Hurrikan über New York

Eine Spur zorniger als üblich

"Irene" kann kommen. Im Haus sind genügend Taschenlampen und Kerzen. Wenn der Strom wegen des Hurrikans ausfällt, wollen wir gerüstet sein. Wir haben mehrere Gefäße mit Wasser gefüllt, denn man will sich ja auch beim Weltuntergang noch die Zähne putzen. Gern hätten wir auch noch ein batteriebetriebenes Radio gekauft, aber Staples in der Upper East Side führte die nicht, und wir waren zu müde und zu faul, um auf die Westseite hinüberzupilgern.

Wenn man einmal darüber nachdenkt, was alles so am Stromnetz hängt, wird einem überhaupt erst klar, was man ohne Elektrizität verlieren würde. Den Kühlschrank etwa, deshalb soll man ganz viel Eis produzieren, damit die noch schnell gekauften oben erwähnten Truthahnschnitzel nicht vor der Zeit zu riechen anfangen. Am Strom hängt bei uns aber auch das Festnetztelefon. Und der Computer, auf dem diese Zeilen geschrieben werden. Mit Batterie würde er allerdings noch ein paar Stunden lang laufen.

Doch wir müssten wohl ohne Internet auskommen. Übrigens ist gewarnt worden, dass Folgendes eine der Folgen des Hurrikans sein könnte: Nerds, die schon seit Jahren nur noch in der virtuellen Welt unterwegs sind, könnten gezwungen sein, plötzlich mit realen Menschen zu kommunizieren. Menschen! Der Horror!

Und überhaupt - von wegen Ruhe vor dem Sturm! Am Freitagnachmittag, wir wollen gerade noch ein bisschen Gemüse bei Fairway kaufen, einem wunderbaren Lebensmittelladen, der endlich auch bei uns in der Upper East Side eine Filiale eröffnet hat - am Freitagnachmittag also scheint ganz New York auf den Beinen zu sein. Auf der Lexington Avenue schieben sich die Leute, auf der Third Avenue treten sie einander auf die Füße. Im Laden stehen wir mit unserem reich gefüllten Einkaufskorb dann in der wahrscheinlich längsten Kassenschlange aller Zeiten, und als wir den Laden verlassen, sehen wir etwas Einmaliges, etwas in den USA wohl noch nie Dagewesenes: Vor dem Laden hat sich eine Schlange von Menschen gebildet, die dringend hineinwill.

Hurrikanpreise im Schnapsladen

Unwillkürlich der Gedanke: Das ist ja wie in der Zone! Und wie sollen wir das jetzt im Geiste verbuchen: Fällt das schon unter Hamsterkäufe, oder sind die Leute - wie wir - einfach froh, dass es Fairway jetzt auch auf unserer Seite des Central Park gibt? Und wenn es sich tatsächlich um Hamsterkäufe handelt, warum glauben die Leute dann, dass sie ausgerechnet jetzt, da der Hurrikan "Irene" dräut, nicht ohne frische Zucchini, Strauchtomaten und koschere Truthahnschnitzel auskommen?

Auf dem Nachhauseweg sehen wir ein handgemaltes Schild vor einem Schnapsladen: "Für Irene vorsorgen! Wir bieten Hurrikanpreise." Im Schnapsladen stehen allerhand Männer vor den Regalen und denken über verschiedene Sorten von Single Malt Whisky nach.

Der Sonnabend ist dann ein ganz normaler Schabbes. Unsere Gegend ist zwar nicht fromm und nicht völlig jüdisch, aber doch jüdisch genug, dass man am Morgen viele Männer mit Käppchen auf dem Hinterkopf und Frauen mit Gebetbüchern in der Hand sieht, die zur Synagoge gehen; mittags dann der Rückweg. Der Himmel ist bedeckt, ein ganz normaler grauer Tag. Vergebens suchen wir nach Anzeichen, dass das Firmament sich grün verfärbt - nach Ansicht unserer Freunde aus Kansas ein Zeichen, dass der Tornado jetzt gleich mit voller Wucht herumwirbeln wird und man besser einen Bunker aufsucht.

Am späteren Nachmittag ein Spaziergang zum East River. Der sieht vielleicht eine Spur zorniger aus als üblich. Auf dem Rückweg beginnt es erst zu nieseln, später zu pladdern, und wir haben - wie klug aber auch - keinen Schirm dabei. In der "New York Times" der Stadtplan mit drei Zonen: orange, gelb und grün. Die orange Zone hätte unser Bürgermeister Michael Bloomberg, er lebe drei Mal hoch, gern evakuiert. Die orange Zone sind Gegenden, die tief und nahe am Wasser liegen: Coney Island, das wie ein abgelatschter Schuh unten an Brooklyn dranhängt; Far Rockaway in Queens, die Gegend südlich des John-F.-Kennedy-Flughafens; ein paar Straßen im Finanzdistrikt von Manhattan. Zone gelb: aufpassen, es könnte etwas passieren. Zone grün: etwas weniger aufpassen. Unser Haus liegt in keiner der drei Zonen, uns droht keine Gefahr. Oder?

