Krawalle in England

"Die hatten Spaß dabei, lachten und scherzten"

Dilshini Mendis hat in der Nacht zum Dienstag kaum ein Auge zugetan. Gemeinsam mit ihren Eltern verbarrikadierte sie sich in ihrer Wohnung in London-Ealing. "Wir hatten Angst, dass sie zurückkommen", sagt die 27-jährige Frau aus Sri Lanka, die seit fünf Jahren in Ealing lebt. Eigentlich ist Ealing ein beschaulicher Bezirk am westlichen Rand der britischen Hauptstadt.

Gepflegte Häuser, viele Grünflächen und wenig Aufregung. Die Leute sind bürgerlich, weder besonders reich noch besonders arm und gehen ihrem geregelten Leben nach.

Ganz anders die Nacht zum Dienstag. Mendis hatte früh ihr Büro im Londoner Osten verlassen, weil es dort schon ab dem Nachmittag zu Ausschreitungen kam. "Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und dachte natürlich, in Ealing werde ich außer Gefahr sein." Als sie gegen 19.30 Uhr in der Wohnung ihrer Eltern eintraf, sah die Familie im Fernsehen, dass auch ihr friedliches Ealing nicht mehr sicher ist. "Es war unglaublich. In der Hauptstraße, nur wenige Minuten von uns entfernt, schlugen vermummte Jugendliche Scheiben ein, warfen Steine, räumten die Läden leer, fackelten Autos ab", sagt Mendis. Als sie nach ihrem eigenen Auto vor dem Haus schauten, war es schon zu spät. Der Mob war bereits durch ihre ruhige Wohnstraße gezogen. Den VW Beetle der Familie Mendis hatten die Randalierer komplett zerschlagen, ebenso wie fast alle anderen Autos und die Fensterscheiben der Häuser. "Die Leute standen auf den Straßen und weinten. Wieso tun Menschen so etwas?"

Katz und Maus mit der Polizei

Diese Frage stellen sich heute die meisten Londoner. In der dritten Nacht in Folge kam es in der britischen Hauptstadt am Montag zu schweren Ausschreitungen, die sich über die ganze Stadt verteilten. Obwohl 6000 Polizisten im Einsatz waren, konnten die Beamten der Krawalle nicht Herr werden. Weil vor ihren Häusern Anarchie herrschte, verbarrikadierten sich viele Menschen in ihnen. Aus acht Stadtvierteln in allen Teilen der Stadt gab es Berichte über Gewalt, Brände und Plünderungen: von Ealing im Westen bis Hackney im Osten, von Croydon im Süden bis Camden im Norden. Britische Versicherer rechneten mit Schäden von mehreren Dutzend Millionen Pfund. Die Krawalle waren erstmals am Sonnabend ausgebrochen, als ein zunächst friedlicher Protest im Stadtteil Tottenham gegen die Erschießung eines Mannes durch die Polizei in Gewalt umschlug.

Am Montagabend schienen die randalierenden Jugendlichen mit der Polizei Katz und Maus zu spielen. Sobald die Beamten in einem Stadtteil ankamen, zog der Mob weiter. Wenn die Beamten in einem Vorort eintrafen, war es meistens schon zu spät. Häuser brannten, Geschäfte waren bis aufs hinterste Regal ausgeräumt. Wegen der chaotischen Situation auf den Straßen hatte auch die Feuerwehr Probleme, zu den Bränden zu gelangen. Ein BBC-Helikopter filmte aus der Luft, wie gegen 21 Uhr ein Möbelgeschäft in Croydon Feuer fing. Vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern brannte das Gebäude ab. Als ein erster Löschwagen nach rund 20 Minuten eintraf, stand der ganze Häuserblock in Flammen. Eine Frau konnte sich nur durch einen Sprung aus ihrem Fenster vor dem Feuertod retten.

Im 20-Minuten-Takt zeigten die Nachrichtensender BBC und SkyNews den amtierenden Londoner Polizeichef Tim Godwin. Er forderte die Bevölkerung auf, die Straßen zu verlassen. Eltern sollten sich nach ihren Kindern erkundigen und sie nach Hause holen. "Es sind viel zu viele Schaulustige auf den Straßen", sagte er. Premierminister David Cameron brach seinen Urlaub in der Toskana ab. Für die Nacht zum Mittwoch kündigte er an, die Polizeikräfte nochmals deutlich auf 16 000 aufzustocken. Bisher seien 450 Randalierer festgenommen worden. Es sei noch mit deutlich mehr Festnahmen zu rechnen.

