Berliner Spaziergang

Vom Schiffsjungen zum Wirtschaftskapitän

Es ist ein Wiedersehen nach 62 Jahren. Heute strahlt der Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg wieder großbürgerliches Flair aus mit seinem gepflegten, sattgrünen Rasen, den bunten Blumenbeeten, mittendrin die Wasserfontäne, den Linden, die den Platz säumen, und dahinter den renovierten und neu gebauten Mietshäusern der vornehmeren Art. "Nach dem Krieg lag hier fast alles in Trümmern. Der ,Viki' war für uns Spielplatz.

Und in den Ruinen haben wir geplündert; Eisen und Buntmetalle gesammelt und verkauft. Da fing es an. Aus dieser Zeit habe ich die Lebensenergie." Peter Zühlsdorff hat bis 1949 in der Ansbacher Straße gewohnt. Damals war er neun Jahre alt. Heute zählt er zu den erfolgreichsten Wirtschaftsmanagern Deutschlands. Er ist zurückgekehrt in seine Geburtsstadt.

Schon vor viereinhalb Jahren. Aber den "Viki" betritt er jetzt zum ersten Mal wieder. Viel Zeit für sentimentale Erinnerungen nimmt er sich nicht. Auch mit seinen 70 Jahren ist er weiter voll im Geschäft. Seit einem halben Jahr soll er als Aufsichtsratsvorsitzender von Berlin Partner den Wirtschaftsstandort Berlin weiter nach vorn bringen. Das macht er in alter Verbundenheit zum Nulltarif.

Peter Zühlsdorff ist das, was man einen Selfmademan nennt. Sehr erfolgreich, dabei aber im Vergleich zu vielen anderen Karrieremenschen uneitel geblieben. Sportlich leger, wie er in dieser heißen Mittagsstunde daherkommt mit der leicht gebräunten Gesichtsfarbe, dem Dreitagebart, der Jeans und dem blauen Oberhemd, hinter dessen offenem Kragen ein Goldkettchen blinkt, sieht man ihm auch die 70 nicht an. "Ich bin jetzt in der Lage, von den anderen Dingen loszulassen. Ich wurde gefragt und freue mich, mit meiner Erfahrung etwas Gutes für Berlin tun zu können. Ich mag diese Stadt."

Erst mal zur See

Er hat sie 1949 verlassen, "als ich vom Vater in den Westen nach Frankfurt am Main exportiert wurde". Er wollte Abitur machen, doch der Vater - so war das damals - entschied anders: Nach der mittleren Reife auf die Handelsschule als Vorbereitung auf das väterliche Erbe, eine florierende Handelsvertretung. Nach einem Jahr erkrankte der Vater schwer und hatte ein Einsehen: "Jetzt kannst du machen, was du willst." Peter Zühlsdorff ist dann als Schiffsjunge zur See gefahren. Im ersten Heimaturlaub starb der Vater. Der damals 16-Jährige blieb an Land. "Seit 1956 bin ich auf der Straße unterwegs", sagt er. Um im Bild zu bleiben: erst eine Stadtstraße, dann eine Landstraße und schließlich ganz lange eine Autobahn. Einer Lehre bei der Speditionsfirma Hamacher in Frankfurt folgen zweieinhalb Jahre als kleiner Angestellter im Warenhaus Woolworth. "Da habe ich entdeckt, dass das Kaufmännische mein Ding ist." Mit Learning by Doing ging es schnell voran.

Apropos Lernen. Wir stehen jetzt an der Ecke Hohenstaufen-/Münchener Straße, die von einem grauen Klotz mit dem Namenszug "Georg-von-Giesche-Oberschule" über dem Haupteingang (heute Gymnasium) dominiert wird. "Dahinter steht meine alte Volksschule. Heute heißt sie Scharmützelsee-Grundschule. Da bin ich 1946 eingeschult worden. Mit Griffel auf Schiefertafel haben wir Schreiben gelernt. Und das erste Lied gelernt. Es hieß ,Glück auf, Glück auf'." Erinnerungen, die man nicht vergisst. Und über die er heute lauthals lacht. Wie noch so oft während unseres Spaziergangs durch das Bayerische Viertel zum Rathaus Schöneberg. Das Viertel ist Anfang des 20. Jahrhunderts von Schöneberger "Millionenbauern", die durch Grundstücksverkäufe reich geworden waren, als nobles Wohnviertel in Konkurrenz zu Charlottenburg und Wilmersdorf gebaut worden.

