Interview

"Der Attentäter muss voller Wut und Hass sein"

Christian Lüdke, Psychotherapeut in Essen, ist spezialisiert auf die Behandlung von Trauma-Patienten und betreute Opfer und Angehörige der Terroranschläge von New York. Über das Attentat in Norwegen sprach mit ihm Claudia Ehrenstein.

Berliner Morgenpost: Wie kaltblütig muss ein Mensch sein, um auf wehrlose Kinder und Jugendliche zu schießen?

Christian Lüdke: Der Attentäter muss voller Wut und Hass sein. Ungewöhnlich ist, dass er verschiedene Methoden des Tötens kombiniert. Erst das anonyme Töten durch die Bombe in Oslo. Dann tötet er auf der Insel Utøya eiskalt von Angesicht zu Angesicht. Besonders brutal ist, dass er sich als Polizist verkleidet, um seine Opfer ganz nahe an sich heranzulocken. Er schaut ihnen in die Augen und fängt dann an zu schießen.

Berliner Morgenpost: Warum hat sich Anders Breivik nach der Tat nicht selbst umgebracht?

Christian Lüdke: Bei einem Amoklauf inszeniert der Täter seinen Selbstmord oder provoziert die Polizei, ihn zu erschießen. Das war kein Amoklauf. Der Täter lässt sich festnehmen. Aus seinen Äußerungen im Internet wissen wir, dass er sich als Held sieht. Er ist völlig davon überzeugt, richtig zu handeln.

Berliner Morgenpost: Er will am Leben bleiben und eine Botschaft loswerden?

Christian Lüdke: Das genau ist Teil seines Plans. Er will seine rechtsradikale Ideologie verbreiten. Eine Ideologie, die stark von ihm geprägt ist. Von entsprechenden Organisationen hat er sich ja wieder distanziert, weil sie ihm nicht radikal genug waren. Ihn treibt offensichtlich die Vision, das Land und die ganze Welt befreien zu müssen. Das ist in meinen Augen wahnhaft.

Berliner Morgenpost: Wie kommt es zu einem solchen wahnhaften Verhalten?

Christian Lüdke: Möglicherweise musste er frühzeitig begreifen, dass er seine Ideen nicht verwirklichen kann - weder in einem Verein noch in einer Partei. Innerlich fühlt er sich zutiefst ohnmächtig und hilflos. Er distanziert sich von der Gesellschaft und zieht sich allmählich in seine radikale Fantasiewelt zurück. Mit seiner Tat verwandelt er das Gefühl von Ohnmacht in ein kurzzeitiges Erleben von Allmacht: das Gefühl, Herr über Leben und Tod zu sein.

Berliner Morgenpost: Anders Breivik hat auf Mädchen und Jungen geschossen, die schon verletzt am Boden lagen.

Christian Lüdke: Das ist grauenvoll und nur mit einer psychischen Störung zu erklären. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, Menschen zu töten. Es kann geschehen, dass Menschen im Affekt wie von Sinnen einen anderen Menschen töten. Dieser Täter handelte nach einem inneren Drehbuch. Über Jahre hat er sich im Verborgenen vorbereitet - und offensichtlich hat niemand etwas bemerkt. Schon die Planung muss ihm ein Gefühl von Allmacht gegeben haben.

Berliner Morgenpost: Auf Fotos sieht Anders Breivik ziemlich nett und harmlos aus. Ist das Teil seiner Inszenierung?

Christian Lüdke: Der Täter wirkt wenig bedrohlich, eher sympathisch. Genau das will er erreichen und verharmlost damit das, was er getan hat. Er will zeigen, dass er kein harter und brutaler Typ ist. Das Signal soll sein: Ich bin einer von euch, und ich bin gekommen, um euch zu retten. Auch darin sehe ich wahnhafte Züge.

Berliner Morgenpost: Anders Breivik will seine Tat bei einem Hafttermin öffentlich begründen.

Christian Lüdke: Dann würde er ja genau das Forum erhalten, das er gesucht hat. Ich würde den Täter komplett von der Öffentlichkeit abschotten und in eine dunkle Zelle sperren. Wer eine solch kaltblütig geplante Tat begeht, hat das Recht verwirkt, an dieser Gesellschaft teilzunehmen.

Berliner Morgenpost: Kann sich die Gesellschaft vor solchen furchtbaren Attentaten schützen?

Christian Lüdke: Ich fürchte, wir müssen mit diesem Risiko leben. Es gibt keine absolute Sicherheit. Mir machen aber nicht so sehr die Menschen Angst, die auffällig werden, sondern die tickenden Zeitbomben, die unauffällig unter uns leben und denen wir nicht ansehen, was sie vorhaben.

Berliner Morgenpost: Wie reagieren die Verwandten und Freunde der Opfer auf das schreckliche Geschehen?

Christian Lüdke: Am leichtesten fällt es, den Tod eines Angehörigen durch eine Naturkatastrophe wie den Tsunami zu akzeptieren. Dann wird die Ursache der Natur zugeschrieben. Studien zeigen, dass in solchen Fällen nur zwei Prozent der Betroffenen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Sehr viel schwieriger ist es, mit der Sinnlosigkeit einer Gewalttat weiterzuleben. Die Eltern der ermordeten Jugendlichen in Norwegen sind nicht zu trösten. Ihre Kinder sind vor ihnen und zudem noch eines gewaltsamen Todes gestorben. Schlimmer geht es nicht.