Berlin

Schweigeminute mit Pannen

Bundesweit waren die Bürger zu einer Schweigeminute um 12 Uhr aufgerufen. Als vielerorts die Kirchenglocken zum Gedenken läuteten, war die Schweigeminute auf der zentralen Gedenkstunde allerdings bereits beendet. Fünf Minuten vor zwölf hatten die Ehrengäste hier mit ihrer Schweigeminute begonnen.

In weiten Teilen Berlins war von dem Schweigen in Erinnerung der Maueropfer wenig zu spüren. Rund um das Brandenburger Tor kamen die Menschen am Sonnabend nur langsam voran. Reisegruppen lauschten den Erklärungen ihres Reiseführers, fröhlich winkten Menschen vor der Kulisse der ehemaligen Ostgrenze in Kameras. Um kurz vor 12 Uhr liefen Peter Toosen (38) und seine Frau Ina (33) durch das Brandenburger Tor. Die niederländischen Touristen winkten Freunden zu, mit denen sie fünf Tage in Berlin Urlaub machen. Dass heute vor 50 Jahren hier eine nicht zu passierende Grenze aufgebaut worden ist, wussten sie nicht. Aber "schade, dass uns das hier nicht gesagt worden ist". Und sie wundern sich darüber, dass die für Mittag geplante Schweigeminute nicht gemeinsam im Rahmen einer Zeremonie begangen wurde.

Mit der Meinung ist das Ehepaar Toosen nicht allein. Auf der Suche nach Gemeinschaft fanden sich fünf Minuten vor der Gedenkminute etwa 50 Menschen vor der kleinen Bühne des Berliner CDU-Bürgermeisterkandidaten Frank Henkel auf dem Platz des 18. März ein. "Huch, ich habe sogar überzogen", sagt Ingeborg Hradezki. Ihre Uhr zeigt schon drei Minuten nach 12 Uhr an. Aber das sei es ihr wert. Als junges Mädchen ist die 64-Jährige mit ihrer Familie in den Westen nach Schwäbisch Hall gezogen. "Das war nur ein paar Monate, bevor die Grenze schloss." Stille herrschte um 12 Uhr auch beim Radiosender 104.6 RTL. Die Mitarbeiter schwiegen - on Air.

Warum nur so wenige Menschen an der Schweigeminute teilnehmen, erklärt sich Marlies Fritzsche so: "Für mich ist der Tag des Mauerfalls viel bedeutender." Da könne die 88-Jährige die Freiheit ihrer Geburtsstadt feiern. Das sehen die Besucher des Potsdamer Platzes offenbar genauso. Niemand schweigt um 12 Uhr, und auch die BVG-Busse fahren durch die Häuserschluchten.

In der Joachimstaler Straße/Ecke Kurfürstendamm ist ebenfalls wenig zu spüren. Am Kranzler-Eck der gewohnte Markt der Weltanschauungen: Papstgegner, Scientologen und die FDP werben mit Info-Ständen im Passantengewühl um Aufmerksamkeit. Ein rüstiger Rentner im Freizeitdress. Sein Blick scheint etwas zu suchen, das er aber nicht zu finden scheint. "Ja, ich dachte, hier ist ein guter Platz für die Schweigeminute", sagt er. Wolfgang Kresin, Jahrgang 1935, pensionierter Schriftsetzer, ist Berliner in vierter Generation, hat den Bau der Mauer und ihren Fall in Berlin erlebt. Es wird 12 Uhr. Die Leute gehen weiter, die Busse halten nicht an, die Videogroßleinwand zeigt eine Autowerbung. Nur wer ganz genau hinschaut, sieht einige - zumeist ältere Männer wie Wolfgang Kresin - den Blickkontakt mit anderen suchen. Einige Blicke treffen sich, Einverständnis, man weiß, warum man hier ist.

Am Alexanderplatz stand Berlin um 12 Uhr ebenfalls nicht still. Die S- und Straßenbahnen fuhren weiter, und aus dem Gettoblaster einer Breakdance-Gruppe plärrte Musik. Menschen, die offenkundig dem Mauerbau gedacht haben, gab es keine. Die Passantin Sophie S. (21) aus Weißensee war an der Weltzeituhr verabredet - und merkte nichts von einer Schweigeminute. "Ich habe im Radio davon gehört." Eigentlich wollte sie eine Minute lang schweigen. "Aber nur, wenn andere mitgemacht hätten."