Fluglotsenstreik

Machtkampf um die Lufthoheit im Tower

Eigentlich, sagt Roman Glöckner, habe er einen Traumberuf. Und er kenne auch unter seinen Kollegen keinen, der das nicht so sieht. Der 45-Jährige ist Fluglotse, einer von insgesamt 55, die an den Berliner Flughäfen in Tegel und Schönefeld die Jets dirigieren. Fluglotse, das ist einer der bestbezahlten, aber auch verantwortungsvollsten Jobs im Land.

Abhängig von den Berufsjahren verdienen die Lotsen, ohne die in Deutschland faktisch kein Passagierjet abheben oder landen kann, zwischen 70 000 und 130 000 Euro im Jahr. Zuzüglich Zuschlägen für Nacht- und Sonntagseinsätze. Und trotz des nicht gerade geringen Salärs will Glöckner wie viele seiner Kollegen - erstmals in der Geschichte der bundeseigenen Deutschen Flugsicherung (DFS) - streiken.

Am heutigen Donnerstag wird er das noch nicht müssen. Das Arbeitsgericht in Frankfurt/Main hatte am Mittwochabend den Arbeitskampf per einstweiliger Verfügung untersagt. Die Fluglotsen waren unverzüglich in Berufung gegangen. Doch die Verhandlung darüber, die um 21.30 Uhr beginnen sollte, ging ohne ein Urteil zu Ende. Die Fluglotsen zogen "aus Rücksicht auf die Fluggäste" ihre Streikdrohung zurück. Die Arbeitgeber sahen die Grundlage für die einstweilige Verfügung nicht mehr und löschten diese - das gleiche Mittel können sie so noch einmal anwenden, sollten die Fluglotsen neuerlich mit Streik drohen. Die halten nämlich grundsätzlich an ihrer Streikabsicht fest. "Man sieht sich sicher wieder", sagte der Richter Rainer Bram zum Schluss der Verhandlung.

Die Gewerkschaft der Flugsicherung will die Tower in Deutschland von sechs bis zwölf Uhr bestreiken. Rund 40 000 Passagiere wären allein in Berlin betroffen gewesen, bundesweit 630 000. Und das mitten in der Hauptferienzeit. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) warnte angesichts dieses Szenarios bereits vor einem Streik "auf dem Rücken vieler Urlauber". Zudem seien mit unter anderem durchschnittlich 120 000 Euro Jahresgehalt "die Arbeitsbedingungen ja nicht gerade sehr schlecht".

Pause nach zwei Stunden Arbeit

Dafür muss ein Fluglotse zwischen 26 und 37 Stunden in der Woche hoch konzentriert arbeiten. Im Schichtdienst darf er nicht länger als zwei Stunden am Stück vor dem Radarschirm sitzen. Nach fünf Arbeitstagen hat er drei freie Tage. Der Job in den Kontrollzentren oder im Tower kennt in 365 Tagen keine Pause, keinen festen Wochenrhythmus. Bei Urlaub, bei der Krankenversicherung oder bei der Rente setzt dieser Berufsstand Maßstäbe - sehr hohe.

Genau darum geht es in dem Streit zwischen den Fluglotsen und ihrem Arbeitgeber, der Deutschen Flugsicherung: Die Gewerkschaft will all diese Standards festschreiben und für die Zukunft sichern. Mehr noch: Weil die Arbeitnehmervertreter fürchten, dass die Deutsche Flugsicherung eines Tages mit anderen europäischen Flugsicherungen zusammengehen könnte, wollen sie sich wichtigen Einfluss auf Personalentscheidungen sichern. Etwa bei diesen Fragen: Welches Gehalt wird für welche Tätigkeit in der Flugsicherung gezahlt? Wer kann wann zu welchem Job aufsteigen? Wer wechselt in den außertariflichen Bereich? Was nach Streit um mehr Gehalt aussieht, ist tatsächlich ein Kampf um den Einfluss der starken Gewerkschaft. Sie vertritt 80 Prozent der gut 2000 Fluglotsen und insgesamt 3200 der 5900 Beschäftigten bei der Flugsicherung.

