Berliner Spaziergang

Das Wunschkind

| Lesedauer: 14 Minuten
Sören Kittel

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Vladimir Malakhov, Tänzer, Choreograf und Intendant des Staatsballetts

Mit geschlossenen Augen liegt Vladimir Malakhov im Gras vor dem Schiller-Theater und wünscht sich, dass sich eine Wolke vor die Sonne schiebt. Erst wenn die Sonne ganz hinter der Wolke verschwunden ist, sagt er, werde er die Augen wieder öffnen. Es klingt, als würde er zur Sonne sagen: "Ich kann so nicht arbeiten!" Dabei verpasst er gerade auch nicht so viel, die Bismarckstraße ist an diesem Tag besonders unattraktiv, die Sonne gibt sich zwar alle Mühe, schönes Licht auf die kantigen Gebäuden zu werfen, aber die lärmenden Personenkraft- oder Lastkraftwagen dominieren das Bild.

Wohl deshalb hat der Fotograf Martin Lengemann den Tänzer Vladimir Malakhov darum gebeten, sich ins Gras zu legen. In diesem entspannten Moment erzählt Malakhov davon, wie alles angefangen hat mit ihm und seinem Tanz auf dieser Welt: Es war am russischen Weihnachtstag, dem 7. Januar 1968, in Kriwoj Rog, einer mittelgroßen Stadt etwas abseits der Straße von Odessa nach Kiew in der heutigen Ukraine. Am frühen Nachmittag, gegen 14 Uhr, wird er geboren, seine Mutter hat ihm das erzählt, auch, dass am Tag seiner Geburt die Wolken plötzlich aufrissen und dass sie sich direkt bei Gott etwas wünschen konnte. Malakhov sagt, die Menschen in der Ukraine seien alle etwas abergläubisch. Die Mutter hatte nur zwei Wünsche: Zum einen, dass ihr Sohn möglichst schnell aus ihr herauskommen solle - und zum anderen, das er es zu etwas bringen solle.

Vladimir Malakhov ist heute der wohl berühmteste Balletttänzer der Welt. Er hat auf fast allen wichtigen Bühnen der Welt getanzt, New York, London, Paris und Berlin. In Japan wurde er gerade wieder zum Besten Tänzer gekührt. Seit dem Jahr 2002 ist er Ballettdirektor der Staatsoper Berlin und seit 2004 nicht nur der Intendant des Staatsballetts Berlin, sondern auch Choreograf und der bekannteste Tänzer des Ensembles. Die Kritiken sind zwar gerade nicht mehr nur positiv, manche werfen ihm vor, mit 43 Jahren könne er keine tragenden Tanzrollen mehr übernehmen. Das Publikum hat Malakhov aber noch immer auf seiner Seite, die Zuschauer werfen Blumen, rufen "Da capo". Die 117 Vorstellungen im Jahr 2010 waren zu 82,6 Prozent ausverkauft. Andere Ballettintendanten wünschen sich solche Zahlen.

Kein Wunder, dass er gut gelaunt aus der Deutschen Oper tritt, pünktlich zur vereinbarten Zeit. Er hat Lust auf diesen Spaziergang, sagt er. Seine Ferien haben begonnen, seit dem 18. Juni hat er keine Vorstellung mehr getanzt. "Ganz im Ernst: Nach neun Stunden Herumhüpfen hätte ich keine Lust, auch nur einen Meter spazieren zu gehen." Mit Herumhüpfen meint er hartes Training, schon hier zeigt sich seine Leichtigkeit, auf den Alltag zu blicken. In der Hand schwenkt er eine Papiertüte mit der Aufschrift "Demel". "Meine Lieblingsbäckerei in Wien", sagt er. "Wenn ich einmal mit diesem Süßkram anfange, kann ich nicht mehr aufhören."

"Kaffee macht mich traurig"

Sein Freizeitlook ist dunkel, er sieht dezent edel aus. Sein schwarzes T-Shirt liegt so eng an, dass es seine Muskeln betont. Sein Oberkörper hat nichts mit Fitnessstudio-Idealen zu tun. Diese Muskeln müssen keine Gewichte stemmen, sondern Frauen heben und Handstände halten. Auf seiner Brust ist ein Männergesicht abgebildet. Als ich frage, wer das sei, macht er eine Pause, gerade so lang, dass ich noch selbst hätte darauf kommen können. Dann antwortet er nicht, sondern fragt: "Giorgio Armani?" Ich sage "Ahja, klar" und um abzulenken frage ich gleich weiter:

Jacket? "Jean-Paul Gaultier."

Hose? "Jean-Paul Gaultier."

Gürtel? "Comme des Garçons."

Schuhe? "Weiß ich nicht."

