Das ungelöste Rätsel um den Todesschuss

Es war die zeithistorische Sensation des Jahrzehnts. Ausgerechnet der Berliner Kriminalbeamte Karl-Heinz Kurras, der Todesschütze von Benno Ohnesorg, hatte zwölf Jahre lang für die Stasi gespitzelt.

Als seine umfangreiche Akte im Mai 2009 bekannt wurde, war klar, dass mindestens die Geschichte der "68er-Bewegung" umgeschrieben werden muss, vielleicht sogar größere Teil der bundesdeutschen Geschichte.

Denn Kurras und sein tödlicher Schuss hatten der Linken stets als Beleg dafür gedient, dass die Bundesrepublik und besonders West-Berlin Ende der Sechzigerjahre schon wieder "präfaschistisch" seien. Ohne die Ereignisse nahe der Deutschen Oper am 2. Juni 1967 hätte es wohl keine Studentenbewegung gegeben und mit Sicherheit keinen Linksterrorismus der Rote-Armee-Fraktion. An jenem Tag demonstrierten Studenten gegen Schah Resa Pahlewi, der im Rahmen eines Staatsbesuchs in der Bundesrepublik nach West-Berlin gekommen war. Mit dem Tod Ohnesorgs begann die Radikalisierung der Linken in Deutschland.

Doch auch zwei Jahre nach der Enttarnung ist unklar, was in dem Handgemenge im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67 wirklich passiert ist. Kurras selbst behauptete vor Gericht und seither bei jeder Gelegenheit, er habe "in Notwehr" geschossen, oder ihm sei seine Waffe "versehentlich" losgegangen. Beides hatte ihm schon 1968 sein Richter Friedrich Geus nicht abgenommen. Doch das Gegenteil beweisen konnte die Staatsanwaltschaft auch nicht - deshalb blieb damals nur der Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Nach der Enttarnung des IM "Otto Bohl", so Kurras' selbst gewählter Deckname, kursierten wilde Spekulationen. Hatte die Stasi etwa selbst den tödlichen Schuss angeordnet? Doch die Akten widerlegten diese Vermutung als haltlos: Als damals einige Tage nach dem tödlichen Schuss der Name des Schützen durchsickerte, gerieten sein Führungsoffizier und die oberen Etagen der Staatssicherheit in höchste Aufregung. Außerdem hätten die Geheimdienstler niemals ihren besten Agenten in der West-Berliner Polizei derartig fahrlässig in Gefahr gebracht.

Warum also schoss Kurras dann? Eine Notwehrsituation kann, nach Durchsicht aller Vernehmungsprotokolle der überraschend vielen Zeugen im Hof des Hauses, darunter ein halbes Dutzend Journalisten, ausgeschlossen werden. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass Kurras die Waffe "aus Versehen" losging, denn er war ein hervorragender Schütze und Waffennarr, der seine Pistole perfekt beherrschte.

Also muss er bewusst geschossen haben - nur warum? Zwei Erklärungen bieten sich an. Er wollte durch einen Schuss auf einen beliebigen Demonstranten auf eigene Initiative die ohnehin schon angespannte Lage in West-Berlin weiter verschärfen. Er mag dabei gehofft haben, dass der Korpsgeist der West-Berliner Polizei ihn schützen würde - doch er hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet ein Polizist zum Kronzeugen der Anklage werden würde.

Die andere Möglichkeit ist, dass er bewusst auf Ohnesorg schoss, allerdings dennoch auf den "falschen" Mann. Nur wenige Wochen zuvor hatte Kurras der Stasi verraten, dass ihr Spitzel Bernd Ohnesorge sich in West-Berlin offenbart hatte. Kurras kannte den Fall nur aus der Akte und wusste nicht, wie Ohnesorge aussah. Natürlich konnte es auch Zufall sein, dass er ausgerechnet den fast namensgleichen Benno Ohnesorg tötete. Belege allerdings gibt es weder für die eine noch für die andere Erklärung.

So kann wohl nur einer die wahren Hintergründe des folgenreichen Todesschusses am 2. Juni 1967 aufklären: der Täter selbst. Doch hier gibt es nicht viel Grund zur Hoffnung: Karl-Heinz Kurras, inzwischen 83 Jahre alt, lebt heute in Spandau und gibt fast nur noch wirres Zeug von sich. Vielleicht glaubt er nach 44 Jahren tatsächlich, in Notwehr geschossen zu haben. Wahrscheinlich also wird es für immer ungeklärt bleiben, warum Benno Ohnesorg sterben musste.