Terroranschlag

Die stille Trauer der Norweger

Der König ist pünktlich. Um genau 11 Uhr schreitet Harald V. an der Seite seiner Frau Sonja und seiner Tochter Märtha Louise in die Osloer Domkirche, an deren Wänden sich Fotografen drücken. Das Gotteshaus ist bis auf den letzten Platz besetzt, seit Stunden schon. Als das norwegische Staatsoberhaupt eintritt, erheben sich alle von den Bänken.

Das Schluchzen, das leise Weinen auf den vorderen Bänken, auf denen die Angehörigen sitzen, verstummt für einen Augenblick.

Es folgen: Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der Bischof, die Bischöfin. Die gesamte geistige und geistliche Elite des Landes ist versammelt, samt einem winzigen Teil des Volkes - denjenigen, die mindestens 90 Minuten vorher in der Kirche waren und dort bei schweißtreibenden Temperaturen ihren Platz verteidigt haben. Doch die Hitze ist den Menschen heute völlig egal. Das Fernsehen überträgt live, Scheinwerfer beleuchten den Altar, eine Kamera schwenkt an einem beweglichen Arm von der Empore auf und ab. Draußen drängen sich Zuschauer, die einen Platz zum Trauern suchen, Blumen vor der Kirche ablegen oder nur die Prominenz bewundern wollen. Aber kein Laut ist zu hören.

Aus der normalen "Høymesse", dem sonntägliche Gottesdienst in der Prachtkirche am Hauptbahnhof, wurde eine "Messe für Leid und Hoffnung", wie das Programmheft ausweist. Es wurde auch ein bisschen mehr daraus. Es wurde eine politische Demonstration, eine Selbstvergewisserung einer verwundeten Nation und der Versuch, einem sinnlosen und grausamen Verbrechen etwas entgegenzusetzen: das norwegische Zusammengehörigkeitsgefühl, gespeist aus Vaterlandsliebe und Werten wie Offenheit und Demokratie.

Dieser Gottesdienst, ein erster Meilenstein auf dem Weg der nationalen Krisenbewältigung, zeigte, wie lang der Weg sein wird. Der Ministerpräsident kannte viele der Toten, die am Zeltlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF teilnahmen. "Heute wollen wir anhalten und uns Zeit nehmen, zu trauern", sagte Stoltenberg.

"Es ist nicht zu begreifen"

"Einer, der jetzt fehlt, ist Tore Eikeland", sagt Stoltenberg. "Er war Chef des AUF in Hordaland und einer unserer talentiertesten Jugendpolitiker. Ich erinnere mich, als er einen ganzen Parteitag der Arbeiterpartei zum Jubeln brachte, als er eine Rede gegen die EU-Postdirektive hielt - und gewann. Jetzt ist er tot. Für immer fort. Es ist nicht zu begreifen", sagt der Ministerpräsident.

Norwegens Regierungschef weiß, dass er jetzt nicht nur zu Hinterbliebenen spricht. Er redet zur Welt. Stoltenberg will sich und sein Land erklären, er verspricht, dass Norwegen weiter gut bleibt. "Wir sind ein kleines Land, aber ein stolzes Volk", sagt er. "Mitten in der ganzen Tragik bin ich stolz darauf, in einem Land zu wohnen, das in einer kritischen Zeit aufrecht stehen bleibt. Ich bin beeindruckt von so viel Würde, Trauer und Festigkeit, die mir begegnet sind", so Stoltenberg. "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität. Aber niemals mehr Naivität."

Bereits am Sonnabend erklärte König Harald in einer Fernsehansprache, dass "Freiheit wichtiger als Furcht ist". Norwegen sei "von einer nationalen Katastrophe getroffen worden, die Tat ist ein Angriff auf die norwegische Gesellschaft und den Kern der Demokratie". Weiter sagte das Staatsoberhaupt: "In solchen Situationen stehen wir fest zu unseren Werten, wir stehen fest zu unserer Überzeugung, in einem freien und sicheren Land zu wohnen."

Zu viel Naivität?

Die Frage, ob im Vorfeld der Attentate nicht doch ein wenig Naivität im Spiel war, dürfte allerdings in der nächsten Zeit zu Diskussionen führen. In kaum einem anderen europäischen Land jedenfalls ist es möglich, ein mit Sprengstoff beladenes Auto direkt vor dem Sitz des Regierungschefs abzustellen und sich unauffällig-auffällig in einer falschen Polizeiuniform vom Ort des Geschehens zu entfernen. Stoltenberg selbst beklagte sich 2006, dass ihm die Polizei verbieten würde, mit dem Mountainbike ohne Personenschutz zur Arbeit zu fahren. Bis dahin radelte er immer ins Büro. Kurz zuvor blickte die Welt auf Norwegen, als es ein paar gewöhnlichen Gelegenheitsgaunern gelang, zwei berühmte Bilder von Edvard Munch aus dem gleichnamigen Museum zu stehlen. Die Kunstwerke im Millionenwert hingen so gut wie ungesichert an der Wand. "Ein Skandal", schäumte die Presse damals. Aber ein Bild klauen? In Norwegen? Offenbar undenkbar.

