Comeback

Fliegender Wechsel im Cockpit

Vor zwei Tagen haben sie gemütlich zusammengesessen, Hartmut Mehdorn und Diethelm Sack, sein ehemaliger Finanzchef bei der Deutschen Bahn, ganz so, als sei alles wie immer. Eigentlich sind die beiden im Rentenalter, aber das über Jahrzehnte in zahlreichen Spitzenjobs erworbene Wissen lässt sich einfach zu gut verkaufen. Also teilen sich Mehdorn und Sack ein Büro im vornehmen Frankfurter Westend und beraten Unternehmen.

Mehdorn war gerade aus seinem Urlaub in Südfrankreich zurückgekommen, im Büro wurde beim Kaffee ein wenig geplaudert - nur über eins sprach der ehemalige Chef der Deutschen Bahn am Dienstag nicht mal mit Sack, der zu Bahnzeiten einer seiner engsten Vertrauten war: über seinen Wechsel an die Spitze von Air Berlin. "Joachim Hunold hat mich ja auch erst Donnerstagmorgen offiziell gefragt, ob ich sein Nachfolger werden will", sagt Mehdorn der Berliner Morgenpost am Donnerstagmittag.

Endgültig hinwerfen, als Vorstandschef abtreten und in den Verwaltungsrat wechseln, das hatte sich Joachim Hunold schon länger überlegt. Air Berlin steckt in einer ernsten Krise. Dass Mehdorn nachrückt, überrascht, ist aber nicht abwegig. Er hatte seine Karriere beim Flugzeughersteller Focke-Wulf begonnen, war unter anderem Chef der Deutschen Aerospace (DASA) und ist ein leidenschaftlicher Flieger. Entscheidend für seine Ernennung ist am Ende aber wohl gewesen, dass Mehdorn schon seit gut zwei Jahren im Verwaltungsrat von Air Berlin sitzt und es dort - seinem Naturell entsprechend - nicht beim reinen Aktenstudium beließ.

"Ich habe ein dickes Fell"

Dass er "gut kann" mit Hunold, meinen die einen. Andere, dass die beiden Manager einander eng verbunden sind. In jedem Fall sagte Mehdorn prompt zu, neuer Chef von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft zu werden. Am Donnerstagmittag stimmte auch der Verwaltungsrat zu. Die überraschende Personalie war perfekt. Mit Hunold tritt einer der schillerndsten Manager des Landes ab, und ein anderer macht mit 69 Jahren noch mal Karriere.

Was auf Mehdorn zukommt, ist ein Knochenjob. Wie die Deutsche Bahn ab 1999 soll er nun Air Berlin sanieren und mittels eiserner Sparpolitik auf Kurs bringen. Widerstände sind da sicher. "Aber sie wissen ja: Ich habe ein dickes Fell", sagt Mehdorn. Das braucht er, und diesmal ein besonders dickes. Denn als Chef von Air Berlin hat er es auf ganz unterschiedliche Art mit zwei Männern zu tun, die er sich als Bahn-Chef zu ernsten Gegnern gemacht hat: Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Christoph Franz, Vorstandschef der Lufthansa. Auf die Frage, ob er sich über die Probleme seines Konkurrenten freue, sagt Franz am Tag der Ernennung Mehdorns säuerlich: "Da lässt der kluge Unternehmer den Champagner im Keller." Es lässt sich aber leicht ausmalen, dass der Lufthansa-Chef Air Berlin unter der Führung Mehdorns mit noch mehr Energie attackieren wird.

Doch erst mal muss sich Mehdorn mit Berlins Regierendem Bürgermeister zusammenraufen. Die Hauptstadt und die Fluggesellschaft, die ihren Namen trägt, sind eng miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Für den wirtschaftlichen Erfolg des neuen Großflughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) wird es entscheidend sein, ob Air Berlin überlebt und es schafft, weiter zu wachsen. Die gesamte Infrastruktur ist darauf ausgelegt, dass der BER sich zu einem Drehkreuz entwickelt. Das funktioniert aber nur, wenn eine ausreichend große Fluggesellschaft ihre Fluggäste aus ganz Europa nach Berlin fliegt und diese dort in Langstreckenflugzeuge nach Amerika oder Asien umsteigen. Das kann nur Air Berlin sein, weil die Lufthansa bereits vier teure Drehkreuze in Frankfurt/Main, München, Zürich und Wien betreibt.

Ärger mit Berlinern

Außerdem hoffen die Berliner Flughafenplaner, dass Air Berlin es schafft, Mitglied im weltumspannenden Luftfahrtbündnis "Oneworld" um British Airways und American Airlines zu werden. Dann landen in absehbarer Zeit wohl auch deren Langstreckenflugzeuge in Berlin und deren Gäste würden durch Air Berlin an ihren Zielort irgendwo in Europa weitertransportiert. Es wäre ein Desaster für die Länder Berlin und Brandenburg und ihre Wirtschaft, wenn der Großflughafen floppt, weil ihn Air Berlin nicht zum Laufen gebracht hat.

