Interview

"Wir bräuchten mehr politischen Druck"

Am Horn von Afrika leiden Millionen Hunger, Eltern müssen ihren Kindern beim Sterben zusehen, Milizen terrorisieren die Region. Besonders verzweifelt ist die Lage in Somalia. Carolin Brühl sprach mit Dr. Tankred Stöbe, dem Vorstandsvorsitzenden der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.

Berliner Morgenpost: Hilfsorganisationen sprechen von einem "logistischen Albtraum". Was macht den Einsatz am Horn von Afrika so schwierig?

Berliner Morgenpost: Man muss ein bisschen unterscheiden, die Logistik in Kenia ist relativ viel leichter, auch wenn das Lager Dadaab in einer Steinwüste im Norden Kenias in einem relativ unwirtlichen Gebiet liegt, aber was uns wirklich Sorgen macht, ist die Situation ins Somalia. Dort können eben schon seit langer Zeit keine internationalen Mitarbeiter mehr hin. Wir haben dort 1400 somalische Mitarbeiter, die unsere Projekte fortsetzen. Die berichten von einem deutlichen Anstieg der unterernährten Kinder. Die Rebellen hatten ja erst angekündigt, sie würden internationale Hilfe ins Land lassen. Im Moment ist das aber doch nicht der Fall. Das behindert uns.

Berliner Morgenpost: Den hungernden Menschen soll nun mittels einer Luftbrücke des Welternährungsprogramms (WFP) geholfen werden. Kommt die Hilfe denn dort an, wo sie gebraucht wird?

Berliner Morgenpost: Wir beteiligen uns daran nicht. Deswegen ist für mich eine Einschätzung schwierig. Ich habe aber meine Zweifel, ob dieses Gießkannenprinzip so sinnvoll ist. Es ist nicht klar, ob die Hilfe wirklich die Bedürftigen erreicht oder vielleicht sogar den Falschen zugutekommt. Das scheint sehr unkontrolliert.

Berliner Morgenpost: Was wäre denn sinnvoller?

Berliner Morgenpost: Das Problem in Somalia ist, dass man keine Ansprechpartner hat. Es funktioniert keine Absprache, es gibt kein politisches System, mit dem man nach normalen Maßstäben verhandeln könnte. Wir bräuchten mehr politischen Druck. Wenn nichts hilft, dann hilft möglicherweise auch eine Luftbrücke, aber es sollte vor allem weiter gezielte Hilfe angestrebt werden.

Berliner Morgenpost: Wäre der Einsatz der Bundeswehr oder anderer internationaler Truppen hilfreich, um den Helfenden den Rücken frei zu halten?

Berliner Morgenpost: Wir sind strikt dagegen, militärische Einsätze und humanitäre Hilfe zu vermischen. Wir glauben im Moment auch nicht, dass dieser Konflikt militärisch gelöst werden kann. Das hier ist eine humanitäre Krise, es ist überwiegend die Zivilbevölkerung betroffen, und da glauben wir, dass es nötig ist, zivile Hilfsmaßnahmen zu leisten.

Berliner Morgenpost: Und wenn die Milizen die Hilfsaktionen behindern?

Berliner Morgenpost: Wir haben nur einmal während des Genozids in Ruanda nach militärischer Intervention gerufen. Das war eine andere Situation. Das hier ist eine große humanitäre Krise, die sollte mit zivilen Mitteln gelöst werden. Der Ruf nach Militär ist, wie ich glaube, nicht sinnvoll.