Berliner Spaziergang

Das Lächeln der Sol Gabetta

Die Wandlung ist erstaunlich. Eben, auf der Probe im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, war sie noch der umschwärmte Star. Eine Künstlerin, die unglaublich präsent war und mit der Orchestermitglieder gern noch einmal kurz ins Gespräch kommen oder ihr zumindest kurz die Hand drücken wollten. Minuten später, sie wartet jetzt vor der Personalpforte, wirkt sie eher unauffällig: eine junge Frau mit einem schmalen Gesicht und blondem Haar, die ihr Handy am Ohr hat und lebhaft telefoniert.

Ein paar Meter entfernt steht eine meterhohe Werbeleinwand mit ihrem Gesicht. Aber keiner der vielen Passanten lässt durch abruptes Stehenbleiben oder ein eilig in Stellung gebrachtes Fotohandy erkennen, dass er sie entdeckt hat: Sol Gabetta, eine der besten Cellistinnen auf diesem Erdenrund, Weltstar der klassischen Musik.

Als ich mich vorstelle, lächelt sie. Es ist kein aufgesetztes Lächeln, trainiert bei unzähligen Foto-Sessions für CDs und Plakate. Die 30-Jährige lächelt, wie ein glücklicher Mensch eben lächelt. Und sie wird im Laufe unseres Gespräches auch immer wieder betonen, dass sie sehr viel Glück hatte in ihrem Leben, vor allem in den entscheidenden Augenblicken. Auch die Musikhochschule Hanns Eisler gehört dazu, deren Eingang sich gleich gegenüber der Personalpforte des Konzerthauses befindet. "Ich habe hier studieren dürfen", sagt sie, "da habe ich mal wieder Glück gehabt."

Sol Gabetta ist aufgewachsen in Córdoba/Argentinien. Ihre Mutter war Konzertpianistin. Sie gab die Karriere auf, als sie mit 19 das erste Kind bekam - einen Sohn, der Ingenieur geworden ist. Dann gibt es noch eine Schwester, die an Autismus leidet; einen weiteren Bruder und Zwillinge, die früh starben. Aber die Eltern wollten damals unbedingt noch ein viertes Kind. Es wurde eine Tochter. Sie nannten sie Sol, "die Sonne". Und sie haben alles, was ihnen möglich war, für dieses Kind getan.

Mit drei Jahren begann Sol Gabetta, Geige zu spielen, mit vier Jahren entdeckte sie für sich das Cello. Es hält sich hartnäckig die Anekdote, dass sie zu diesem Instrument wechseln wollte, weil ihr fünf Jahre älterer Bruder Andres viel besser Geige spielen konnte.

Sol Gabetta erinnert das anders. Sie bleibt auf dem Gendarmenmarkt stehen, als sie davon erzählt, als sei sie noch immer ergriffen von dieser "unglaublich schönen, dunkelhaarigen Frau", die damals mit ihrem Cello auf der Bühne saß. "Sie war wie eine Königin. Und ich weiß noch, dass sie ein Stück von Antonín Dvorák spielte."

Es handelte sich um Christine Walewska. Eine Virtuosin, über die Artur Rubinstein sagte: "Sie spielt den sinnlichsten Ton, den ich je auf dem Cello gehört habe. Sie ist der einzige Cellist, der mir den Atem nimmt." Sol Gabetta wusste das damals natürlich nicht. "Ich war einfach nur unglaublich beeindruckt von dieser Frau und ihrer Musik. Ich wollte seitdem unbedingt Cello spielen lernen."

Das Verrückte an dieser Geschichte ist, dass die Eltern die kleine Tochter ernst nahmen und damit ja auch recht behalten sollten. Sie überlegten, wie ein passendes Instrument für die Vierjährige gefunden werden konnte. "Es gab sogar Erwägungen, einfach eine Bratsche umbauen zu lassen", sagt Sol Gabetta. Schließlich wurde in Japan ein Halbes Cello bestellt, eine verkleinerte Form des Instrumentes. Auch das war eigentlich zu groß für Sol Gabetta. Der Stachel wurde abmontiert, damit das Cello tiefer stand. Sie saß erhöht, ihre Füße reichten nicht einmal bis zum Boden. So übte sie.

Entscheidung für das Cello

Es war damals aber noch nicht klar, dass das Cello ihr Instrument werden sollte. Sol Gabetta spielte nebenher immer noch Geige, gewann mit ihr sogar einen Preis, für den sie sich, gegen den Rat der Mutter, eine Klarinette kaufte. "Eine Freundin konnte darauf toll spielen." Irgendwann wurde es dann aber doch zu viel. "Ich wollte am liebsten alles", sagt Sol Gabetta: "Klarinette, Cello, Klavier, Geige, Ballett, Englisch, Französisch, Chor. Das geht so nicht, sagte meine Mutter. Du musst dich jetzt mal entscheiden."