Das Glück ist Peter Zühlsdorff treu geblieben. Aber nur gepaart mit seinem Fleiß, seiner Energie und seiner Inspiration ist daraus der Topmanager geworden. Mit 27 Jahren wechselt er als Führungskraft in die Marketingabteilung zu Klosterfrau Melissengeist, jener Traditions-Heilkräuter-Mischung aus Köln. Drei Jahre später gewinnt ihn ein Headhunter für einen kleinen Betrieb in Solingen, der Haarschneidegeräte produziert. "Das war sehr mühselig, aber meine beste Lehrzeit. Wir haben nie Geld verdient, aber auch nichts verloren." Eine Bilanz, die er wieder mit einem herzhaften Lachen quittiert. Acht mageren Jahren sollten ganz viele fette folgen. Der Haarkosmetik-Konzern Wella wird auf ihn aufmerksam und bietet ihm eine Spitzenposition an. "18 Jahre war ich bei Wella, davon 17 im Vorstand, die letzten fünf als Vorsitzender." Insider sagen, er sei den Eigentümern irgendwann zu mächtig geworden. Er drückt es bescheidener aus: "Wir sind nach 18-monatiger Diskussion zu der Überzeugung gekommen, dass wir nicht mehr übereinstimmen. Und das war's dann eben."

Ohnehin ist er der Überzeugung, dass man spätestens nach zehn Jahren immer etwas anderes machen sollte: "Danach schwinden Innovation und Inspiration. Stagnierende Routine beginnt. Bei Wella habe ich es nur länger ausgehalten, weil sich in regelmäßigen Abständen mein Anforderungsprofil veränderte." Seitdem ist Peter Zühlsdorff ein gefragter Krisenmanager und Sanierer. Er hat den angeschlagenen Handelskonzern Tengelmann (Kaiser's Tengelmann, Obi) wieder auf Kurs gebracht, das Duale System Deutschland (Grüner Punkt) auf Gewinn getrimmt, die Textilkette Sinn Leffers gerettet; im Auftrag der Deutschen Bank restrukturierte er deren Deutsche Industrie Holding (DIH) mit Unternehmen der Baubranche in Ostdeutschland - so solide und überzeugend, dass er 1999 die DIH selbst übernahm und sich an weiteren, nicht mehr nur ostdeutschen mittelständischen Firmen beteiligte. Er ist weiterhin der Chef. Die Geschäftsführung aber überträgt er, "weil ich nun doch ein bisschen kürzertreten will", schrittweise jüngeren Mitarbeitern.

Zühlsdorff, der Alleskönner? Wieder ein Lachen. Diesmal zeugt es von Zufriedenheit. Und er hat eine Antwort parat auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept. "Ich war nie angetrieben von Geld oder Karriere - nur von Neugier. Diese Neugier hab ich in Produktivität umgesetzt. Ich bin wohl auch ein guter Stratege und Konzeptionalist und kann Menschen mitnehmen." Er sei allerdings kein besonderer Netzwerker, in kein Netz eingebunden. Aber er habe im Laufe der Zeit sehr viele Menschen kennengelernt. Auch während seiner Jahre im Ausland. Internationale Erfahrung und Kontakte hat er unter anderem in Tokio, New York und Moskau gesammelt. Allerdings nie beim Golfen. Dafür habe er weder Zeit noch Lust.

Eine besondere Freundschaft verbindet ihn mit Otto Schily, dem früheren Grünen, dann Sozialdemokraten und als solchem als "harter Hund" gefürchteten Bundesinnenminister. Und das kam so: Zühlsdorff war seit Langem mit Ottos Bruder Konrad befreundet. Der wurde eines Tages Ohrenzeuge eines Telefonats, in dem sich Zühlsdorff - zu jener Zeit Lobbyist in der Lebensmittelbranche - lautstark über das damals propagierte Zwangspfand ausließ. Da Bruder Otto dieses auch nicht wollte, arrangierte Konrad ein Treffen der beiden Pfandgegner. Die mochten sich auf Anhieb, auch wenn Zühlsdorff dem Herrn Minister nur mitteilen konnte, dass "dieser ökonomische Unsinn nicht mehr zu verhindern ist". Er habe aber einen großen Wunsch: Er würde gerne etwas für den Wirtschaftsaufbau Ost tun. Umsonst. Ein paar Wochen später rief Otto bei Peter an: Er habe kein Angebot für den Aufbau Ost, aber ein Problem mit Leipzigs Olympia-Bewerbung 2012. Deren Geschäftsführer sei wegen zahlreicher Affären gefeuert worden. Aus Neugier nahm Zühlsdorff auch diese Herausforderung an.

