Anschlag in Norwegen

Wie aus dem Nichts: Tödlicher Terror in Oslo

Der tödliche Terror traf Norwegen völlig überraschend und mitten in der Ferienzeit: Als am Freitagnachmittag das Osloer Regierungshauptquartier von einer gewaltigen Bombenexplosion erschüttert wurde, war die Hälfte der Hauptstadtbewohner auf dem Land oder in südlicheren Gefilden.

Trotzdem schlugen die Attentäter mit fürchterlicher Härte zu: Blutende Verletzte irrten bei regnerischem Wetter durch die Straßen. Mitarbeiter der Tageszeitung "Aftenposten" berichteten von Opfern, die blutend auf der Straße lagen. Im Fernsehen war zu sehen, wie sich Sanitäter um Verletzte auf dem Bürgersteig kümmerten. Rettungskräfte brachten eine Frau in Sicherheit, deren blondes Haar blutverschmiert war. Passanten beugten sich über Verletzte und leisteten ebenfalls Erste Hilfe.

Bei der bislang tödlichsten Bombenexplosion in der Geschichte der norwegischen Hauptstadt Oslo sind nach bisherigen Angaben sieben Menschen ums Leben gekommen. Ins Osloer Ulleval-Krankenhaus wurden mindestens 20 zum Teil schwer Verletzte eingeliefert.

Ein Polizeisprecher sagte, vor der Explosion sei ein Auto mit hoher Geschwindigkeit in dem Viertel gesichtet worden, dazu, ob es sich um eine Autobombe gehandelt haben könnte, wollte er sich zunächst aber nicht äußern. Die Polizei rief die Bevölkerung dazu auf, Menschenansammlungen zu meiden und sich nach Hause zu begeben. Aus Angst vor weiteren Detonationen wurde die Innenstadt evakuiert. Erst sperrte die Polizei die Umgebung des Regierungsviertels am Youngstorget weitläufig ab, dann ließ sie auch den Hauptbahnhof räumen.

Betroffen war von dem Anschlag auch das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der nach Angaben eines Regierungsberaters am Freitag von zu Hause aus arbeitete und unverletzt blieb. "Das ist sehr ernst", beschrieb Stoltenberg in einem Telefonat mit dem Fernsehsender TV2 die Lage. Zugleich nannte er es zu früh, um zu sagen, ob es sich um einen Terroranschlag gehandelt habe. Der Regierungschef versicherte, alle Minister seines Kabinetts seien nach dem Anschlag auf einen Gebäudekomplex mit Regierungsbüros unversehrt.

"Erdgeschoss wie weggeblasen"

In dem Hochhaus mit Stoltenbergs Büro im obersten Stockwerk sind mehrere Ministerien untergebracht. Das Erdgeschoss sei "wie weggeblasen", heißt es in einem Augenzeugenbericht der Zeitung "Aftenposten". Das Energie- und Ölministerium ganz in der Nähe sei am schlimmsten verwüstet worden.

Der Platz, auf dem die Bombe explodierte, war mit verbogenem Metall und Glasscherben bedeckt. Die Gegend war auch mit Dokumenten übersät, die aus den umliegenden Gebäuden geflogen waren. In den Gebäuden befinden sich neben Büros der Regierung Redaktionsräume führender norwegischer Zeitungen.

Der norwegische Staatssekretär Hans Kristian Amundsen sagte dem britischen Rundfunksender BBC, mehrere Menschen seien in den von der Detonation getroffenen Gebäuden eingeschlossen. Die Situation sei die schlimmste, die sein Land jemals erlebt habe.

Auf Videoaufnahmen von NRK war ein rauchgeschwärztes Auto zu sehen, das umgekippt inmitten von Trümmern lag. Augenzeuge Ole Tommy Pedersen berichtete, er habe rund 100 Meter von dem Hochhaus mit den Regierungsbüros entfernt gestanden, als sich die Detonation ereignete. Er habe drei oder vier Verletzte gesehen, die wenige Minuten später aus dem Gebäude getragen worden seien.

Ein Reporter der AP, der sich in dem Gebäude der norwegischen Nachrichtenagentur NTB aufhielt, berichtete, das Gebäude sei durch die Explosion ins Wanken gekommen. Alle Mitarbeiter hätten sich in Sicherheit gebracht, als der Alarm losgegangen sei. An der Straße habe er einen Mann mit einem blutenden Bein gesehen, der weggeführt wurde.

Zahl der Bomben noch unklar

Polizeichef Anstein Gjengdal sagte, es seien "eine oder mehrere" Bomben explodiert. Auf die Frage, ob es sich um einen Autobombenanschlag handele, sagte Gjengdal, möglicherweise sei ein Fahrzeug verwendet worden. Eine Bestätigung dafür gebe es aber nicht. Die Osloer Polizei wollte auch nicht darüber spekulieren, wer hinter dem Anschlag steckten könnte.

Die Zeitung "Dagbladet" berichtete, die Polizei habe am Unglücksort erklärt, der Angriff sei gegen das Öl- und Energieministerium gerichtet gewesen. CNN berichtete ein Augenzeuge von "sehr heftigen Explosionen". Menschen seien panisch geflohen. "Alle haben geweint, viele versuchten hektisch jemanden per Handy zu erreichen", sagte der telefonisch zugeschaltete Zeuge, der nach eigenen Angaben nur 15 Meter von der Explosion entfernt war. Die Straße sei zum Zeitpunkt der Explosion voll gewesen.

Bereits Minuten nach der Detonation begannen Augenzeugen, ihre Aufnahmen ins Internet zu stellen. Ihre Fotos und Videos hielten die Zerstörung in Oslo fest und dokumentierten das Entsetzen der Menschen. Erste Internetportale sammelten das bereits verfügbare Material, das vor allem über die Online-Dienste Twitter und YouTube ins Netz gespeist wurden und sich dort rasant verbreitete. Unklar blieb für die Nutzer, ob alle Bilder auch tatsächlich das Geschehen abbildeten.

Es waren die schwersten Anschläge seit Jahrzehnten in Norwegen. Das Land ist mit 500 Soldaten am Nato-Einsatz in Afghanistan beteiligt und hatte auch an der internationalen Intervention in Libyen teilgenommen.