BAföG - eine umstrittene Erfolgsgeschichte

Erste Hilfe für die Elite von morgen

Das Piepsen, was Deutschland aufhorchen ließ, war recht leise, denn es kam aus dem All. Ausgerechnet die Kommunisten hatten mit dem "Sputnik" den ersten Satelliten hinaufgeschossen, 1957 schon. Nicht nur Forscher belauschten jenes Signal, das aus der Umlaufbahn über Antennen in ihre Kopfhörer floss, sondern auch Politiker. "Humankapital" war kein Modewort, doch die Frage dieselbe: Wie fördert ein Land seinen Nachwuchs, um Schritt halten zu können im Wettbewerb der Wissenschaften?

In der real existierenden Marktwirtschaft der Bundesrepublik galt das preußische Ideal des Fleißes. Allerdings mussten Eltern talentierter Kinder nicht dem Adel vorführen, wie der Vater von Wolfgang Amadeus Mozart es tat. Aus der "Reichsfürsorgepflicht" ging in den 50er-Jahren ein Modell hervor, das Kindern aus weniger begüterten Familien ein Studium ermöglichte, aber nur den Besten. "Bildungssolidarität", darauf pochten vor allem die Studierenden der 60er-Jahre.

Der "Sputnik"-Schock auf der einen, das Ideal der Chancengleichheit auf der anderen Seite, so fanden 1971 die roten, gelben und schwarzen Lager eine gemeinsame Linie. Am 1. September vor 40 Jahren trat das Bundesausbildungsförderungsgesetz in Kraft. Ein Wortungetüm, aus dem BAföG wurde. Mal als Zuschuss, mal als zinsfreier Kredit, stets abhängig vom Einkommen der Eltern. Kritisiert, reformiert, doch immer noch in Kraft. Dass auch Showmaster Thomas Gottschalk sein Studium dieser Förderung verdankt, zeigt: BAföG ist Deutschland. Vier Millionen Menschen haben es seither in Anspruch genommen. 443 Euro erhalten Studierende derzeit im Schnitt monatlich - zur Hälfte als zinslosen Kredit.

Schulden erlassen

Doch die politische Spannung zwischen Solidarität und individueller Leistung nimmt wieder zu. Das neue Deutschland-Stipendium, als Zusatz zum BAföG eingeführt, soll Topstudierende fördern. Wie passend, dass preußische Namen wieder in Mode sind: Die Johanns, Charlottes und Friedrichs, die heranwachsen, werden sich in zehn Jahren wohl um andere Zuschüsse bewerben müssen als die Dianas, Benjamins und Christophs, die bereits studiert haben.

"BAföG wird bleiben. Mit wachsender Vielfalt der Bildungsbiografien wird die Bildungsfinanzierung allerdings vielfältiger werden", sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) der Morgenpost. Schavan bekam selbst BAföG. Dies und das Deutschland-Stipendium seien "zwei Seiten einer Medaille", man dürfe sie nicht gegeneinander ausspielen, sagt die Ministerin. Ersteres für Studierende, deren Eltern nicht über ausreichend Einkommen verfügten, Letzteres für "diejenigen, die besonders gute Leistungen erbringen".

Auch wenn die schwarz-gelbe Regierung kürzlich den BAföG-Höchstsatz erhöht hat, werden viele Empfänger Einschnitte spüren. Bisher werden den besten 30 Prozent eines Jahrgangs bis zu 25 Prozent der angehäuften Schulden erlassen. 2010 profitierten davon etwa 10 000 BAföG-Bezieher. Der Bund gab dafür pro Jahr bis zu zwölf Millionen Euro aus. Ab Ende 2012 ist damit jedoch Schluss.

