USA

Die Weltwirtschaftsmacht schwächelt dramatisch

"Wenn die US-Wirtschaft hustet, bekommen Europa und Deutschland eine Lungenentzündung" - das galt über Jahrzehnte. Deshalb wurde das innenpolitische Gezerre in den USA um das Ausmaß der Staatsschulden weltweit mit Spannung beobachtet.

Die Sorge: Jedes größere US-Problem könnte quasi automatisch zu einem Problem für die Weltwirtschaft werden. Einige Ökonomen verglichen die Schuldenkrise gar mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die im Herbst 2008 eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auslöste.

In welcher Verfassung ist die Wirtschaftsmacht?

Die US-Wirtschaft schwächelt seit Jahren. Schon vor der Rezession 2009 wuchs sie mit recht geringen Raten: 2,7 Prozent 2006, 1,9 Prozent 2007, Stagnation 2008. Nach dem Einbruch 2009 hielt sich das Wachstumstempo ebenfalls in Grenzen, und das, obwohl die Regierung von Präsident Barack Obama sowie die US-Notenbank Fed Milliarden an frischem Geld in den Kreislauf pumpten, um die Wirtschaft in Gang zu bringen. Bislang einziges Ergebnis: ein wachsender Schuldenberg und steigende Inflation.

Hat das Folgen für Europa und Deutschland?

Aktuell keine - im Gegenteil: In Deutschland läuft, mit Wachstumsraten von mehr als drei Prozent 2010 und 2011, ein stabiler Aufschwung. Damit hat die größte europäische Volkswirtschaft die Amerikaner in puncto Konjunktur überholt. Ökonomen, wie der ehemalige Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, Martin Hüfner, sprechen bereits von einer Abkopplung des ganzen Euro-Raums. Zwar läuft es in anderen Ländern des Euro-Raums nicht so gut wie in Deutschland, das liegt aber an hausgemachten Problemen: Vor allem den südeuropäischen Ländern fehlt die Wirtschaftskraft, sich dauerhaft aus der Rezession herauszuarbeiten. Auch die Euro-Schuldenkrise lastet schwer.

Wie wichtig sind die Vereinigten Staaten für die Weltwirtschaft?

Die USA sind immer noch die Wirtschaftsmacht Nummer eins in der Welt. Aber ihre Bedeutung nimmt ab. Mitte der Achtzigerjahre und dann noch einmal zu Beginn des neuen Jahrtausends hatten die USA noch einen Anteil von rund einem Drittel an der weltweiten Wirtschaftsleistung. Inzwischen sind es rund 23 Prozent - Tendenz abnehmend. Nach den Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte der Anteil 2016 nur noch bei etwas mehr als 20 Prozent liegen. Auf längere Sicht dürften sich die Gewichte noch dramatischer verschieben: China gilt als neue Nummer eins in der Weltwirtschaft; auch Indien und andere asiatische Volkswirtschaften gewinnen an Gewicht.

Und wie sieht das aus deutscher Sicht aus?

Auch da zeichnet sich deutlich ab, dass die Bedeutung der US-Wirtschaft abnimmt. In den Sechziger- und Siebzigerjahren gingen noch bis zu 14 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA. Der Anteil hat sich inzwischen mehr als halbiert. Deswegen ist auch der Dollar-Kurs für Deutschland längst nicht mehr so wichtig wie früher. Im vergangenen Jahr exportierten deutsche Firmen Waren und Dienstleistungen im Wert von 65,6 Milliarden Euro in die USA, 6,8 Prozent des gesamten Exportwerts von 959,5 Milliarden Euro. Als Abnehmer viel wichtiger ist unser europäischer Nachbar Frankreich (9,5 Prozent). Am stärksten nach vorn kam in den vergangenen Jahren China (5,6 Prozent), dessen Anteil an den deutschen Ausfuhren sich binnen 15 Jahren mehr als verdoppelt hat, Tendenz steigend.

Was unterscheidet die Schuldenkrise in Griechenland und in den USA?

Ganz klar die Größe und die Leistungsfähigkeit von Staat und Ökonomie in den Vereinigten Staaten. Denn anders als Griechenland stehen die Amerikaner nicht vor der Pleite. Selbst wenn sich Obama und die Republikaner nicht geeinigt hätten, wären die USA nicht wirklich bankrott gewesen. Sie hätten nur keine Kredite mehr aufnehmen dürfen. 1995 hatte Bill Clinton, damals US-Präsident, in einer ähnlichen Situation Staatsbeschäftigte für mehrere Wochen in Zwangsurlaub schicken müssen, die Schulden aber weiter bedient.

Welche Folgen hätte das für die Wirtschaft gehabt?

"Für die jeweils Betroffenen waren das schwierige Zeiten. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten hielten sich jedoch in Grenzen", sagt der ehemalige Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, Martin Hüfner. Andere Volkswirte sind dagegen wesentlich skeptischer. Sie hatten eine Vertrauenskrise an den Finanzmärkten erwartet - was in eine schwere Wirtschaftskrise hätte münden können.