Bildung

Start ins neue Schuljahr - mit alten Problemen

In diesem Schuljahr soll alles anders werden. Das jedenfalls verspricht Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Anders als im vergangenen Jahr soll es an den Berliner Schulen auf jeden Fall ausreichend Lehrer geben. "Das Einstellungskontingent für dieses Jahr beträgt 1182 Stellen", sagt Zöllner.

Die Lehrergewerkschaft GEW rechnet dennoch damit, dass bis zu 150 Lehrer fehlen werden. "Wir gehen davon aus, dass viele Schulen spätestens Anfang Oktober erneut mit Lehrermangel zu kämpfen haben", sagt GEW-Vorstandsmitglied Dieter Haase. Ein großes Problem sei in diesem Zusammenhang die Abwanderung junger Kollegen in andere Bundesländer. "Dort werden die Lehrer verbeamtet und verdienen mehr Geld", so Haase.

Neben dem Lehrermangel werden im Schuljahr 2011/12 weitere alt bekannte Probleme auf der Tagesordnung stehen. Dazu gehört der miserable bauliche Zustand vieler Schulen. Die Bildungsstadträte der 12 Berliner Bezirke beziffern den Sanierungsstau im Schulbereich auf insgesamt rund 880 Millionen Euro. Sorgen machen sich viele Eltern, aber auch Lehrer und Schulleiter schließlich auch darum, wie mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen an den Grundschulen umgegangen wird und ob die Schulen sich dagegen entscheiden können. Außerdem befürchten sie, dass nicht genügend Personal und Sachmittel für die stark zunehmende Zahl förderbedürftiger Kinder vorhanden sein werden.

Zahlreiche Sekundarschüler dürften damit zu kämpfen haben, dass sie statt an ihrer Wunschschule einen Platz an einer wenig nachgefragten Schule zugewiesen bekommen haben und teilweise weite Wege auf sich nehmen müssen.

Der Lehrermangel

Erst in den Ferien hat Stefan Schacher entschieden, dass er seinen Arbeitsplatz wechselt und Berlin verlässt. Der Lehrer für Mathematik und Sport war bisher am Sophie-Charlotte-Gymnasium in Charlottenburg. Seinen Leistungskurs-Schülern hat er per E-Mail erklärt, warum er am Montag nicht mehr zum Unterricht erscheinen wird. "Ich haben ihnen die Gründe erklärt und sie hatten Verständnis für meine kurzfristige Entscheidung", sagt Stefan Schacher. Der Junglehrer unterrichtet ein Mangelfach und kann sich somit seinen Einsatzort praktisch aussuchen. Mit seinen drei Kindern und seiner Frau, die ebenfalls als Lehrerin arbeitet, wohnt er am Stadtrand genau an der Landesgrenze zwischen Berlin und Brandenburg. Sein Wunsch war es, an ein Gymnasium in Reinickendorf zu wechseln, um seinen Arbeitsweg zu verkürzen. Dort hätten sie ihn auch dringend gebraucht, doch die Verwaltung lehnte den Umsetzungsantrag ab. Als ihm eine Stelle in Brandenburg angeboten wurde, zögerte er nicht lange und reichte die Kündigung ein. "Unzufrieden war ich schon lange mit den Arbeitsbedingungen in Berlin", sagt er. Vor allem mit der Bezahlung sei er nicht einverstanden.

Zwar wurde das Einstiegsgehalt für Junglehrer auf die höchste Gehaltsstufe erhöht. Aber damit gebe es auch keine Steigerungsmöglichkeit im Laufe des Berufslebens. "Das sieht bei einer Verbeamtung schon ganz anders aus", sagt er. Zudem gebe es Familienzuschläge für die Kinder. Langfristig würde sich der Beamtenstatus in jedem Fall auszahlen. Ungerecht findet der Mathelehrer, dass Kollegen, die aus anderen Bundesländern in Berlin eingestellt werden, selbstverständlich ihren Beamtenstatus behalten. Nur die Pädagogen, die Berlin nach dem Studium treu bleiben, würden praktisch bestraft. Auch seine Frau, Silja Schacher-Weißbach, bisher Grundschullehrerin an der Berliner Möwensee-Grundschule, wird deshalb ab Montag an einer Brandenburger Schule unterrichten.

