Hungerkatastrophe

Jenseits der Menschlichkeit

Die Bilder gehen nicht mehr aus ihrem Kopf. Wie könnten sie auch, sie wiederholen sich täglich vor ihren Augen. Frauen, die auf der Straße zusammenbrechen und vor den Augen ihrer Kinder sterben. Männer, die in ihrer Verzweiflung Gras und verwesene Tiere essen. Mediziner, die immer weitermachen, jeden Tag aufs Neue.

Der Körper und das Herz gehorchen, obwohl der Verstand längst mahnt, alle Hoffnung sei verloren. Amina Abdis Stimme klingt schwach. Sie flüstert fast, als sie am Telefon von ihrem täglich schwieriger werdenden Kampf erzählt. "Man macht Tag für Tag weiter", sagt die Ärztin. "Aber ich werde mit jeder Behandlung müder." Der Körper und das Herz gehorchen, obwohl der Verstand längst mahnt, alle Hoffnung sei verloren. Zu oft haben ihre Augen Tote auf der Straße liegen sehen.

Katastrophe absehbar

Die 31-Jährige betreibt zusammen mit ihrer Schwester Deqo (35) und Mutter Hawa (65) ein Krankenhaus in Afgooye, etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt von der umkämpften Hauptstadt Mogadischu. Als die Berliner Morgenpost im Januar zum ersten Mal über die mutige Familie berichtete, war schon absehbar, dass sich ohne internationale Hilfe eine ähnliche Katastrophe wie 1992 wiederholen könnte. Damals starben 300 000 Menschen durch den Hunger am Horn von Afrika. "Wir sind auf dem Weg zu so einer Tragödie", sagt Amina Abdi nun, "wir behandeln in unserer Klinik 2000 Menschen täglich, aber sie sterben uns unter den Händen weg. Wir müssen viele abweisen."

Elf Millionen Menschen in Ostafrika sind nach Angaben der Vereinten Nationen von der Dürre betroffen, die nach zwei äußerst dürftigen Regenzeiten in Folge entstanden ist. 3,7 Millionen davon leben alleine in Somalia, und 2,2 Millionen konnten bislang nicht unterstützt werden. Solche Zahlen machen das Leid des Einzelnen fast unsichtbar.

Wenn man Abdi zuhört, scheint es, als fühle sie Schuld für jeden Patienten, den sie nicht aufnehmen kann. Sie hat Tausende Leben retten können, im Kopf aber bleiben die anderen haften. Diejenigen, denen der Bürgerkrieg nicht genug Leben gelassen hat, als dass Medizin es hätte erhalten können. Und in Abdis Stimme mischt sich Wut. Sie klingt in jedem Wort mit. Sie könnte sich gegen die islamistische Terrororganisation al-Schabab richten. Aber sagen kann Abdi das nicht: "Ich verliere nur mit politischen Stellungnahmen. Das ist sehr gefährlich", sagt sie, wenn man fragt. "Wir verhalten uns neutral, damit können wir hier am meisten erreichen." Kurz schweigt sie, dann bahnen sich die Gefühle doch noch ihren Weg: "Es gibt keine Menschlichkeit in Somalia."

Mehr noch als die Dürre sind in vielen somalischen Gebieten die Extremisten für das Massensterben verantwortlich. Am Mittwoch haben die Vereinten Nationen eine Luftbrücke gestartet, mit der die Bevölkerung direkt mit Nahrung versorgt werden soll. Der Start war ursprünglich schon für Dienstag geplant, doch die Herausforderungen sind gewaltig. Wie kann man sicherstellen, dass die Lieferungen nicht in die Hände von al-Schabab fallen? Die UN und Hilfsorganisationen arbeiten an einem System im Chaos.

Das bleibt schwierig, obwohl sich die internationale Gemeinschaft langsam bewegt. Deutschland etwa hat seine Zahlungen für die Nothilfe auf 30 Millionen Euro verdoppelt. Ziel bleibt es, den gewaltigen Ansturm auf die Flüchtlingslager in Kenia und Äthiopien zu bremsen. Die meisten Hilfsorganisationen haben das Land aus Sicherheitsgründen verlassen, das Welternährungsprogramm der UN zog auf Druck von al-Schabab seine Helfer aus dem Süden des Landes ab. Ärzte ohne Grenzen zog sich im Februar aus Mogadischu zurück, weil die Organisation die tägliche Lebensgefahr nicht länger verantworten konnte.

Verblendete Haltung

Die Islamisten wollen ihre Gebiete frei von westlichem Einfluss halten. Darunter fassen sie seit 2009 auch die meisten Hilfsleistungen - selbst wenn das den Tod Tausender Landsleute bedeutet. Es ist eine verblendete Haltung: In dieser Woche führten die al-Schabab ein Handels- und Verzehrverbot für Samosas ein. Die dreieckige Form der Teigtaschen erinnere an die Heilige Dreifaltigkeit der christlichen Theologie. Überraschen konnte das niemanden. Al-Schabab betreibt eine Herrschaft des Schreckens: Ihre Macht verteidigen die Anführer mit Gewalt, die Organisation brüstet sich regelrecht damit, auch Kinder zu rekrutieren. Wer das äußerst streng ausgelegte islamische Recht, die somalische Scharia, verletzt, wird bisweilen gesteinigt oder bekommt die Hände abgehackt, selbst das Hören von Musik oder Sport ist verboten.

Die Abdis haben sich dem Wahnsinn immer widersetzt. Sie gaben nicht einmal auf, als Islamisten das Krankenhaus im Mai 2010 überfielen und Mutter Hawa Abdi unter Hausarrest stellten. Eine Frau als Leiterin des Krankenhauses, auf dessen Grundstück 90 000 Menschen Zuflucht suchen, sei mit der Scharia unvereinbar. Es war letztlich das vermeintlich so schwache Volk, das gegen die Schließung des Krankenhauses demonstrierte. Die bewaffneten Männer mussten sich zurückziehen.

Wäre Somalia bloß mehr derartige Kraft verblieben. Amina Abdi hat lange gekämpft, sie hat auf der ganzen Welt Unterstützung für die Hawa-Abdi-Stiftung gesucht. Nun droht auch sie die letzte Kraft zu verlieren: "Es gibt viele private Spender. Wir haben es aber auch immer wieder bei den UN versucht und wurden immer wieder abgewiesen, obwohl wir sie jetzt am nötigsten hätten", erzählt sie. Es gebe in Somalia ein Sprichwort: "Wenn sie dich nicht stehend sehen, dann sehen sie dich auch nicht, wenn du auf dem Boden liegst." Dann bittet sie um Entschuldigung, sie müsse das Gespräch beenden. Zurück an die Arbeit. Leben retten. Irgendwie.

Hier können Sie spenden

Caritas Konto 202; Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe; BLZ 660 205 00

DRK Konto 41 41 41; Bank für Sozialwirtschaft; BLZ 370 205 00

Diakonie Katastrophenhilfe Konto 50 27 07; Postbank Stuttgart; BLZ 600 100 70

Kennwort ist jeweils "Ostafrika"

Plan International Konto 00 01 62 32 07; Postbank, BLZ 200 100 20; Stichwort: "Dürre Ostafrika"