Nachdem wir das geklärt haben, schlägt er als Route einen Gang zum Schiller-Theater vor. Dort in der Nähe könnten wir noch in einem Café sitzen. Obwohl: Kaffee trinkt er nie. Er sagt: "Ich hasse Kaffee, wenn ich ihn trinke, werde ich ganz traurig." Einmal hat er am Abend vor einem Auftritt in New York einen Cappuccino getrunken. "Mir wurde gesagt, der sei entkoffeiniert, war er aber nicht." Er konnte nicht schlafen und hätte beinahe die Show vermasselt, die Konzentration war weg. Geholfen hat damals jener Satz, den er auf Russisch vor Auftritten flüstert. Das bringe ihm Glück, sagt er. Welchen Satz? Der sei geheim, aber er stehe in der Bibel. "Nicht im Evangelium, weiter hinten."

Und schon sind wir wieder bei ganz anderen Themen. Gut gelaunt erzählt er von seinem Urlaub in Jordanien, für den er gerade die Tickets abgeholt hat ("Ich werde wie ein toter Fisch im Meer liegen"), von seinen japanischen Zigaretten Marke Frontier ("Die schmecken eigentlich nur nach Luft") und von dem neuen iPhone: "Laut meinem Vertrag bekomme ich sofort nach Erscheinen eines zugeschickt." Munter springt er zwischen Themen hin und her, alles kann Inspiration für ihn sein, das hat nichts Kindisches, aber etwas Kindliches, Unverstelltes: Vladimir Malakhov hat das Staunen nicht verlernt.

Als wir an dem japanischen Restaurant "Sushi Berlin" vorbeilaufen, winkt er der Frau hinter der Theke zu. Sie winkt zurück, und kurz darauf lädt ihn noch eine gewisse Carola zu sich ein. Sie sagt: "Komm auf einen Prosecco vorbei!" Charlottenburg, am frühen Nachmittag. Obwohl er am Gendarmenmarkt eine Wohnung hat, ist das hier seine zweite Heimat geworden. Vorbei an einem Supermarkt, bei dem er oft nachts noch einkauft, einem Casino, in dem er noch nie war, und Geschäften, in denen Dinge wie Küchenzeilen, Lattenroste und Kaminöfen verkauft werden. Den Straßenlärm hört er nicht mehr, selbst als ein Geldtransporter von Polizeisirenen begleitet vorbeifährt, schaut er kaum hin. Dafür reagiert er bei jeder kleinsten Vibration in seiner Hosentasche. Er sagt entschuldigend: "Oh, mein Telefon!" und geht immer ran - es sei denn, die Nummer ist unterdrückt.

Als es wieder einmal klingelt, hebt er es ans Ohr und ruft laut auf die Straße: "Christiane! Hast du schon gehört, dass Roland Petit gestorben ist?" Christiane Theobald ist seine Stellvertreterin als Intendantin, und Roland Petit war ein großer französischer Choreograf. "Ja, er ist 87 geworden, aber mehr weiß ich auch noch nicht." Gedankenverloren berührt er seine Kette mit dem Kreuz und spricht weiter: "Meine Freunde aus Moskau haben mir das gesagt, und ich wollte dich gleich anrufen, aber es war schon sehr spät." Danach sagt er einige Male "Ja" und verabschiedet sich von Christiane mit Küssen durchs Telefon, das er dafür vor seinen Mund hält: "Muah! Muah!"

Er habe viele Freunde in Berlin, sagt er. Einige davon sind auch Kollegen in seinem Ensemble. Mit ihnen verbringt er regelmäßig lange Abende in seiner Wohnung. Dann sitzen sie auf seinem Balkon, neben ihnen ein kleiner Teich mit echten Seerosen, und sie essen ein Gericht, das er selbst gekocht hat. Diese Abende sind ihm wichtig, und nein, er habe kein Problem, diese Kollegen am nächsten Tag zu kritisieren, wenn sie nicht seinen Anforderungen entsprechen. Sein Leitspruch ist: "Wer Qualität will, muss streng sein."

Ich frage ihn nach der Kette, die er beim Gespräch mit Christiane Theobald berührt hat. Er sagt, der Kreuzanhänger sei von seiner Mutter, er bedeute ihm viel. Er trägt noch eine zweite Kette, einen Talisman. Ein Freund habe ihn für ihn angefertigt, nachdem er zum ersten Mal "Romeo und Julia" getanzt habe. "Die beiden Edelsteine an der Kette symbolisieren Tränen, eine für Romeo, eine für Julia." Dass sie Glück bringe, müsse man einfach glauben, das sei wie bei dem Bibel-Satz.

Plötzlich sind die Ketten vergessen, und Malakhov läuft auf etwas Kleines am Boden zu. Er ruft: "Ooooh, nein!" Eine Wespe liegt am Wegrand, über die er sich besorgt beugt. Das Insekt hat offenbar Probleme mit der Orientierung, windet sich auf dem Rücken. Nach wenigen Sekunden aber rappelt die Wespe sich auf und fliegt an Malakhov elegant vorbei in Richtung Deutscher Oper.