Die maroden Schulen

Daniela von Treuenfels ist Elternsprecherin am Goethe-Gymnasium in Lichterfelde. "Unsere Turnhalle muss dringend saniert werden", sagt sie. Auch eine Mensa gebe es an der Schule noch immer nicht. Rund 3,85 Millionen Euro seien für die beiden Bauvorhaben nötig. Wie in vielen anderen Schulen müssen auch die Fachräume in der Goethe-Oberschule dringend modernisiert und auf den neusten technischen Stand gebracht werden. Frau von Treuenfels ist auch die Vorsitzende des Bezirkselternausschusses von Steglitz-Zehlendorf. "Viele Schulen müssen nicht nur saniert, sondern auch auf das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern vorbereitet werden", sagt sie. Dazu seien erhebliche Mittel nötig. Allein der Einbau eines Aufzugs koste pro Schule mindestens 300 000 Millionen Euro.

Die Schulplätze

Der erste Schultag nach den Ferien ist für Luca ein Tag, dem er seit Wochen mit Schrecken entgegengesehen hatte. Nach erfolgreichem Abschluss der Grundschule wechselt der 13-Jährige jetzt an eine Sekundarschule - eigentlich ein Grund zur Freude. Zumal das neue Modell der Sekundarschule genau zu ihm passt, meint seine Mutter Antje Hellbrügge. In der Grundschulempfehlung hatte er einen Notendruchschnitt von 2,8. An den neuen Sekundarschulen lernen Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten zusammen. Das Abitur können sie in 13 Jahren statt in der Turbogeschwindigkeit von 12 Jahren machen. Doch die Reform hat einen Haken. Luca kann wie viele andere nicht an die gewünschte Schule. Durch die neuen Auswahlkriterien für die Oberschulen haben sich Elite- und Restschulen herausgebildet. Denn jetzt können die Schulen bei Übernachfrage 60 bis 70 Prozent ihrer Schüler selbst auswählen und die meisten gehen dabei nach dem Notendurchschnitt. Luca wohnt am äußersten Zipfel von Lichtenrade in einer schon fast dörflichen Umgebung. Die einzige Schule, die fußläufig zu erreichen ist, ist die Carl-Zeiss-Sekundarschule. Die Nachfrage an der Schule war jedoch so groß, dass nur Schüler mit einem Notendurchschnitt von 2,4 oder besser ausgewählt wurden. "Das ist praktisch ein Gymnasium und hat mit der Sekundarschule nichts mehr zu tun", sagt Antje Hellbrügge. Das Schulamt hat Luca nach seiner Ablehnung zunächst eine Schule in Kreuzberg angeboten - Fahrtzeit 75 Minuten. Die Eltern legten Widerspruch ein und klagten vor dem Verwaltungsgericht. Schließlich wurde dem Schüler die Gustav-Langenscheidt-Schule zwangszugewiesen - Fahrtweg eine Stunde. Die Eltern bleiben bei ihrem Widerspruch. In letzter Minute haben sie vom Schulamt am Freitag einen Schulplatz an der Dag-Hammarskjöld-Schule in Mariendorf zugewiesen bekommen - 40 Minuten von Lucas Wohnort entfernt. "Endlich haben wir eine akzeptable Lösung, doch die Ungewissheit hat uns viele Nerven und viel Geld für das Gericht gekostet", sagt die Mutter. Mit einem anderen Aufnahmeverfahren hätte man den Kindern viele Sorgen zum Schulstart ersparen können.