Beim BAföG wird also gespart. In das neue Deutschland-Stipendium fließen in diesem Jahr bereits rund zehn Millionen Euro. Monatlich bekommen die geförderten Studenten 300 Euro - auch zusätzlich zum BAföG. Bisher erhalten etwa drei Prozent der Studenten ein Stipendium - doch erklärtes Ziel ist, in ein paar Jahren allein durch das Deutschland-Stipendium acht Prozent der Studierenden zu fördern. Doch es läuft schleppend an.

Knackpunkt ist die Finanzierung. Denn die Hälfte der 300-Euro-Förderung pro Monat müssen Hochschulen aus der Wirtschaft einwerben - erst dann öffnet der Bund die Brieftasche für die andere Hälfte. Weil viele Hochschulen aber wenig Erfahrung damit haben, kann es gut sein, dass zunächst nicht einmal die minimal angepeilte Zahl von 0,45 Prozent aller Studenten (etwa 10 000) gefördert wird.

Spektakuläre Rolle rückwärts

Was der Staat den Studierenden tatsächlich bezahlt, ist auch beim BAföG chronisch umkämpft. Eine spektakuläre Rolle rückwärts legte Jürgen Möllemann (FDP) zu Beginn der 90er-Jahre hin: Als Minister für Bildung setzte er durch, dass Studierende nur einen Teil der Fördersumme zurückzahlen müssen, um zwei Jahre später - nun als Wirtschaftsminister - zu fordern, dass Studierende voll zurückzahlen.

Diese Schwenks führten immer wieder zu Schwankungen der Empfängerzahlen: Als in den 90er-Jahren das Höchsteinkommen der Eltern gesenkt wurde und gleichzeitig die volle Summe erstattet werden sollte, brach die Zahl der Geförderten auf einen Tiefstand ein. Unabhängig davon läuft das System BAföG oft bei familiären Problemen ins Leere, etwa wenn Eltern sich weigern, ihr Einkommen offenzulegen. Vorstöße für elternunabhängige Förderung scheiterten zuverlässig.

Dennoch: Vor allem Mama und Papa finanzieren das Studium. 79 Prozent aller Studenten erhalten Geld von den Eltern. 65 Prozent arbeiten nebenher, und 29 Prozent erhalten BAföG. Und der soziale Aspekt der staatlichen Unterstützung verliert an Bedeutung. Von 100 Kindern aus einem Akademikerhaushalt gehen 71 an eine Hochschule. Beim Nachwuchs aus Arbeiterfamilien sind es nur 24. Europaweit liegt Deutschland damit auf einem der hinteren Plätze.

Für den Präsidenten des Studentenwerks, Rolf Dobischat, hilft BAföG, dieses Missverhältnis zu ändern: "Ob jemand studiert oder nicht, darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Es sei "das wichtigste staatliche Instrument für Chancengleichheit im Hochschulsystem". Gerade weil es im Vergleich zu Stipendien die Massen erreiche, kritisiert Dobischat den Schwenk zum Deutschland-Stipendium. Auch wenn er glaube, dass alle Parteien hinter dem BAföG stehen, seien Stipendien nur "marginale Ergänzung".

Wenn die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in zwei Wochen ihren jährlichen Bericht "Bildung auf einen Blick" vorlegt, sind wieder mittelmäßige Noten zu erwarten. Tenor: zu wenig Studenten, das Bildungssystem ist nicht durchlässig genug. "In Deutschland hängt der Bildungserfolg stärker als in vielen anderen Ländern vom sozialen Hintergrund der Schüler und Studenten ab", sagt Heino von Meyer, Leiter des OECD-Centers in Berlin. Der Experte hat wenig Verständnis, warum die rohstoffarme Bundesrepublik nicht mehr auf den Nachwuchs setze. "Deutschland wird nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn es auf Innovationen setzt. Und dafür braucht es sehr gut ausgebildete Menschen." Die mahnenden Stimmen aus der Wirtschaft sind längst lauter als das leise Piepsen aus dem All, das 1957 der erste sowjetische Satellit sendete. Auch ohne "Sputnik": Der nächste Schock kommt bestimmt.