Und wieder gab Christine Walewska den letzten Anstoß. Sol Gabetta erlebte die Cellistin erneut in einem Konzert und brachte die Mutter so weit, anzufragen, ob sie bei der Walewska vorspielen dürfe. Sie durfte. Die Cellistin war von dem Kind angetan und bot sogar an, ihr Stunden zu geben. Kostenlos. "Ich mache das, weil du Talent hast", sagte sie, "und weil es mir Spaß macht, mit dir zu arbeiten."

Mehr als zwei Jahre lang fuhr Vater Gabetta regelmäßig mit der Tochter in einem Kleinbus von Córdoba in das rund 800 Kilometer entfernte Buenos Aires. Fast immer am Wochenende, in der Woche arbeitete er als Angestellter in einem kleinen Betrieb. Sie habe ihm vorher aber in die Hand versprechen müssen, dass sie es mit dem Cello-Spiel wirklich ernst meine, erinnert sich Sol Gabetta. Und es war ihr ernst. "Ich habe damals zu Christine Walewska gesagt: Ich will deinen Klang haben. Ich weiß, es ist komisch für ein Kind, dass es so eine Vorstellung hat. Ich wusste ja gar nicht, was Klang ist. Aber das, was Christine Walewska in mir entwickelt hat an Emotionen, das wollte ich haben. Ich glaube, das hat mich schon sehr geprägt."

Es ist heiß an diesem Tag. Wir besuchen die "Brasserie" in der Taubenstraße. Als ich erläutere, dass wir ein Interview führen wollen, und eine ruhige Ecke suchen, scheinen die Kellner Sol Gabetta zu erkennen. Sie führen uns in eine ruhige Ecke und versuchen, Störungen zu vermeiden. Aber zwischen Besteck auflegen und Tischtuch wechseln gibt es immer wieder kurze Blicke zur Künstlerin am Tisch - die so gar nicht eingebildet wirkt, die freundlich fragt, ob sie vielleicht einen frisch gepressten Saft bekommen könne - und sofort, fast ohne Übergang, wieder mit mir spricht. Sehr schnell, unglaublich intensiv, mit einem Akzent, der schwer zu definieren ist und ein wenig an den Dialekt von Michelle Hunziker erinnert, der Assistentin von Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" Aber auch das trifft es nicht vollständig. Bei Sol Gabetta mischt sich vieles. Der Vater ist Argentinier mit italienischen Wurzeln. Die Mutter ist ein Kind russischer Eltern, das in Nizza geboren wurde. Sol Gabettas Lebensgefährte ist Schweizer. Sie selbst kann sich in sieben Sprachen verständigen. Und sie spricht von "einer Revolution", als sie nach Europa kam und "plötzlich diese unglaubliche Kulturveränderung erlebte". Sie liebe ihre Heimat noch immer, habe dort gute Freunde, sagt sie. "Aber ich wollte nicht mehr zurück."

Sol Gabetta war zehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal nach Europa reiste. Sie hatte mit ihrem Cello-Spiel einen Preis gewonnen: ein Stipendium an der "Escuela Superior de Música Reina Sofía" in Madrid. Auch ihr Bruder Andrés, er spielt immer noch Geige, bekam dieses Stipendium. Die Mutter fuhr mit den beiden Kindern damals für ein Jahr nach Madrid. Der Vater blieb mit dem ältesten Sohn und der psychisch kranken Tochter in Córdoba. Das wiederholte sich, als Sol und Andrés für ein weiteres Jahr Stipendien bekamen. Den endgültigen Entschluss, von Südamerika nach Europa überzusiedeln, gab es, als Sol Gabettas Lehrer, der Meistercellist Ivan Monighetti, zur Musik-Akademie der Stadt Basel wechselte. "Er wollte mich weiter unterrichten. Und ich wollte unbedingt bei ihm bleiben", sagt sie. "Wenn wir uns jetzt nicht für Basel entschieden hätten, wären die zwei Jahre in Madrid vergebens gewesen. Es gab keine Alternative."

Sol Gabetta studierte erst in Basel und später in Berlin. Es ging nicht um die Diplome, die sie gleich zweimal erwarb. "Ich wollte unbedingt lernen", sagt sie, "das stand absolut im Vordergrund." Sie sei kein "übertalentiertes Kind oder gar ein Wunderkind gewesen, was heute viele glauben". Sie habe sich das, was sie könne, wie alle anderen erarbeiten müssen.

Es ist vermutlich kein wirkliches Understatement. Eher eine Abwehr dagegen, glorifiziert zu werden. Ähnlich ablehnend reagiert sie auf die in Interviews immer wieder gestellte Frage, ob es junge, hübsche Frauen im Klassikgeschäft nicht leichter hätten als die Konkurrenten. Das empfindet sie als oberflächlich und respektlos. Und um das Thema zu beenden, erwidert sie dann auch mal: "Ich fühle mich gar nicht als junge, hübsche Frau."