Die Frage der Inklusion

Für Familie Schmitt aus Friedenau beginnt das neue Schuljahr mit einer großen Unsicherheit. Die Eltern befürchten, dass es an der Schule ihres elfjährigen Sohnes Sören zu Personalabbau kommen könnte. Sören ist von Geburt an stark behindert. Seit der ersten Klasse besucht er deshalb die Fläming-Grundschule in Schöneberg, an der behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen. Die Schüler werden von Lehrern und entsprechend ausgebildeten Sonderpädagogen betreut. Vor den Sommerferien bekam die Fläming-Grundschule jedoch Post von der Bildungsverwaltung. Die Schule habe möglicherweise zu viel Personal, hieß es in dem Schreiben. Hintergrund: Berlin will in der nächsten Legislaturperiode die UN-Konvention zur Inklusion umsetzen, und zwar kostenneutral. Eltern behinderter Kinder soll es auf diese Weise ermöglicht werden, ihr Kind an einer Regelschule anzumelden.

Das Konzept von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht vor, zunächst alle Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung sowie mit emotional-sozialen Schwierigkeiten in die Regelschule zu integrieren. Die Zahl der Förderzentren soll entsprechend reduziert werden. In einem zweiten Schritt könnten dann auch geistig und körperlich behinderte Kinder mehr und mehr an den normalen Schulen aufgenommen werden. Um dieses Konzept umzusetzen, müssen gut ausgestattete Schulen wie die Fläming-Grundschule möglicherweise Personal abgeben. Das jedenfalls befürchten die Schmitts. "Bisher stand unserem Sohn eine Sozialpädagogin zur Seite, die ihn durch den Schultag begleitet hat, ihm beim Lernen half aber auch bei vielen anderen Dingen wie Essen oder zur Toilette gehen", sagt Christine Schmitt. Sören könne auf eine derartige Hilfe einfach nicht verzichten.

Jahrgangsübergeifendes Lernen

In den kommenden Wochen entscheidet sich, wie es an der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln mit der Jahrgangsmischung weitergeht. Schulleiterin Rita Schlegel ist gespannt, wie das Schulamt auf den Antrag, das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) abzuschaffen, reagieren wird. "Vielleicht werden noch Nachbesserungen verlangt", sagt Rita Schlegel. Bis September soll dann feststehen, ob das von der Schule eingereichte Konzept angenommen ist.

Die Hermann-Sander-Schule ist eine von 70 Berliner Grundschulen, die eine Rückkehr zum jahrgangsgleichen Lernen beantragt haben. Die Neuköllner Grundschule hatte sich lange gegen die Einführung der Altersmischung gewehrt. Doch im vergangenen Schuljahr mussten dann die Kinder der ersten und zweiten Klasse gemeinsam unterrichtet werden, so wie es das Schulgesetz vorsieht.

Als Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) dann zwei Monate vor den Ferien verkündete, dass die Schulen auch davon abweichen können, hatte Rita Schlegel schon ein Konzept in der Schublade. Schließlich gehörte sie zu jenen Neuköllner Schulleitern, die immer wieder die Freiwilligkeit der Jahrgangsmischung gefordert hatte. An einigen Schulen, vor allem in Brennpunkten, würde das Modell einfach nicht funktionieren, lautete die Argumentation. "Die Spannbreite des Entwicklungsstandes ist auch ohne Jahrgangsmischung an unserer Schule bereits extrem groß", sagt Rita Schlegel.

Die Hermann-Sander-Schule hat vor, ab dem Jahr 2012/2013 die Jahrgänge wieder getrennt zu unterrichten. Allerdings sollen sich die älteren und jüngeren Schüler auch weiterhin noch in gemeinsamen Projekten treffen. Die Lehrer der Erst- und Zweitklässler sollen gemeinsam in einem Team arbeiten, sodass sie alle Schüler kennen. Auf diese Weise können Kinder auch weiterhin länger in der Schulanfangsphase verweilen, ohne ihre Bezugspersonen zu verlieren. Diese Bedingung muss laut Bildungsverwaltung das neue Konzept erfüllen.