Die Angst geht auch im Rest des Landes um. Am Montagabend griffen die Ausschreitungen auf andere Städte über. In Birmingham, Bristol und Liverpool kam es zu Krawallen und Plünderungen. Am schlimmsten traf es aber die britische Hauptstadt, in der sich die Gewalt am Montag erstmals gegen Passanten richtete. In Südlondon wurde ein Mann von seinem Motorrad gerissen. Etwa ein Dutzend Randalierer schlugen auf den Mann ein und klauten sein Motorrad. Im Südlondoner Stadtteil Peckham wartete eine Frau in ihrem Auto an einer Ampel, als Vermummte ihre Tür aufrissen, sie aus dem Wagen drängten und davonfuhren. Gegen zwei Uhr nachts kaperten 15 Jugendliche einen Doppeldeckerbus in Ealing und fuhren ihn wenig später zu Schrott. Der Busfahrer kam mit einem Schock davon. Noch weitgehend ungeklärt sind die Todesumstände eines 26-jährigen Mannes, der in seinem Auto im Londoner Stadtteil Croydon angeschossen wurde. Er starb einige Stunden später im Krankenhaus. Ob er selber zu den Randalierern gehörte oder nur ein Passant war, dazu konnte die Polizei zunächst nichts sagen.

Fassungslosigkeit herrscht in London vor allem darüber, wie weitgehend ungestört die Jugendgruppen durch die Stadt ziehen konnten. Anders als in den ersten zwei Nächten beschränkten sich die Krawalle nicht mehr nur auf sozial schwache Bezirke, sondern betrafen auch gutbürgerliche Wohnviertel, die bislang als sehr sicher galten. Viele Teile Londons wirkten wie ein rechtsfreier Raum, bei dem sich jeder einfach nehmen konnte, was er wollte. Möglich war das, weil die Krawallmacher über die Kommunikationsplattform Blackberry Messenger Informationen austauschten. Das Smartphone Blackberry ist bei Londoner Jugendlichen wegen dieses kostenlosen SMS-Dienstes sehr beliebt. Die Polizei konnte nicht mitlesen, wo der Mob als Nächstes hinzog.

"Dann werdet ihr erstochen"

Cormac Breen wurde gegen 21 Uhr am Montagabend von Geschrei und klirrenden Scheiben aufgeschreckt. Der 48 Jahre alte Programmierer lebt in der Haupteinkaufsstraße des Südlondoner Stadtteils Clapham. Der Bezirk mit seinen Cafés und Ökoläden ähnelt Prenzlauer Berg. Vor allem trendbewusste, junge Erwachsene aus der Medien- und Werbeszene leben hier. Als Breen auf die Straße trat, erkannte er die Gegend nicht wieder. "Hunderte von Jugendlichen, oft nicht älter als 13 oder 14 Jahre, räumten in aller Seelenruhe die Elektrogeschäfte aus." Viele hätten sich nicht mal die Mühe gemacht, ihr Gesicht zu verhüllen. "Die hatten Spaß dabei, lachten und scherzten." Von der Polizei war dagegen nichts zu sehen.

Etwa 200 verzweifelte Passanten beobachteten die Szene aus einigen Metern Entfernung. Einige wollten eingreifen. "Ein älterer Schwarzer, der einen Laden in der Nähe hat, hielt uns davon ab", sagt Breen. "Der Mann sagte: Wenn ihr da rübergeht, werdet ihr erstochen." Stattdessen bildeten die 200 Anwohner eine dichte Menschenkette, um die Randalierer nicht weiter in ihre Richtung kommen zu lassen. Breen wohnt direkt über einem Alkoholgeschäft. "Ich hatte Angst, dass mein Haus abgefackelt wird." Als die Polizei schließlich nach knapp zwei Stunden eintraf, empfingen Breen und seine Nachbarn die Beamten mit Applaus. Er habe keinen Groll gegen die Polizisten. "Ich bin sicher, sie kamen, so schnell sie konnten."