Interview

"In England gibt es eine schädliche Winner-Loser-Kultur"

Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer untersucht seit Jahren die Ursachen von Jugendgewalt. Die Probleme der Klassengesellschaft in Großbritannien sind ihm vertraut. Florian Kain sprach mit dem Wissenschaftler über die Motive der Randalierer, die Rolle der Jugendarbeitslosigkeit und die Unterschiede zwischen England und Deutschland.

Berliner Morgenpost: Herr Professor Pfeiffer, wer sind die Randalierer von England, und was treibt sie an?

Christian Pfeiffer: Für eine umfassende Analyse ist es noch zu früh, denn niemand hatte bislang die Chance, sich über die Festgenommenen einen genauen Überblick zu verschaffen. Aber man kann schon davon ausgehen, dass es sich dabei zu einem beachtlichen Teil um kriminelle Jugendliche handelt, die hier die Chance sehen, Konsumwünsche illegal zu befriedigen.

Berliner Morgenpost: Warum ist ausgerechnet Großbritannien Ort dieser Unruhen?

Christian Pfeiffer: England ist von einer schädlichen Winner-Loser-Kultur geprägt, und das schon seit Langem. England hat es schlicht versäumt, junge Migranten zu integrieren. Auch die Polizei wurde nicht stark genug hochgehalten, die Kürzungen der letzten Jahre machen sich jetzt auf einen Schlag brutal bemerkbar. Und England hat es darüber hinaus auch noch versäumt, für einen anderen Umgang der Familien mit ihren Kindern Sorge zu tragen. Die meisten anderen europäischen Länder haben hervorragende Resultate bei der Bekämpfung der Jugendgewalt auch dadurch erzielen können, dass sie wie Deutschland das väterliche Züchtigungsrecht abgeschafft haben. Bei uns geht die Jugendgewalt an Schulen und außerhalb inzwischen spürbar zurück. Es ist eine zentrale politische Dummheit der Briten, dass sie prügelnden Vätern keinen Einhalt gebieten wollen.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Problem der Jugendarbeitslosigkeit?

Christian Pfeiffer: Sie spielt insoweit eine Rolle, als eine große Zahl von jungen Menschen da ist, die bereit ist, als Mitläufer mit einzusteigen, wo sich etwas holen lässt - im Wortsinn, was die Diebstähle angeht, aber auch im übertragenen Sinn. Um denen da oben mal zu zeigen, wie frustriert man ist. Allerdings haben die arbeitslosen Jugendlichen die Krawalle nicht ausgelöst, nur finden sich nun unter den Mitläufern besonders viele. Die Randale ist eindeutig Ausdruck der sozialen Verhältnisse, aus denen diese Menschen stammen. Davon muss man allein schon wegen der Orte ausgehen, in denen die Proteste besonders stark sind. Ungünstige Rahmenbedingungen in Kindheit und Jugend, Arbeitslosigkeit und eine daraus resultierende hohe Frustration über das eigene Leben treiben die Menschen zur Gewalt.

Berliner Morgenpost: Ist das ein rein britisches Problem?

Christian Pfeiffer: Auch in Berlin oder Hamburg finden Sie in bestimmten Kreisen Jugendliche, denen zuzutrauen ist, dass sie sich an solchen kriminellen Aktionen beteiligen. Aber die Situation ist nicht ansatzweise so schlimm wie in England. Sie würden hier übrigens auch keinen Politiker finden, der sich wie Premier Cameron hinstellt und ankündigt, das Problem allein mit Repressionen in den Griff kriegen zu wollen. Natürlich müssen die Kontrollen für den Augenblick verschärft werden, das ist klar. Aber in Deutschland bestreiten auch konservative Politiker nicht mehr, dass es wichtig ist, in Bildung zu investieren. Je besser arabisch- und türkischstämmige Jugendliche bildungsmäßig integriert sind, desto niedriger ist ihre Gewaltrate. Diese Erkenntnis ist in England bislang nicht angekommen. Ich weiß noch genau: Als ich vor zwei Jahren als Sachverständiger im Ober- und Unterhaus des britischen Parlaments jeweils eine Stunde Zeit hatte, um den Stand der Forschung darzulegen, da stieß ich auf allgemeines Erstaunen. Vieles ist überhaupt noch nicht in den Köpfen der Politiker angekommen. Das hat auch damit zu tun, dass in England wissenschaftliche Erkenntnisse in der Politik generell weniger beachtet werden.

Berliner Morgenpost: Sind die Vorfälle in London auch Ausdruck einer Form von Kapitalismuskritik?

Christian Pfeiffer: Nein, das ist purer Aktionismus, der sich hier austobt, ohne irgendein politisches Programm. Es gibt keine Pamphlete, keine Flugblätter, keine Forderungen wie die nach der Verstaatlichung der Banken. Das hätten manche vielleicht gerne, aber dieser Protest ist ein unpolitischer.