Konflikt

Drohen künftig auch Kriege um das Wasser?

Der sechste Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Boutros-Ghali, warnte schon vor 20 Jahren vor "Wasserkriegen". Jetzt droht Ägypten Äthiopien. Carolin Brühl sprach mit Sören Scholvin vom German Institute of Global and Area Studies über die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Auseinandersetzungen wegen Wassers.

Berliner Morgenpost: Herr Scholvin, ein Vertrag von 1929 gibt Ägypten das exklusive Recht auf Nutzung des Nilwassers. Die anderen Anrainerstaaten am Oberlauf des Nils leiden aber unter der Wasserknappheit. Äthiopien hat nun das erste Bewässerungsprojekt gestartet. In der Vergangenheit hat Ägypten für so einen Fall immer mit Krieg gedroht. Wie wahrscheinlich ist jetzt ein bewaffneter Konflikt?

Sören Scholvin: Soweit ich weiß, hat Ägypten keine exklusiven Nutzungsrechte für Nilwasser. Es ist in diesem Vertrag von 1929 nur festgelegt, dass Ägypten 55,5 Milliarden Kubikmeter von insgesamt 84 Milliarden Kubikmeter pro Jahr dem Nil entnehmen darf. Also der deutlich größte Anteil steht schon für Ägypten zur Verfügung, der Rest für die anderen Anrainerstaaten. Das sind nicht nur Nord- und Südsudan und Äthiopien, sondern auch die kleineren zentralafrikanischen Staaten sowie Kenia und Tansania. Das Problem, das daraus resultiert, ist, dass die Anrainerstaaten am oberen Flusslauf keine Handlungsfreiheit haben, das Nilwasser zu nutzen, beispielsweise für Bewässerungsprojekte in der Landwirtschaft.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist der Nil gerade für Äthiopien?

Sören Scholvin: Äthiopien hätte eigentlich ganz gute Voraussetzungen, um mit Nilwasser seine Landwirtschaft voranzutreiben. Im Moment ist das Land aber auf Lebensmittelhilfen angewiesen, weil es seine eigene Bevölkerung nicht versorgen kann. Darüber hinaus ist gerade in Äthiopien Wasserkraft eine wichtige Energiequelle, aber die Möglichkeiten, neue Staudämme am Nil für die Stromerzeugung zu bauen, sind beschränkt, weil die sich immer auch auf den Flusslauf auswirken. Deswegen gab es in der Vergangenheit schon mehrmals Kriegsdrohungen von Ägypten.

Berliner Morgenpost: Wie realistisch ist so eine Kriegsdrohung überhaupt? Sind diese Staaten überhaupt in der Lage, ihr Militär für zwischenstaatliche Kriege zu aktivieren?

Sören Scholvin: Wir können sicher die äthiopische und die ägyptische Armee nicht mit denen europäischer oder nordamerikanischer Staaten vergleichen, nichtsdestotrotz sind das gerade die beide Staaten in der Region, die doch noch über ein vergleichsweise gutes Militärpotenzial verfügen. Das hängt auch damit zusammen, dass Äthiopien und Ägypten privilegierte Partner der USA sind. Ägypten erhält ja jährlich 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe, was nur für Rüstung zur Verfügung steht. Also zumindest Ägypten verfügt über moderne Militärtechnologie und ist im Bereich Luftwaffe doch recht gut ausgerüstet. So ein Kriegsszenario könnte so aussehen, dass von Ägypten Militärschläge gegen Äthiopien geführt werden. Dazu ist Ägypten sicherlich in der Lage. Für die dauerhafte Besetzung strategisch wichtiger Punkte fehlen Ägypten aber die Voraussetzungen.

Berliner Morgenpost: Es gibt Untersuchungen, die nachweisen, dass Konflikte um Wasser in der Vergangenheit meist eher zu Kooperation als zu Konfrontation geführt haben. Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um solche Konflikte zu entschärfen?

Sören Scholvin: Mit fällt kein Fall ein, in dem es einen wirklichen Krieg um Wasser gegeben hat. Also, eine These, Konflikte um Wasser führen zu Kriegen, ist empirisch nicht belastbar. Seit 1999 gibt es eine sogenannte Nilbecken-Initiative, an der die Anrainerstaaten des Nils beteiligt sind. Dabei geht es darum, dieses Abkommen von 1929 neu auszuhandeln und die Interessen der oberen Anrainerstaaten zu berücksichtigen. Dabei sind Entwicklungshilfeorganisation wie die GTZ aus Deutschland beteiligt und die diplomatischen Vertretungen verschiedenster Staaten, die darauf hinwirken, dass es da zu Kooperationen kommt.

Berliner Morgenpost: Zum Abschluss der Weltwasserwoche in Stockholm haben Konferenzteilnehmer einen steigenden weltweiten Wasserbedarf prognostiziert. Wird Wasserknappheit künftig Konflikte verschärfen?

Sören Scholvin: Es ist eher unwahrscheinlich, dass es wegen des Faktors Wasser allein zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen wird. Wasser ist sicherlich ein relevanter Faktor, er wird aber wohl nur im Zusammenhang mit anderen Faktoren kriegsauslösend wirken.