Schuldenkrise

Telefonkonferenzen, Sondersitzungen, Beratungen

Politiker beiderseits des Atlantiks haben am Wochenende verzweifelt versucht, den Schaden, den sie selbst angerichtet haben, zu begrenzen. Denn angesichts der sich zäh dahinziehenden Euro-Krise und dem Geschacher in der US-Schuldenkrise haben die Märkte offenbar das Vertrauen in die Politik verloren - das haben die Kursstürze der vergangenen Woche überdeutlich gezeigt.

Inzwischen fürchten Ökonomen, dass eine lang anhaltende Panik an den Märkten auch die Konjunktur hierzulande gefährden könnte. Die Abstufung der US-Bonität am Freitagabend (Ortszeit) hat diese Gefahr noch einmal verschärft.

Joachim Scheide, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW), befürchtet, dass die schlechtere Bewertung der USA den bisher robusten Aufschwung hierzulande gefährden könnte. "Es kann sein, dass sich durch die Herabstufung der Bonität die Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen abschwächt", sagt Scheide. Dann würden die Zinsen in den USA steigen - zur Unzeit. Denn die dortige Wirtschaft, die lange Zeit als Motor der Weltwirtschaft galt, hat sich von der Finanzkrise immer noch nicht erholt und kämpft weiterhin mit großen Strukturproblemen: Das Wirtschaftswachstum war in den ersten sechs Monaten weit schwächer als erwartet, und das Land kämpft mit der im historischen Vergleich sehr hohen Arbeitslosigkeit. "Höhere Zinsen würden die amerikanische Konjunktur abwürgen", sagt Scheide. "Das würde auf die Welt ausstrahlen und natürlich auch auf Deutschland."

Er ist nicht der einzige Ökonom, der die Abstufung mit Sorge betrachtet. Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, glaubt zwar nicht daran, dass der Appetit der Anleger auf US-Staatsanleihen nachlassen wird. Er fürchtet aber, dass die Diskussion über die Kreditwürdigkeit der USA das Vertrauen der amerikanischen Verbraucher und Unternehmen in die eigene Regierung und die US-Volkswirtschaft stark beschädigt: "Die Diskussion kann weiter auf die Stimmung der Unternehmen und Haushalte schlagen und dazu führen, dass sie Investitionen und einige größere Käufe vorerst zurückstellen. Damit würde die Konjunktur einen weiteren Dämpfer erhalten, sowohl in den USA als auch bei uns."

Volkswirtschaften laufen heiß

Zumal auch andere wichtige Volkswirtschaften im Moment mit großen Problemen kämpfen. Die stark wachsenden Schwellenländer, die in den vergangenen Monaten die Weltkonjunktur gestützt haben, drohen Opfer ihres eigenen ökonomischen Erfolgs zu werden: Die Volkswirtschaften laufen heiß, die Inflation galoppiert. Telefonkonferenzen, Sondersitzungen, Beratungen hinter verschlossenen Türen: Die Politik muss dagegenhalten und mit höheren Zinsen das Wachstum dämpfen. In Europa kämpfen die Volkswirtschaften mit schwachem Wachstum.

Das gilt besonders für die hoch verschuldeten Krisenstaaten Griechenland, Italien, Spanien und Irland, die aggressive Sparprogramme aufgelegt haben, um die Märkte zu beruhigen. Denn die Schuldenkrise in Europa treibt Anleger weiter um: "Die Sorgen um die US-Konjunktur und die Schulden in den USA sind ein Grund für den Absturz an den Börsen", sagt Carsten Brzeski, leitender Volkswirt bei der belgischen Bank ING. "Aber dazu kommt noch die Schuldenkrise in Europa, von der die Märkte stark verunsichert werden."

Die europäische Politik hat deshalb am Wochenende alles darangesetzt, die Anleger zu beruhigen. Die Europäische Zentralbank (EZB) schaltete sich am Sonntagabend zu einer Sonderkonferenz zusammen. Die Notenbanker wollten darüber beraten, ob sie italienische und spanische Staatsanleihen aufkaufen, um den beiden Schuldenstaaten bei der Staatsfinanzierung unter die Arme zu greifen. Trichet teilte nach den Beratungen zunächst nur mit, die EZB wolle ihr Anleihenkaufprogramm "aktiv umsetzten". Bislang leisteten vor allem Bundesbank-Chef Jens Weidmann und andere nordeuropäische Notenbanker Widerstand gegen das Anleihekaufprogramm, mit dem die EZB seit vergangenem Jahr überschuldete Mitglieder wie Griechenland, Portugal und Irland flüssig hält. "Statt nun italienische Anleihen aufzukaufen, sollte die EZB ihre Bestände an den Rettungsschirm EFSF überführen. Das ist die richtige Institution für Interventionen. Vor allem gerät dann die EZB nicht in Gefahr, von der Finanzpolitik überrollt zu werden", sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), der Berliner Morgenpost.

Italien ist mit 1,9 Billionen Euro Staatsschulden der drittgrößte Schuldner der Welt. Ein Aufkauf italienischer Staatsanleihen könnte anders als der Erwerb griechischer oder irischer Anleihen schnell zum Fass ohne Boden für die EZB werden. Eine Person aus dem Umfeld der EZB sagte der Berliner Morgenpost: Wenn die EZB jetzt italienische Papiere aufkaufe, ohne dass es überhaupt die Möglichkeit eines Programms für Italien gibt, dann ist das keine Überbrückung, sondern monetäre Defizitfinanzierung auf Dauer.