Egal, ob man es naiv, offen oder friedliebend nennt - es ist diese Haltung, die es möglich macht, dass jeder ungehindert durch das Zentrum der Macht in Oslo fahren oder gehen konnte. Wie die Regierung künftig arbeiten wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Das Gebäude, in dem das Justizministerium und der Ministerpräsident sitzen, ist so schwer beschädigt, dass mittlerweile über einen Abriss gesprochen wird. Selbst eine Sanierung würde Monate dauern, heißt es.

Bevor aber eine Entscheidung über die Zukunft der schwer beschädigten Gebäude getroffen werden kann, muss die Polizei erst die Spurensicherung abschließen. Bis auf Weiteres ist das Regierungsviertel abgeriegelt und nur für handverlesene Kriminalisten begehbar - ein norwegischer Ground Zero. Die Zeitung "Aftenposten" zeigte das beinah zerstörte Stoltenberg-Haus am Sonnabend in einer Perspektive, die an die Bilder des Wolkenkratzer-Stumpfs des World Trade Center erinnerte. Ein anderes Blatt titelte nur "22-7", in Anspielung auf "9/11", die verheerenden Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Stoltenberg selbst spricht stets "vom schlimmsten Angriff auf Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg".

Mögen die Vergleiche auch hinken, zeigen sie doch, wie sehr das Land sich um Einordnung bemüht, um Vergleiche, um Erklärungen. Noch bleiben solche Vorstöße an der Oberfläche stecken. Denn der Weltkrieg wurde dem Land von Deutschland aufgezwungen, und al-Qaida ist mitnichten ein Geschöpf der USA. Der Massenmörder Anders B. hingegen war ein Norweger, und bis Donnerstag ein völlig unauffälliger. Sein Anwalt Geir Lippestad hat bestätigt, dass B. zugegeben hat, hinter den Angriffen auf das Regierungsviertel und das Zeltlager gestanden zu haben. Lippestad zufolge hat sein Klient auch Angaben zum Motiv gemacht, aber es sei "schwierig, darüber zu sprechen". Er müsse sich "erst einmal hinsetzen und darüber nachdenken".

Kein übliches Erklärungsmuster

Ist B. der typische Verrückte, der durchgeknallte Waffennarr, verschwörungstheoretischem Wahnsinn verfallen? Mit den Erklärungsmustern der forensischen Psychologie allein ist dem Phänomen anscheinend nicht beizukommen: "Der Täter ist nicht verrückt im psychiatrischen Sinn", sagt Leif Waage, ein Spezialist für klinische Psychologie am Universitätskrankenhaus Haukeland, der Zeitung "Aftenposten". Er habe seine Taten lange und absichtsvoll geplant und dann kaltblütig umgesetzt. "Er wirkt nicht so, als sei er ein Patient, der verwirrt oder psychotisch ist", sagt Waage, der mehrere Mörder als Psychiater begutachtet hat.

Gewaltforscherin Ragnhild Bjørnebekk meint dagegen, dass es sich bei B. um einen "politischen oder ideologischen Psychopathen" handele. "Er ist ein zynischer Mensch, der extrem an sich selbst glaubt und seine Taten ideologisch rechtfertigen möchte", sagt Bjørnebekk, die an der Politikhochschule in Oslo lehrt.

Während die Erklärungsversuche in alle Richtungen weiter getrieben werden, steigt die Opferzahl weiter an. In der Nacht zu Sonntag verstarb ein weiteres Opfer, damit tötete B. 86 Menschen. Weitere 66 liegen zum Teil noch schwer verletzt im Krankenhaus. Und immer noch vermissen die Behörden vier oder fünf Jugendliche.

Die ersten 90 Minuten des offiziellen Trauerwegs enden um 12.30 Uhr. Zu den Orgelklängen von Albinonis "Adagio" verlässt die Königsfamilie die Kirche, einige Minuten später kommt Stoltenberg heraus. Immer noch stehen die Menschen vor der Domkirche, das Blumenmeer wächst weiter an. Kein Laut ist zu hören. Am Eingang fallen sich Jugendliche in die Arme und weinen leise.