"Natürlich geht es dabei auch um mehr Geld, aber hauptsächlich wollen wir die strukturellen Probleme, die alle Mitarbeiter der Deutschen Flugsicherung betreffen, lösen", sagt Fluglotse und GdF-Mitglied Glöckner. "Wenn es nur um die Vergütung ginge, dann hätten wir keine Eskalation", sagt Axel Raab, Sprecher der Deutschen Flugsicherung. Die Gewerkschaft will 6,5 Prozent für die nächsten zwölf Monate mehr bekommen - betont dabei aber, dass es sich um eine Forderung handele und eben nicht um das letzte Wort. Auch die Arbeitgeberseite klingt ähnlich: Beim Gehalt wäre eine Lösung sicher möglich. Geboten sind 3,2 Prozent plus eine Einmalzahlung von 0,8 Prozent des Bruttojahresgehalts.

Die Deutsche Flugsicherung hat schon einige Umbauten erlebt. Bisher ist es Flugsicherungschef Dieter Kaden gelungen, dass die Beschäftigten seinen Modernisierungskurs mitgetragen haben. Der 66-Jährige leitet das Unternehmen seit 20 Jahren, er hat es aus der Behörde heraus zu einer der weltweit besten Flugsicherungen gemacht. Zwar sind seine Pläne, das Unternehmen aus dem Bundesbesitz herauszulösen und zu privatisieren, vor fünf Jahren am Veto des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler gescheitert, aber auch das hat das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern nicht über Gebühr belastet.

Das ist jetzt anders, wegen der strukturellen Probleme und wahrscheinlich auch wegen der Europäischen Union. So wehren sich die Gewerkschafter gegen das Ansinnen ihres Arbeitgebers, den Personalmangel durch mehr Überstunden ausgleichen zu wollen. Die DFS will höhere Gehälter für die Fluglotsen an die Zusage koppeln, dass diese 150 bis 250 Überstunden im Jahr ableisten. Bisher sind 150 Stunden vereinbart, die Gewerkschaft will die Zahl auf 80 verringern. Mehr Überstunden seien "weder gut für die Gesundheit der Kollegen, noch dient das der Sicherheit der Flugreisenden", sagt Glöckner.

Für ihn sind Personalengpässe hausgemacht. "Als es noch die Absicht gab, die Flugsicherung zu privatisieren, wurde das Unternehmen schlank gerechnet. Dazu gehörte auch, dass die Ausbildung von Nachwuchs stark verringert wurde", sagt Glöckner. Nach dem 11. September 2001 seien dann nur noch 20 bis 30 Fluglotsen pro Jahr ausgebildet worden. In den vergangenen Jahren habe es dann einen erheblichen Aufschwung im gesamten europäischen Luftverkehr gegeben. Nun würden Fluglotsen fehlen.

Weit darüber hinaus geht es aber auch um die Zukunft der Deutschen Flugsicherung in Europa. Die Europäische Union will die Arbeit der Fluglotsen einheitlich gestalten. Sie will die teilweise hohen und unterschiedlichen Gebühren in Europa anpassen. Die Flugsicherung will deshalb innerhalb der nächsten drei Jahre 180 Millionen Euro sparen.

Unternehmenschef Kaden will darüber mit seinen europäischen Konkurrenten reden. Er sieht sich in der Position der Stärke. Schließlich gehört sein Unternehmen zu den wenigen nationalen Flugsicherungen, die nicht vom Staat alimentiert werden. Die Gewerkschaft will dagegen über eine europäische Perspektive nicht reden. "Die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist", sagt ein Manager der Flugsicherung.

Glöckner hat Verständnis für die Sorgen der Reisenden, sieht aber dennoch keinen Grund, von den Streikplänen wieder abzurücken. "Das Streikrecht als Mittel des Arbeitskampfes ist im Grundgesetz verankert, und es gilt für alle Beschäftigten, von der Putzfrau bis zum Fluglotsen."