Als wir die "Brasserie" verlassen, frage ich nach ihrem kostbaren Cello. Und ob sie es tatsächlich "Herr Gabetta" nenne. Sol Gabetta nickt und versucht, dabei sehr ernst zu wirken, was aber nicht so richtig gelingt. Begonnen hatte die Geschichte des "Herrn Gabetta" Ende der 90er-Jahre mit einer Einladung nach Zürich zu einem Hauskonzert. Gastgeber war Hans Konrad Rahn - Mäzen und Namensgeber für den Rahn-Musikwettbewerb für Studenten an Musikhochschulen und Konservatorien in der Schweiz. Rahn kannte also viele Nachwuchstalente. Aber für Sol Gabetta gab es eine ganz besondere Förderung: Er hörte sie spielen und bot ihr danach an, ein Cello zu kaufen. Eines, das sie unbedingt haben wolle. "Ich habe ihn gefragt: Wissen Sie, was so ein Cello kostet?", erinnert sich Sol Gabetta. "Er antwortete: ,Na ja, so oder so.' Worauf ich erwiderte: ,Nein, es ist wahrscheinlich mehr als dreimal so oder so.'" Sie sollte es trotzdem kaufen. Entdeckt hatte sie es Monate später in einer Londoner Musikalienhandlung: ein Guadagnini-Cello, gebaut 1759. Der Wert reicht nach Angaben in den Medien von 500 000 bis zu zwei Millionen Euro. Sol Gabetta möchte sich dazu nicht äußern. Sie hat eine ganz besondere Beziehung zu diesem Cello. Sie sagt: "So ein Instrument entwickelt sich und verbindet sich mit dem Geist der Person. Es hat eine Seele und eine Persönlichkeit." Und sie lehnt den Kopf dabei zurück und schaut mich an, als wolle sie sagen: Jetzt keine Fragen mehr. Entweder Sie verstehen, oder Sie verstehen eben nicht.

Einem Lehrer nach Berlin gefolgt

Am Deutschen Dom kommen uns junge Leute kreischend und palavernd auf merkwürdigen Fahrrädern entgegen. Auf jedem dieser Gefährte sitzen sieben Personen. Sol Gabetta lacht. "Das finde ich so toll an Berlin", sagt sie, "dieses Verrückte und diese Ausgelassenheit." Gekommen ist sie 2001 aus anderen Gründen: Der Meister-Cellist und Dirigent David Geringas lehrte hier. "Er kannte mich schon von vielen Wettbewerben, bei denen er in der Jury saß", erinnert sie sich. "Und er war zu dieser Zeit einer von drei Lehrern weltweit, zu dem man gehen muss, vorausgesetzt, man bekommt einen Platz."

Sie bekam ihren Platz. Zunächst bei einem Meisterkurs, den Geringas noch in Lübeck gab. Später bestand sie auch die Aufnahmeprüfung an der Eisler-Musikschule, wurde Geringas Schülerin und blieb fünf Jahre in Berlin. Für sie war das "auch deswegen eine wichtige Zeit, weil ich zum ersten Mal ohne meine Familie gewandert bin". Erleichtert wurde ihr das durch eine "glückliche Fügung". Ein paar Monate vor ihrem Umzug nach Berlin gab sie in Österreich ein Konzert beim renommierten Lockenhaus Festival. In einem Restaurant wurde sie von einem älteren Ehepaar angesprochen, das begeistert war von ihrem Auftritt. Sol Gabetta erzählte, dass sie jetzt in Berlin studieren werde. Nein, eine Wohnung habe sie noch nicht. Wenig später erhielt sie ein Kärtchen mit einer Adresse und einen Schlüsselbund. Das Ehepaar besaß eine kleine Zweizimmerwohnung in der Burggrafenstraße, nur wenige Schritt vom Bahnhof Zoo entfernt. Dort konnte sie während der gesamten Studienzeit wohnen. Sie war nicht die Erste. Auch der Star-Pianist Krystian Zimerman hatte hier seinerzeit Quartier bezogen.

Unser Rundgang endet, wo er begann: am Konzerthaus. Für Sol Gabetta ist das "ein ganz besonderer Ort". Hier hat sie als Studentin oft zugehört: Hier hat sie 2006 mit dem Konzerthausorchester ihr Solistendiplomkonzert gegeben. Hier ist sie in der aktuellen Saison Artist in Residence, wird also mehrere Konzerte geben. Und das sehr gern, wie sie betont: "Es ist ein fantastisches Publikum, sehr interessiert, sehr offen." Floskeln? PR-Gewäsch? Nein, sie meint, was sie sagt. Und ihr ganzes Gesicht ist ein Lächeln. Sie ist Sol Gabetta.