Tür an Tür mit Schily

Zu retten war wieder nicht mehr viel. Nur mit Anstand zu verlieren. Dank seines Verhandlungsgeschicks und seiner ausgleichenden Art im Gegensatz zum eher aufbrausenden Temperament Schilys ist zumindest das gelungen. Ein Einsatz für Leipzig, Sachsen und Deutschland, der sein Leben auch um die Erfahrung eines "Ein-Euro-Jobbers" bereichert hat. Die eine, in Acryl gefasste Münze, von Schily als Dank überreicht, steht seitdem auf seinem Schreibtisch. Die beiden blieben im Kontakt. Als Zühlsdorff nach Berlin heimkehrte, empfahl ihm Schily ein Büro gleich neben dem seinen. Seitdem arbeiten sie am Gendarmenmarkt Tür an Tür.

Wer so eng mit Olympia und damit mit dem IOC zu tun hatte, der dürfte etwas über die mafiösen Zustände dort - ähnlich wie bei der Fifa - erfahren haben. Und jetzt ist auch noch Münchens Winter-Bewerbung gescheitert. Was läuft denn da wie, Herr Zühlsdorff? "Die Welt des Sports ist eine ganz, ganz andere Welt. Die lebt für sich. Die hat mit all den Welten, die ich sonst kenne, nichts zu tun. Aber auch gar nichts. Beim IOC, mit dem ich Erfahrung gemacht habe, geht es nur um Kohle, Kohle, Kohle ..."

Vor dem Schöneberger Rathaus finden wir einen schattigen Platz im Café "Tomasa", bestellen Eiskaffee und sprechen endlich über sein neues Engagement für Berlin. Ein weiteres Krisenmanagement? "Berlin stellt sich wesentlich besser dar, als auch ich es vorher mit meinem typisch westdeutschen Blick gesehen habe. Es ist hipp, jung, viel Kultur. Aber in der Wahrnehmung der Westdeutschen gibt es in Berlin viele negative Dinge. Das müssen wir ändern. In meiner Zeit als Sanierer habe ich gelernt: Konzentriere dich auf das Wesentliche. In Berlin gibt es ganz viele Kreise, die etwas für die Stadt tun. Aber sie verlieren sich zu oft in Detaildiskussionen." Er wird konkret: Fast 300 000 Menschen arbeiten in der Gesundheitswirtschaft, die Stadt hat drei Universitäten, an die 100 Hochschulen. "Aber es fehlt die Bündelung. Es wird von Buch geredet, von Adlershof, vom Technologiezentrum Charlottenburg. Warum machen wir daraus nicht so etwas wie das MIT, das weltbekannte Massachusetts Institute of Technology bei Boston? Warum fassen wir unsere Kapazitäten nicht zusammen zum zumindest in Deutschland größten IT- oder Medizinzentrum? Wir haben ein Kommunikationsproblem hinsichtlich der Potenziale Berlins. Solange die deutschen Entscheider Berlin nicht im Fokus haben, werden sie nicht begreifen, welche außerordentliche Innovationskraft in dieser Stadt steckt." Was lockt ihn denn als Aufsichtsratsvorsitzenden von Berlin Partner, der Organisation, die operativ für Unternehmensansiedlung und Marketing verantwortlich ist? "Ich möchte dazu beitragen, ein Leitbild für Berlin zu entwickeln. Die Stadt hat beispielsweise viele Voraussetzungen, sich weltweit als Metropole für Nachhaltigkeit zu positionieren. Nicht nur ökologische, auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Argumente sprechen dafür. Es ist ja kein Zufall, dass das Lebensgefühl der Stadt so viele junge Menschen aus aller Welt anzieht. Berlin hat immer von der Zuwanderung gelebt. Warum entwickeln wir dieses Berliner Lebensgefühl als eines mit Nachhaltigkeitseffekt nicht international zu unserem Markenzeichen?"

Neue Gedanken und frischer Wind sind immer gut für Berlin. Aber findet ein Topmanager in Berlin auch das Gehör, das er gewohnt ist? Peter Zühlsdorff hat in den ersten sechs Monaten den Eindruck gewonnen, dass er auch in seiner Heimatstadt noch etwas bewegen kann. Eher Naheliegendes hat er denn auch schon angestoßen. Erstmals werden im Beirat von Partner für Berlin, der Schwesterorganisation, in der Berliner Unternehmen für ihre Stadt werben, demnächst je ein Vertreter auch der starken türkischen und russischen Community sitzen.

Seine Rückkehr nach Berlin versteht Peter Zühlsdorff auch als einen Beitrag zur Entschleunigung seines hochtourigen Lebens: keine Abend- und Wochenendtermine mehr, Auswärtsübernachtungen gestrichen, höchstens noch zwei Flugtage in der Woche. Per Saldo aber noch immer eine Fünftagewoche, acht bis zehn Stunden täglich. "Aber ganz ohne Stressgeschichten." Nicht schlecht für einen Siebzigjährigen. Und gut für Berlin.