Kommentar

Unfähig zur kritischen Bilanz

Auf die Linke ist ideologisch Verlass. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus hat ihre Vorsitzende Gesine Lötzsch diesen nicht als Strafmaßnahme gegen das DDR-Staatsvolk, sondern als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. Da bekommt der Schießbefehl noch historische Gravität.

Der Zweite Weltkrieg hatte viele Folgen, nicht alle waren gerecht oder gar demokratisch legitimiert. So hat die Polen niemand gefragt, ob sie dem Sowjetblock zugeschlagen werden wollten. Aber um eine solche Diskussion geht es Lötzsch gar nicht. Für sie steht an Jahrestagen wie dem 13. August die politische Legitimität der DDR und damit indirekt auch die Existenzberechtigung der SED-Nachfolgepartei auf dem Spiel. Es ist nicht das erste Mal, dass Lötzsch dem "realen Sozialismus" nachträglich etwas Positives abgewinnt. Die "Wege zum Kommunismus" könnten nur gefunden werden, "wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren", schwadronierte sie Anfang des Jahres. Unbekümmerter kann man über die Millionen Opfer des Stalinismus kaum hinwegreden - nach dieser Logik hätten auch Stalin und Pol Pot nur ein bisschen herumprobiert, was eine Gesellschaft zu tragen imstande ist. Experiment gelungen - Patienten tot.

Lötzschs Ausfälle zeigen, dass die Linke zu einer kritischen Bilanz der sozialistischen Geschichte nicht fähig und willens ist. Da hilft auch keine Schadensbegrenzung Gregor Gysis, der die Mauer als "zutiefst inhuman" kennzeichnete. In der Partei aber wird eher so gedacht, wie es die Vorsitzende vormacht. Die Frage ist, wie lange die SPD, die in Berlin und Brandenburg mit der Linken koaliert und in NRW auf deren Unterstützung spekuliert, solche Töne noch tolerieren will. Der Bundespräsident will den 13. August als Mahnung zum Aufbegehren gegen totalitäres Denken verstanden wissen. In Potsdam, Berlin und Düsseldorf könnte man damit anfangen.