Wowereit, der im Aufsichtsrat der Berlin-Brandenburger Flughafengesellschaft sitzt und dort über maßgeblichen Einfluss verfügt, und Hartmut Mehdorn als Air-Berlin-Chef müssen also eng zusammenarbeiten - doch das dürfte schwer werden. Als Mehdorn noch Bahn-Chef war, hatten die beiden keine Gelegenheit ausgelassen, sich aneinander zu reiben. Offen klagte Mehdorn über die "Geringschätzung und Nichtbeachtung" der Bahn durch den Berliner Senat, was nicht so ganz falsch war. Und immerhin ist die Bahn der mit Abstand größte Arbeitgeber in Berlin.

Andererseits stieß Mehdorn, der seine Wurzeln in der Hauptstadt hat, Senat und Berliner regelmäßig vor den Kopf. Er ließ gegen den Wunsch der Bevölkerung den Lehrter Bahnhof in Hauptbahnhof umbenennen, hängte den Bahnhof Zoo vom Fernverkehr ab und erwog ernsthaft den Plan, die Logistiksparte von Berlin nach Hamburg zu verlegen. Unvergessen ist Mehdorns Auftritt vor der Industrie- und Handelskammer an der Fasanenstraße, als der damalige DB-Chef die Kritik an der Haltepolitik am Zoo mit dem Satz konterte: "Berlin tut sich einfach schwer, eine Metropole zu werden." Aber da war das Verhältnis Wowereit/Mehdorn längst heillos vergiftet.

Noch pikanter ist die Situation im Fall von Mehdorn und Lufthansa-Chef Franz. Dieser war vor seinem Job bei Deutschlands größter Fluggesellschaft Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bahn - unter Mehdorn. Franz hatte maßgeblichen Anteil an dem Ende 2002 eingeführten neuen Tarifsystem. Nach bundesweiter heftiger Kritik an dem Preis- und Erlösmanagement Personenverkehr (Pep) musste die Bahn das System wieder einstampfen, damals schaltete sich sogar das Bundeskanzleramt ein. Personenverkehrsvorstand Franz und ein weiterer hochrangiger Bahn-Manager wurden gefeuert.

Nicht nur Franz hatte sich damals als Bauernopfer für Mehdorn gesehen, den Pep fast den Job gekostet hätte und der - so sagen Mehdorn-Kritiker - mit der Entlassung von Franz Druck aus dem Kessel lassen wollte. Das Verhältnis Mehdorn/Franz gilt seither, gelinde gesagt, als gestört. Nun treffen die beiden als schärfste Konkurrenten aufeinander.

Dabei steht Mehdorn auch so vor einer Mammutaufgabe. Zwar ist Hunold als Gründer und Unternehmenschef von Air Berlin gelungen, was 1991 kaum einer glauben wollte: Nämlich eine Fluggesellschaft zur Nummer zwei nach der Lufthansa zu machen, eine Nummer zwei, die Lufthansa ernsthaft herausfordert. Doch nach jahrelangem Boom und Wachstum läuft es nicht mehr bei Air Berlin. Die Gesellschaft hat sich auch mit immer neuen Übernahmen wie der Deutschen BA oder LTU verhoben. Sie ist kein Billigflieger mehr, aber in der Lufthansa-Liga auch nicht ganz angekommen. Zuletzt machten ihr die Unruhen in den Staaten Nordafrikas und der nachfolgende Einbruch des Geschäfts mit den Reiseveranstaltern schwer zu schaffen.

Auch die Schlagkraft und den langen Atem der Lufthansa hat der über Jahre instinktsichere Hunold deutlich unterschätzt. Im Wettbewerb auf der lukrativen Strecke Hamburg-Frankfurt/Main scheiterte er. Das Angebot wird gestrichen.

Kein Nachfolger aufgebaut

Und als auch im zweiten Quartal dieses Jahres trotz bereits eingeleiteter Sparmaßnahmen Verluste aufliefen, wurde es eng für Hunold. Mehdorn zollt dem Air-Berlin-Chef großen Respekt dafür, dass dieser willens sei, von Bord zu gehen und loszulassen. Tatsächlich kommt dieser Schritt reichlich spät. Nun rächt es sich, dass Hunold es versäumt hat, frühzeitig einen Nachfolger aufzubauen.

Dass Mehdorns Nachrücken eine Interimslösung ist, ist allen klar: Sein Vertrag sehe keine zeitliche Begrenzung vor, sagt er der "Berliner Morgenpost". "Ich bin 69 Jahre alt, da geht es nicht mehr darum, eine große Karriere zu machen." Mehdorn kündigt dennoch an, bei der angeschlagenen Fluggesellschaft nicht nur überbrücken, sondern "etwas bewegen" zu wollen. "Er ist sich bewusst, dass er als neuer Air-Berlin-Chef seine Hausaufgaben machen muss", heißt es aus Mehdorns engstem Umfeld.

Die Probleme benennt Mehdorn noch am Tag seiner Ernennung als Hunolds Nachfolger: "Die Belastungen aus der Airport-Steuer und die Ausfälle infolge der Aschewolke haben der Gesellschaft hart zugesetzt. Und natürlich die Konkurrenz mit der Deutschen Lufthansa. Das sind Profis."