Wahl zum Abgeordnetenhaus

Mit dem Netz auf Wählerfang

Am 18. September ist Abgeordnetenhauswahl in Berlin und damit Endspurt im Wahlkampf. Spätestens seit Barack Obamas US-Präsidentschaftswahlkampf 2008, der bis heute, was seine Web-Strategie betrifft, als vorbildlich gilt, ist der Kampf um Wähler im Netz selbstverständlich. Joachim Trebbe ist Leiter der Arbeitsstelle Medienanalyse an der Freien Universität Berlin, er forscht zu Massenmedien und deren Nutzern.

Für die Berliner Morgenpost hat er den Webauftritt der Berliner Parteien zum Wahlkampf 2011 verglichen. Mit ihm sprach Diana Zinkler.

Berliner Morgenpost: Welche Partei hat für ihre Zielgruppe den besten Web-Auftritt?

Joachim Trebbe: Das kann man nicht eindeutig beantworten. Nehmen wir mal das Beispiel CDU, ein schwieriger Fall. Denn die CDU ist eine Volkspartei und hat den Anspruch, in allen Altersgruppen möglichst viele Leute zu erreichen. Nun sind Ältere in den Volksparteien überrepräsentiert. Will man nun an die jüngeren Zielgruppen ran - und das merkt man allen Parteien an - dann muss man im Internet, auf sozialen Netzwerken präsent sein. Die CDU und SPD erfüllen das sogar über, weil sie in diesem Bereich ein Manko ausgleichen wollen. Der CDU-Kandidat kämpft auffällig stark im Social Web. Die Facebook-Einblendungen nehmen fast die Hälfte seiner persönlichen Homepage ein.

Berliner Morgenpost: Wie machen es die Grünen?

Joachim Trebbe: Die Grünen sind sowieso schon in der jüngeren Zielgruppe vertreten, die müssen im Internet eine Stärke bedienen und keine Schwäche aufholen. Die haben eine routinierte Internetkommunikation, die sie einfach runterspielen können.

Berliner Morgenpost: Wie verhält sich die SPD?

Joachim Trebbe: Die stehen zwischen den Grünen und der CDU. Wissenschaftlich gesehen spielt bei ihnen ein verzerrender Faktor mit, das ist der Regierende Bürgermeister. Er wird in allen medialen Präsentationen in den Vordergrund gestellt, weil er bereits als Frontfigur und Kristallisationspunkt der Inhalte bekannt ist. Auf der anderen Seite hat die SPD das gleiche Problem wie die CDU. Die SPD hat aber ein progressiveres Image, was ihnen im Internet zugutekommt.

Berliner Morgenpost: Die Linken sprechen ihre Besucher nicht direkt an, nur als "Die Berliner" oder "Die Bürger der Stadt". Warum?

Joachim Trebbe: Die Linke kommuniziert im Internet sehr traditionell. Wenn man auf deren Homepage geht, sieht man eine Art Zeitungsseite. Dazu passt auch, dass ihre Ansprache im Editorial-Stil gehalten ist. Die Seite soll im Ganzen eher nachrichtlich anmuten. Eben nicht kandidaten- oder eventorientiert, da geht es tatsächlich um Themen wie Flugrouten, Rechtsextremismus, soziale Gerechtigkeit.

Berliner Morgenpost: Die FDP hat bei der vergangenen Bundestagswahl viele neue, auch junge Wähler gewonnen. Entspricht ihr Web-Auftritt dem?

Joachim Trebbe: Deren Konzept ist nicht ganz konsequent. Es gibt keine Konzentration auf Events, Themen oder Kandidaten. Die Partei nennt zwar einerseits ihren Spitzenkandidaten und verlinkt auch auf seine Seite, andererseits werden in erster Linie liberale Werte betont, und das auch noch sehr textbasiert. Konkrete Politikvorschläge wie die CDU zum Beispiel mit ihren 100 Lösungen machen die nicht. Auch wird der Spitzenkandidat nicht so wie bei den Grünen, der SPD oder der CDU in den Vordergrund gestellt.

Berliner Morgenpost: Trotzdem ist die Facebook-Resonanz der FDP größer als bei den Linken.

Joachim Trebbe: Alle Parteien haben ein professionelles Kommunikationsmanagement. Bei den Linken scheint aber die Kommunikation nicht so stark gewichtet zu werden. Sie rücken ihre Themen in den Vordergrund und sind sehr nah an der Berliner Bundespartei dran. Eigentlich verschenkt die Linke hier ein Potenzial, was sie aus ihrer Zielgruppe heraus hat. Die Linken leben einerseits von den alten PDS- und SED-Wählern, andererseits haben sie tatsächlich großen Zuspruch bei den Jungen. Aber das bedienen sie kaum.

Berliner Morgenpost: Ist der Berliner Web-Wahlkampf schon so gut wie der von Obama?

Joachim Trebbe: Obama hat da natürlich Maßstäbe gesetzt. Sein Wahlkampf ist noch etwas völlig anderes. Die Grünen haben den Slogan "Da müssen wir ran", das klingt sehr nach "Yes, we can". Da ist das Vorbild offensichtlich. Aber was man in Berlin vor allem sieht, ist, dass das Kommunikationsmanagement der Bundesparteien auf den Landeswahlkampf runtergebrochen wird.

Berliner Morgenpost: Woran merkt man das?

Joachim Trebbe: Bei der SPD ist die Bundesprominenz auch auf den Wowereit-Seiten präsent. Indem sie den "Gefällt mir"-Button hinterlassen. Sigmar Gabriel ist oft bei Wowereit zu sehen, Trittin auf der Künast-Seite.

Berliner Morgenpost: Nutzen die Parteien das Aktivierungs-Potenzial, das im Internet schlummert, aus?

Joachim Trebbe: Das kann man nicht sagen, weil eine Linke, die ihr Potenzial im Netz nicht nutzt, vielleicht mehr Wert auf den direkten Wählerkontakt legt und damit mehr Stimmen fängt. Es kann also sein, dass sie im Netz Ressourcen schonen, die sie an anderer Stelle erfolgreich einsetzen. Die CDU hingegen nutzt die technischen Möglichkeiten. Ich erinnere an den Videospot von Frank Henkel, bei dem im Hintergrund Diepgen vorbeigeht, der wurde in allen hiesigen Medien diskutiert, Henkel hat an Bedeutung gewonnen. Das war sehr geschickt.

Berliner Morgenpost: Was ist wichtiger: Facebook oder Twitter?

Joachim Trebbe: Ich stimme da eher für Facebook. Twitter bedient politisch nur eine Elite. Bei Facebook ist das was völlig anderes. Wir wissen, dass vor allem Jugendliche dort viel Zeit verbringen. Und die verbrachte Zeit in den sozialen Medien steigt. Das Facebook-Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Die SPD- und Grünen-Protagonisten machen das aber schon sehr gut.

Berliner Morgenpost: Wird der Web-Wahlkampf wichtiger?

Joachim Trebbe: Ja, da bin ich mir sicher. Alle Wähler, die jetzt nachkommen, informieren sich über politische Inhalte zuerst im Internet.

Berliner Morgenpost: Auf welche Strategie würden Sie setzen?

Joachim Trebbe: Ich würde mich ähnlich wie die SPD verhalten, aber auch die Strategie der CDU ist plausibel. Selbst bei den Linken habe ich das Gefühl, durch ihre zwei unterschiedlichen Wählerpole, dass es vielleicht vernünftig ist, die Ressourcen einzuteilen. Aber der Prototyp ist sicherlich die Selbstverständlichkeit, mit der die Grünen im Netz vorgehen.