Zu Tieren, sagt er, hatte er schon immer ein besonderes Verhältnis. "Als Kind wollte ich Tierarzt werden." Momentan bekommen seine Hunde Bonnie und Lucky all seine Zuneigung. Er hat sich gerade nach sieben Jahren von seinem Lebenspartner getrennt und verbringt auch deshalb viel Zeit mit den beiden. Er nennt sie "die Katastrophenhunde", weil der eine am Tag des Attentats auf das World Trade Center in New York geboren wurde und der andere am Tag des Tsunami in Asien.

Vladimir Malakhov, auch das wird an diesem Vormittag klar, liegt die große Geste: Es ist nicht nur das Gestikulieren oder die übertriebene Sorge um ein Insekt, sondern auch, was er erzählt. Schon seine Geburtsgeschichte klang dramatisch: die Wolken, die Sonne, der Wunsch. Das passt zu einem Künstler, der gewohnt ist, auf der Bühne sein Inneres nach außen zu kehren. Das Ausdrucksmittel von Tänzern ist ihr ganzer Körper. Jede ihrer Bewegungen soll im vierten Rang noch zu sehen sein. Manche Russen nennen ihn noch heute "den fliegenden Vladimir".

Dort, an der Moskauer Ballettschule, hatte er eine harte Schulzeit überstehen müssen. Diesen Maßstab legt er noch heute an alle seine Tänzer an, auch in Berlin. Im April dieses Jahres hat er das auf einer Pressekonferenz wieder deutlich gemacht, als er die Staatliche Ballettschule Berlin kritisierte. Die Qualität dort stimme nicht. Die Tänzer seien talentiert, aber nicht in Form. Dabei habe er kein Problem, die jüngere Generation neben sich hochkommen zu sehen, sagt er. Wie lange er weitermacht, lässt er aber offen. "Vielleicht ein Jahr, drei oder fünf", sagt er. "Vielleicht höre ich morgen schon auf." Das sagt er seit Jahren auf diese Frage.

"Ich bin eben abergläubisch"

Am Schiller-Theater angekommen, kurz bevor er sich ins Gras legen soll, erzählt er von einer neuen Leidenschaft: Seit zwei Jahren sammelt er Porzellanfiguren, hat inzwischen um die 200 bemalte Tänzer im Regal, von bekannten Marken wie Rosenthal und Meißener Porzellan, aber auch von kleinen Herstellern in den USA oder in Osteuropa. Ihm gefällt an den Figuren vor allem die Zerbrechlichkeit, die man ihnen ansehe. Sie erinnern ihn an seine eigenen Posen, die er beim Tanz einnimmt.

Noch nie ist ihm eine heruntergefallen, aber vor ein paar Monaten kam ein Paket bei ihm an, in dem eine bestellte Statue genau an der Hüfte in zwei Teile zerbrochen war. Der Rumpf lag getrennt von den Beinen. Ein befreundeter Restaurator hat den Porzellantänzer geflickt, und nur er und Malakhov wissen heute, an welcher Stelle einmal der Riss durch den Körper ging.

Wenn er durch Antiquariate in der Welt streift, kauft er sich nur solche Statuen, deren Bewegungen nicht eingefroren wirken. "Sie müssen so aussehen, als ob sie jeden Augenblick weitertanzen könnten." Dann macht er es vor: Er streckt beide Arme auf Hüfthöhe nach links, stellt die Beine über Kreuz, es ist die klassische Schwanensee-Haltung. Er bleibt so für eine Sekunde - und wirft sich auf das Gras. "Ich bin sicher, die Figuren bewegen sich, wenn ich schlafe." Sein Aberglaube begleitet ihn auch ins Bett.

In seine ukainische Heimat Kriwoj Rog fliegt er heute nur selten, öfter nach Sankt Petersburg, dort wohnt sein Zahnarzt. Doch er vermisst seinen Großvater Vladimir, nach dem er benannt wurde und seinen Neffen Vladimir, der nach ihm benannt wurde. Mit dessen Vater, seinem Bruder, ist er sehr eng, obwohl der Profifußballer ist. Malakhov hat schon so oft gesagt, wie hässlich er diesen Sport findet. Sein Neffe wiederum ist inzwischen Tennisprofi, Listenzweiter in der Ukraine. Der kleine "Vladi" ist elf Jahre alt und fliegt heute genauso um die Welt wie sein Onkel in dem Alter.

Als wir fast am Ernst-Reuter-Platz angekommen sind, steht dort ein dunkler Mercedes S-Klasse am Straßenrand. Malakhov rennt darauf zu, fast unkontrolliert. Er berührt den Kofferraum und schließt seine Augen. Er zeigt auf das Nummernschild: ein Berliner Kennzeichen und die Zahlen 3333. "Das ist eine Glückszahl!", ruft er. "Man kann sich etwas wünschen!" Er wisse nicht, ob es für Deutsche funktioniere. Bei ihm immer.