil, das eigentlich nur Abfälle aus den ehemaligen DDR-Meilern Rheinsberg und Lubmin aufnehmen darf. Nun aber will die Betreiberfirma auch Atommüll aus anderen Bundesländern einlagern - was die Grünen verhindern wollen.

Desaster für die FDP

Vier Monate ist es her, da begrüßte Christian Lindner die Delegierten des FDP-Bundesparteitags zu einem bunten Abend in den Katakomben des Rostocker Rathauses. "Willkommen im Keller", dieser selbstironische Satz des Generalsekretärs bildete die interne Stimmung, externe Meinungsumfragen und damit die Lage der Partei zutreffend ab. Damals ließ Lindner noch die Hoffnung durchscheinen, bis zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern ließe sich ein Ausweg aus dem Dasein im Untergeschoss der Demoskopie finden. Auftun sollte sich der durch einen Personalwechsel an der Parteispitze: Philipp Rösler löste in Rostock Guido Westerwelle als Vorsitzenden ab.

Jetzt ist klar: Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Der liberale Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern war mit der Aufgabe überfordert, das nationale Siechtum der FDP zumindest regional zu lindern. Vor fünf Jahren, als nach einer Dekade der Arbeit in der außerparlamentarischen Opposition mit 9,6 Prozent der Wiedereinzug in den Landtag gelang, profitierten die Liberalen in Schwerin vom Aufwind der Bundespartei, die für das Ergebnis maßgeblich mitverantwortlich zeichnete. Das war diesmal genauso - nur eben mit negativem Ausgang: Die FDP ist raus aus dem Schweriner Schloss. Der Landesvorsitzende Christian Ahrendt trat noch am Wahlabend zurück.

Die Linke auf Kuschelkurs

Opposition ist Mist. Der legendäre Spruch des einstigen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering könnte von Helmut Holter stammen. Der Spitzenkandidat der Linken in Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen Monaten keinen Hehl daraus gemacht, was er und seine Unterstützer möchten: mitregieren als Juniorpartner der Sozialdemokraten unter Ministerpräsident Sellering.

Der 58-jährige Holter, der zu DDR-Zeiten in Moskau zum Diplomingenieur für Betontechnologie ausgebildet wurde, weiß, wovon er spricht. Von 1998 bis 2006 regierte die Nordost-PDS unter seiner Führung schon einmal mit der SPD - es war die erste rot-rote Regierung in einem Bundesland. Der als Pragmatiker geltende Holter war Arbeitsminister.

Diesmal haben er und seine Getreuen alles dafür getan, um sich erneut für eine Koalition zu empfehlen. Als die Linkspartei im April in Göhren-Lebbin ihre Kandidatenliste für die Landtagswahl aufstellte, wurden die Fundamentalisten der Partei wie die Landtagsabgeordnete Birgit Schwebs oder die ehemalige Sozialministerin Marianne Linke auf die hinteren Plätze abgedrängt oder flogen gar ganz von der Liste. Mit dem ehemaligen PDS-Strategen André Brie, der auf Listenplatz acht kam, hat die Linke zudem einen Profi zum Wahlkampfmanager gemacht. Brie hatte schon für die PDS mehrfach Wahlkämpfe organisiert.

Zu schaffen gemacht haben der Linken im Wahlkampf weniger die politischen Gegner als ihre Bundespartei. Mit wachsendem Verdruss verfolgte man in Schwerin die Kommunismus-Gedankenspiele, Intrigen und Glückwunschschreiben der Parteiführung. Mehrmals hat Holter die Parteispitze kritisiert. Es hat nicht gereicht. "Wir haben mehr erwartet."