Katastrophenfilm im Fernsehen

Sonnabendabend im Fernsehen: gute Ratschläge auf New York 1, unserem örtlichen Nachrichtensender, für gewöhnlich das Erste, was wir am Morgen, aus der Dusche kommend, einschalten, damit wir wissen, welche U-Bahn heute wieder nicht fährt und was in den einschlägigen Revolverblättern steht. Der Nachrichtensprecher auf New York 1 sagt: Drinnen bleiben. Auf dem Höhepunkt des Sturms, der für circa fünf Uhr früh erwartet wird, nicht in der Nähe von großen Fenstern aufhalten. Auch heißt es, man solle sich als Bewohner eines Hochhauses (wir sind Bewohner eines Hochhauses) in den ersten oder zweiten Stock begeben. Keinen Aufzug benutzen. Das größte Problem, das "Irene" uns bereiten werde, sei aber gar nicht der Wind, sondern der Regen; es werde in dieser Nacht wohl mancher Keller volllaufen.

Beeindruckende Bilder aus Atlantic City (war es wirklich Atlantic City?), wo ein Kollege im Südwester sich im Dienste der journalistischen Wahrheitsfindung mannhaft den Böen entgegenstemmt, während der Hurrikan Gischtflocken über die Holzplanken des Gehwegs am Strand treibt. Der Science-Fiction-Kanal bringt, wie passend, einen Katastrophenfilm: irgendwelche mongolischen menschenfressenden Würmer, die nicht sehr echt aussehen.

In Globalkatastrophen-Filmen ist es eigentlich immer New York, das als Erstes untergeht. Der Höhepunkt des fraglichen Kunstwerks ist meistens dann erreicht, wenn mit Krawumm das Empire State Building in die Luft fliegt. Im schönsten aller Filme über die Apokalypse aber explodiert gar nichts: Da hat Manhattan sich in eine Gefängnisinsel verwandelt, einen wasserumzäunten Hochsicherheitstrakt, und Snake Plissken - dargestellt von Kurt Russell - muss in die Hölle und wieder zurück, weil Air Force One - das Flugzeug des Präsidenten - in Manhattan abgestürzt ist.

Zu der Zeit als "Die Klapperschlange" gedreht wurde (1981), war in Amerika die Angst vor dem Verbrechen groß, jeder New Yorker war mindestens schon einmal im Leben überfallen worden, die Reichen flohen aus der Stadt. Heute ist New York so sicher, dass es schon langweilig ist (sicherer als London, sicherer als Berlin). In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde Manhattan, dem Schwaben Roland Emmerich sei Dank, von Aliens verwüstet ("Independence Day"), von einem Monsterwaran heimgesucht ("Godzilla"); endlich brach ein furchtbar schlankes und gelenkiges Ungeheuer über die Stadt herein, sodass sie leider ein bisschen mit Napalmbomben verbrannt werden musste ("Cloverfield"). Die Wahrheit ist das alles natürlich nicht.

Die Wahrheit finden wir vielmehr auf Facebook, wo eine Checkliste für Hurrikans veröffentlicht wird: eine allgemeine, die für den Rest der Welt gilt, und eine spezielle für New York allein. Die allgemeine Checkliste sieht so aus: "Die Wetternachrichten studieren. Tasche für den Evakuierungsfall packen. Batterien kaufen. Trockennahrungsmittel und Wasser kaufen. Die Wetternachrichten etwas eindringlicher studieren. Das Auto mit Lebenswichtigem vollpacken. Gemeinsam mit Nachbarn über den Hurrikan spekulieren."

Die New Yorker Checkliste dagegen enthält folgende äußerst wichtige Posten: "Wodka kaufen. Extraschachteln Zigaretten kaufen. Sich mögliche populäre Tweets ausdenken. Hurrikanparty mit Stammesangehörigen planen. Lästern. Spekulieren, ob der Hurrikan dazu führen wird, dass man am Montag nicht arbeiten muss. Sich fragen, ob die französische Kaffeemaschine auch ohne Strom funktioniert."

Am Sonntag um fünf Uhr früh sind wir dann auf der Straße, um nach dem Rechten zu sehen. Im Aufzug nach unten klebt ein Zettel: Zwischen dem Abend und dem Vormittag sollten wir dieses Gefährt lieber nicht benutzen, es sei durchaus möglich, dass ConEdison - unsere Elektrizitätsgesellschaft - uns in der Mitte der Fahrt den Saft abdrehe. Egal; hinein. Ein mulmiges Gefühl, als die Liftkabine ein bisschen tiefer plötzlich stillsteht. Würden wir den Sturm also allen Ernstes hier drinnen verbringen, eingesperrt und ausgeliefert? Aber dann fährt der Aufzug doch weiter nach unten, er hält nur in jedem Stockwerk sozusagen höflichkeitshalber kurz an.

"Wir sind dabei gewesen!"

Der Doorman im Foyer unseres Gebäudes, dessen Job es ist, Türen zu öffnen, Pakete in Empfang zu nehmen und Unbefugte abzuweisen, mustert uns wie arme Irre, ehe er vor uns die Glastüren aufstößt. Kein zureichender Grund, drinnen zu bleiben und den Hurrikan zu verpassen. Wir werden im Kreise unserer Enkel hinterher einmal sagen können, wir seien dabei gewesen!

Der Hamburger würde Verhältnisse, wie sie draußen herrschen, ohne Zweifel als "Schietwedder" einstufen: Regen von oben, Regen von vorn, Regen von der Seite. Aber nichts, gegen das ein Schirm keinen ausreichenden Schutz bieten würde, und eigentlich kaum Wind. Die Third Avenue etwas leerer als sonst, aber es zischte doch das eine oder andere Auto an uns vorbei. Auf dem Gehweg liegen Äste herum, die aber nicht der Sturm abgerissen hat; wir haben im Einschlafen das Dröhnen der Motorsägen deutlich gehört. So haben wir uns einen Hurrikan nicht vorgestellt.

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