Sparkurs

Air Berlin ist für den beinharten Wettbewerb nicht gewappnet

Wie dramatisch die Lage bei Air Berlin ist, zeigen zwei Kennzahlen. Das Eigenkapital der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft ist im Vergleich zum zweiten Quartal des Vorjahrs um rund 180 Millionen Euro geschmolzen. Zugleich ist die Nettoverschuldung um mehr als 100 Millionen gestiegen.

2011 droht das vierte Defizitjahr in Folge zu werden. Daher kommt der Rücktritt von Vorstandschef Joachim Hunold nicht überraschend. Der hatte immer wieder schwarze Zahlen angekündigt - und oft nicht geliefert.

Nun soll Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn als Sanierer die Fluggesellschaft interimsweise führen. Das ist ein Indiz dafür, dass es zwischen Hunold, seinen Topmanagern und dem Aufsichtsrat immer kräftiger gekriselt hat. Zuletzt wollte der Gründer wohl selbst den Schlusspunkt unter seine Karriere setzen; nun dürfte er hoffen, als Mehdorn-Berater noch ein wenig weitermachen zu können.

Gemunkelt wurde schon länger, dass der oft hemdsärmelige Rheinländer mit der Komplexität seines stark gewachsenen Unternehmens nicht mehr richtig klarkam. Zudem leidet Air Berlin mehr als Marktführer Lufthansa unter der von der Bundesregierung Anfang des Jahres eingeführten Luftverkehrsabgabe. Auch die Unruhen in Nordafrika und der nachfolgende Einbruch des Geschäfts mit den Reiseveranstaltern machten den Berlinern schwer zu schaffen. Dabei gilt dieser Teil des Air-Berlin-Geschäfts als sichere Einnahmequelle. Denn Reiseveranstalter buchen vor der Präsentation ihrer Kataloge feste Kontingente bei den Fluggesellschaften. TUI, Europas größter Veranstalter von Pauschalreisen, ist seit 2009 mit 9,9 Prozent an Air Berlin beteiligt.

Mit Eigensinn, mutigen und schnellen Entscheidungen hatte Hunold in nur 20 Jahren aus einer kleinen Fluggesellschaft eine große, vielfach ausgezeichnete gemacht. Ermöglicht hat dies auch der Börsengang vor fünf Jahren, der allerdings recht holprig war. Immerhin zahlten die Aktionäre damals zwölf Euro für das Papier, woraus sich ein Gesamterlös von 510 Millionen Euro ergab, rund 360 Millionen Euro weniger als geplant. Am Donnerstag lag der Kurs bei 2,50 Euro.

Doch um Kurspflege hat sich der Air-Berlin-Chef in den letzten turbulenten Jahren nicht viel kümmern können. Es gab viel zu viele andere Baustellen. Die eilig zusammengekauften Fluggesellschaften wie LTU und dba mussten in das laufende Geschäft integriert werden. Trotz aller inneren Widerstände musste sich Hunold mit den Gewerkschaften der Piloten und Flugbegleiter auf Tarifverträge einigen. Immer wieder merkte er dabei, dass es ein "Weiter so" wie früher - als Hunold noch fast jeden im Unternehmen persönlich kannte und viele Probleme auf dem kurzen Dienstweg regelte - nicht mehr lange geben würde.

Trotzdem hat der 61-Jährige es versäumt, einen Nachfolger aufzubauen und die Managementstrukturen der Unternehmensgröße anzupassen. Zu oft entschied der Chef immer noch selbst. Das frustrierte ambitionierte Kollegen im Managementteam. Und auch die Schlagkraft und den langen Atem der Konkurrenz Lufthansa hat Hunold zuletzt sträflich unterschätzt. Kurz vor Amtsantritt des neuen Lufthansa-Chefs Christoph Franz wagte sich Air Berlin auf die Strecke Hamburg-Frankfurt/Main. Das konnten die Lufthanseaten nicht kampflos hinnehmen. Franz gab die Weisung aus, sich nicht noch mehr Marktanteile von den Berlinern abnehmen zu lassen.

Zum Winterflugplan streicht Air Berlin nun die Hamburg-Strecke - neben anderen unrentablen innerdeutschen und europäischen Verbindungen. Die Berliner waren für den beinharten Wettbewerb nicht mehr gewappnet. Das hat wohl auch Hunold einsehen müssen. Das bereits angekündigte Sparpaket wird nur ein Anfang sein. "Die geplanten Maßnahmen werden möglicherweise nicht ausreichen, um ein positives operatives Ergebnis zum Jahresende zu erreichen, weil einige der Spareffekte erst 2012 wirksam werden", sagte Noch-Chef Hunold bei Vorlage der alarmierenden Quartalszahlen.

Im zweiten Halbjahr sollen mehr als 7500 Flüge wegfallen, was etwa einer Million Sitzplätze entspricht. Für 2012 wurde die Planung um 16 000 Flüge oder 2,2 Millionen angebotene Sitze verringert. Das Unternehmen will noch in diesem Jahr acht Flugzeuge stilllegen und mit 163 Maschinen fliegen. 2012 sollen es 164 statt wie zuletzt geplant 177 sein. Experten zweifeln schon länger am Geschäftsmodell der Berliner. Das Unternehmen müsse sich neu orientieren, sagte ein Investmentbanker. Guten Service wollte Hunold Urlaubsreisenden und Geschäftsleuten gleichermaßen bieten, aber dennoch billig sein. Vor allem diese Unentschiedenheit scheint Air Berlin nun allmählich zum Verhängnis zu werden.